Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lug und Trug im Korallenmeer: Wie ein kleiner Fisch seine Beute austrickst

20.03.2015

Basler Zoologen sind einem Geheimnis der farbenprächtigen Korallenriffe auf der Spur: Sie haben vor Australien Zwergbarsche entdeckt, die ihre Farbe ändern, um andere Fische zu imitieren – und um dann deren Jungen leichter fressen zu können. Der Farbwechsel hilft den Zwergbarschen auch, sich vor eigenen Fressfeinden zu schützen. Die Arbeit wird in der aktuellen Ausgabe des renommierten Wissenschaftsmagazins «Current Biology» vorgestellt.

Tropische Korallenriffe wie das Great Barrier Reef vor Australien gehören zu den farbenprächtigsten Lebensräumen der Erde. Doch diese Farbenvielfalt stellt die Wissenschaft immer noch vor Rätsel: Wieso kommen gerade dort so viele bunte Organismen wie Korallen, Krustentiere und Fische auf engstem Lebensraum vor?


Gelbe Zwergbarsche kommen auf lebenden Korallen vor, auf denen sie getarnt sind.

Christopher E Mirbach


Ein gelber Zwergbarsch (links) und sein harmloses Vorbild, eine Ambon-Demoiselle.

William E Feeney

Besonders viele Farbvarianten weist etwa der braune Zwergbarsch Pseudochromis fuscus auf, der zum Teil auch noch die Farbe wechseln kann. Doch warum Zwergbarsche, die bis 10 Zentimeter gross werden können, mehrere Farbformen haben und ihre Farbe wechseln, blieb lange ungeklärt.

Einem internationalen Forschungsteam um die Basler Evolutionsbiologen Dr. Fabio Cortesi und Prof. Walter Salzburger ist es nun gelungen, die ökologischen und evolutionären Grundlagen des Farbwechsels bei den Zwergbarschen aufzuklären.

Bisher wurde angenommen, dass ihre Farbenvielfalt genetisch bedingt ist – dass sich also die verschiedenfarbigen Zwergbarsche an unterschiedliche Hintergrundfarben anpassen. Die Zoologen zeigten nun aber, dass Zwergbarsche ihre Farbe aktiv und innerhalb von relativ kurzer Zeit ändern können. Ihr Ziel dabei: andere Fischarten in ihrer Umgebung zu imitieren, um sich dann an deren Nachkommen gütlich zu tun.

«Wölfe im Schafspelz»

Lug und Trug sind im Tierreich alltäglich und dienen dazu, sich Zugang zur Nahrung oder Partnern zu erleichtern oder um sich vor Feinden zu tarnen. Wird allerdings zu oft oder im falschen Moment getäuscht, dann riskieren die Betrüger, aufzufliegen.

Die Basler Forscher konnten bei den Zwergbarschen nun ein besonders raffiniertes Vorgehen beobachten: Die Fische imitieren abwechselnd verschiedene harmlose Fischarten in ihrer Umgebung, um zu verhindern, dass sie von ihrer Beute, den Jungen der imitierten Fische, erkannt werden.

«Diese Strategie ist dem klassischen Beispiel des Wolfs im Schafspelz sehr ähnlich. Die Zwergbarsche nutzen aber zusätzlich den Vorteil aus, ihr Aussehen kurzerhand wechseln zu können, wenn die Beutefische Verdacht schöpfen und achtsam werden», kommentiert Erstautor Dr. Fabio Cortesi die Befunde. Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit Kollegen in Australien, Grossbritannien, Kanada und Schweden im Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens durchgeführt.

Forscher trainieren Fische

Der Farbwechsel bringt den Zwergbarschen jedoch auch noch weitere Vorteile ein – sie können sich damit besser tarnen. So trainierten die Forscher die etwas grösseren Forellenbarsche darauf, Bilder von Zwergbarschen vor verschiedenen Hintergründen anzugreifen. Dabei zeigte sich, dass die Forellenbarsche weniger auf Fischbilder losgingen, die zur Farbe des natürlichen Hintergrunds jener Fische passte, welche die Zwergbarsche jeweils imitierten.

«Die Zwergbarsche haben also eine ausgeklügelte Form der Tarnung entwickelt, die ihnen nicht nur einen räuberischen Vorteil verschafft, sondern sie gleichzeitig auch noch vor ihren eigenen Fressfeinden schützt», fasst Cortesi die Resultate der Studie zusammen.

Ein Teil des Rätsels der Farbenpracht der tropischen Korallenriffe scheint damit gelöst. Ihre Bewohner zeigen eine fast unglaubliche Vielfalt an Farben und Formen, von denen viele die Funktion des Warnens und Tarnens haben, wie bekannt ist. So imitieren Steinfische ihre Umgebung, um sich neugierigen Blicken zu entziehen, marine Nacktschnecken kündigen ihre Widerwärtigkeit durch grelle Warnsignale an und Tintenfische wechseln blitzschnell ihre Farben, um je nach Situation Partner zu umwerben oder sich vor Feinden zu tarnen.

Originalbeitrag

Fabio Cortesi, William E. Feeney, Maud C. O. Ferrari, Peter A. Waldie,
Genevieve A. C. Phillips, Eva C. McClure, Helen N. Sköld, Walter Salzburger, N.
Justin Marshall, and Karen L. Cheney
Phenotypic plasticity confers multiple fitness benefits to a mimic
Current Biology, published online 19 March 2015, doi: 10.1016/j.cub.2015.02.013

Weitere Auskünfte

Dr. Fabio Cortesi, Departement Umweltwissenschaften der Universität Basel, Fachbereich Zoologie, Tel. +41 78 761 24 41, E-Mail: fabio.cortesi@uqconnect.edu.au

Weitere Informationen:

https://www.youtube.com/watch?v=UFUQYFdZwlw - Video
http://www.salzburgerlab.org - Forschungsgruppe Prof. Walter Salzburger
http://www.cell.com/current-biology/abstract/S0960-9822%2815%2900151-7- Abstract

Christoph Dieffenbacher | Universität Basel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Erster Atemzug prägt Immunsystem nachhaltig
22.02.2017 | CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

nachricht Wie Proteine zueinander finden
21.02.2017 | Charité – Universitätsmedizin Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wunderwelt der Mikroben

22.02.2017 | Veranstaltungen

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungen

Physikerinnen und Physiker diskutieren in Bremen über aktuelle Grenzen der Physik

21.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mehr Sicherheit für Flugzeuge

22.02.2017 | Messenachrichten

HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

22.02.2017 | Verkehr Logistik

Positronen als neues Werkzeug für die Forschung an Lithiumionen-Batterien: Löcher in der Elektrode

22.02.2017 | Energie und Elektrotechnik