Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit Malariamittel und Blutdrucksenker gegen das Glioblastom

10.12.2013
Das Glioblastom ist der häufigste bösartige Hirntumor im Erwachsenenalter – und bis heute nicht heilbar. Auch nach scheinbar erfolgreicher Operation, Bestrahlung und Chemotherapie wächst der Tumor erneut.

Jetzt haben Wissenschaftler, darunter der Ulmer Neurochirurg Professor Marc-Eric Halatsch, einen „Medikamentencocktail“ entwickelt, mit dem sich die Überlebenszeit von Patienten mit einem Rezidiv womöglich verbessern lässt.Die Besonderheit: Fast alle Bestandteile des so genannten CUSP9-Protokolls sind bereits zur Therapie anderer Krankheiten zugelassen. Darunter finden sich ein Malariamittel sowie Substanzen gegen hohen Blutdruck und HI-Viren, jedoch kein einziges Krebsmedikament.

Der neue Therapieansatz ist das erste Produkt eines von Halatsch gegründeten Netzwerks aus Ärzten und Wissenschaftlern zur besseren Therapie des Glioblastoms. Ein Fachartikel zum CUSP9-Protokoll ist im Journal „Oncotarget“ erschienen.

Ein Glioblastom wird besonders oft bei Menschen im mittleren oder fortgeschrittenen Lebensalter diagnostiziert. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen. Der Tumor entwickelt sich aus Gliazellen des Gehirns, wächst rasch und infiltiert das umliegende Gewebe. Die mittlere Lebenserwartung mit Standardtherapie beträgt 14 Monate ab Diagnosestellung, nur wenige Patienten überleben mehrere Jahre.

Behandlungsmöglichkeiten umfassen die chirurgische Entfernung des Tumorgewebes, Bestrahlung und eine Chemotherapie mit Temozolomid. Meist kommt es innerhalb von zwölf Monaten zum Rezidiv. Seit einigen Jahren gibt es keine wesentlichen Therapiefortschritte, weshalb die Forscher um Marc-Eric Halatsch ungewöhnliche Wege gehen: „In einer umfangreichen Recherche haben wir eine Liste von bereits zugelassenen oder vermarkteten Medikamenten erstellt, die gegen den Tumor wirksam sein könnten“, erklärt der Neurochirurg.

Mit seinem amerikanischen Kollegen Dr. Richard Kast (University of Vermont) habe er dann nach Ärzten und Wissenschaftlern gesucht, die „Experten“ für die gelisteten Medikamente und ihre Anwendung in der Krebstherapie sind. So ist das Netzwerk „International Initiative for Accelerated Improvement of Glioblastoma Care“(IIAIGC) entstanden. Gemeinsam haben die Forscher die Zahl der potentiell geeigneten Substanzen auf neun reduziert.

Die neue Wirkstoffkombination, genannt „Coordinated Undermining of Survival Paths with nine repurposed drugs“ (CUSP9), setzt sich aus Mitteln gegen Übelkeit, Rheuma, Malaria, HIV und Bluthochdruck zusammen. Dazu kommen ein Antimykotikum und ein Antidepressivum, eine Substanz zum Alkoholentzug sowie ein Nahrungsergänzungsmittel. Marc-Eric Halatsch erklärt den Vorteil: „Da das CUSP9-Protokoll auf zugelassenen oder bereits vermarkteten Medikamenten basiert, sind die minimalen durchschnittlichen Wirkstoffkonzentrationen im menschlichen Plasma, Liquor oder Hirngewebe bekannt. In vielen Fällen können wir auf umfangreiche Anwendungserfahrungen zurückgreifen.“ Mögliche Wechselwirkungen der Substanzen haben die Forscher mithilfe einer datenbank- und softwaregestützten Analyse erfasst.

Nach diesen Vorarbeiten erprobten sie ihre Wirkstoffkombination in Zellkulturen aus dem Tumorgewebe von Patienten. Mit ermutigenden Ergebnissen: CUSP9 führte unter den gegebenen Bedingungen zu einem beeindruckenden Absterben der Glioblastomzellen. „Das Konzept beruht darauf, die Glioblastomzellen durch eine Vielzahl konzertierter molekularer Interaktionen, von denen jede schwächer ist als die Wirkung eines Chemotherapeutikums, zu destabilisieren und zu töten“, erläutert Professor Halatsch.

Im Zuge individueller Heilversuche wird CUSP9 derzeit bei zwei Patienten eingesetzt – und offenbar gut vertragen. Um starke Nebenwirkungen auszuschließen, werden die Betroffenen engmaschig überwacht. Eine klinische Studie soll im nächsten Jahr beginnen. Die Beantragung wird von der Schweizer Organisation „Reliable Cancer Therapies“ (RCT) unterstützt.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Marc-Eric Halatsch, Tel.: 0731/500-55001

Kast, Richard, John A. Boockvar, Ansgar Brüning, Francesco Cappello, Wen-Wei Chang, Boris Cvek, Q Ping Dou, Alfonso Duenas-Gonzalez, Thomas Efferth, Daniele Focosi, Seyed H. Ghaffari, Georg Karpel-Massler, Kirsi Ketola, Alireza Khoshnevisan, Daniel Keizman, Nicolas Magné, Christine Marosi, Kerrie McDonald, Miguel Muñoz, Ameya Paranjpe, Mohammad H. Pourgholami, Iacopo Sardi, Avishay Sella, Kalkunte S. Srivenugopal, Marco Tuccori, Weiguang Wang, Christian R. Wirtz, & Marc-Eric Halatsch. "A conceptually new treatment approach for relapsed glioblastoma: Coordinated undermining of survival paths with nine repurposed drugs (CUSP9) by the International Initiative for Accelerated Improvement of Glioblastoma Care." Oncotarget [Online], 4.4 (2013): 502-530. Web. 28 Nov. 2013

Annika Bingmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-ulm.de/
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3720600/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Im Mikrokosmos wird es bunt: 124 Farben dank RGB-Technologie
22.06.2017 | Max-Planck-Institut für Biochemie

nachricht CO2-neutraler Wasserstoff aus Biomasse
22.06.2017 | Technische Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Informationstechnologie - Internationale Konferenz erstmals in Aachen

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Auf die richtige Verbindung kommt es an: Tiefe Hirnstimulation bei Parkinsonpatienten individuell anpassen

22.06.2017 | Medizintechnik

CO2-neutraler Wasserstoff aus Biomasse

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

22.06.2017 | Geowissenschaften