Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

LMU-Forscher entdecken genetischen Zusammenhang zwischen Folsäure-Bedarf und Eierstockfunktion

21.01.2009
Genetische Veränderung offenbar mit verantwortlich für Fehlgeburten und Komplikationen in der Schwangerschaft

Jeder zweite Mitteleuropäer trägt eine genetische Veränderung, die zu einer zentralen enzymatischen Funktionseinschränkung führt. Der Basenausstausch 677C>T im Gen der Methylentetrahydrofolat-Reduktase (MTHFR) hat einen höheren Bedarf an Folsäure (Vitamin B9) zur Folge.

Ohne eine ausreichende Vitaminversorgung besteht für betroffene Personen ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Betroffene Mütter haben offenbar auch ein höheres Risiko für Fehlgeburten und andere Komplikationen in der Schwangerschaft. Die Arbeitsgruppe um Professor Christian Thaler (Leiter des Hormon- und Kinderwunschzentrums an der Frauenklinik der LMU München - Camus Großhadern), und den Molekularbiologen Professor Peter Lohse (Institut für Klinische Chemie - Campus Großhadern) hat jetzt entdeckt, dass die MTHFR-677C>T-Mutation auch einen wichtigen Einfluss auf zentrale Funktionen der Eierstöcke hat.

In der neuesten Ausgabe von Fertility and Sterility (Vol. 91, No. 1, Januar 2009, p. 56-61), dem renomierten Journal der American Society for Reproductive Medicine, berichten Stefanie Hecht und Roman Pavlik von der Arbeitsgruppe Thaler von neuesten Untersuchungen an Patientinnen, bei denen im Rahmen der assistierten Fortpflanzung (in vitro-Fertilisation) eine Entnahme von Eizellen durchgeführt wurde. Bei diesem Eingriff werden quasi als Nebenprodukt auch die Flüssigkeit der Eibläschen (Follikelflüssigkeit) sowie hormonproduzierende Zellen der Eierstöcke (Granulosazellen) abgesaugt. Hecht und Pavlik konnten zeigen, dass die Östradiol-Produktion (weibliches Hormon) der Granulosazellen von MTHFR-677C>T-Trägerinnen deutlich vermindert war und dementsprechend auch die Follikelflüssigkeit dieser Frauen signifikant verminderte Östradiol-Konzentrationen zeigte.

Prof. Thaler: "Wir hatten bereits seit einiger Zeit bemerkt, dass Trägerinnen dieser MTHFR-Mutation im Rahmen der Kinderwunschbehandlung deutlich mehr Follikel-stimulierendes Hormon (FSH) benötigten, und dass diese Patientinnen trotz der höheren Dosierung eine geringere Zahl befruchtungsfähiger Eizellen und gleichzeitig eine geringere Östradiolproduktion aufwiesen." Diese Ergebnisse sind von hohem praktischem Interesse, denn es liegt nahe, dass die reduzierte Eierstocksfunktion der betroffenen Patientinnen möglicherweise durch eine optimierte Folsäuregabe zu bessern ist. Tatsächlich konnten zahlreiche andere Probleme und Risiken von MTHFR-677C>T-Mutationsträgerinnen durch eine entsprechende Vitaminbehandlung ausgeglichen werden.

Die Arbeitsgruppe um Thaler und Lohse hatte bereits im Jahre 2000 für Aufmerksamkeit gesorgt. Damals hatte sie berichtet, dass Trägerinnen der MTHFR-677C>T-Mutation deutlich seltener zweieiige Zwillinge zur Welt bringen. Thaler kommentiert diese Ergebnisse im Lichte der neuesten Daten: "Unsere damalige Beobachtung passt exakt zu den neuen Ergebnissen von Hecht und Pavlik. Ein reduziertes Ansprechen der Eierstöcke auf die Stimulation durch FSH kann sehr gut erklären, warum Frauen seltener gleichzeitig zwei Eibläschen ausreifen - und exakt dieser Vorgang ist die Voraussetzung für zweieiige Zwillinge!" Ganz in diese Überlegungen passen auch neuere Daten aus Schweden und Ungarn, wonach eine erhöhte Gabe von Folsäure offenbar auch die Zwillingshäufigkeit beeinflusst. Bei Müttern, die zu Beginn ihrer Schwangerschaft viel Folsäure zu sich genommen hatten, erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit für zweieiige Zwillinge signifikant.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Christian J. Thaler
Leiter des Hormon- und Kinderwunschzentrums
Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Klinikum der Universität München - Campus Großhadern
81377 München
Tel: +49-89-7095-4588
Mobil: +49-170-4940540
Klinikum der Universität München
Im Klinikum der Universität München (LMU) sind im Jahr 2007 an den Standorten Großhadern und Innenstadt etwa 500.000 Patienten ambulant, poliklinisch, teilstationär und stationär behandelt worden. Die 44 Fachkliniken, Institute und Abteilungen verfügen über mehr als 2.300 Betten. Von insgesamt 9.700 Beschäftigten sind rund 1.700 Mediziner. Forschung und Lehre ermöglichen eine Patientenversorgung auf höchstem medizinischem Niveau. Das Klinikum der Universität München hat im Jahr 2007 etwa 57 Millionen Euro an Drittmitteln eingeworben und ist seit Juni 2006 Anstalt des öffentlichen Rechts.

Philipp Kressirer | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenchen.de
http://www.kinderwunsch-uni-muenchen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der Evolutionsvorteil der Strandschnecke
28.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Mobile Goldfinger
28.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Von Agenten, Algorithmen und unbeliebten Wochentagen

28.03.2017 | Unternehmensmeldung

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit