Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Leben mit Waldbrand - Gefahren und Chancen

20.01.2010
In Zukunft dürften die Sommer in der Schweiz aufgrund des Klimawandels wärmer und trockener als bisher werden. In niederschlagsarmen Regionen ist daher mit einer grösseren Waldbrandgefahr zu rechnen.

In einer neuen Entscheidungshilfe fassen Wissenschafter der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL in Zusammenarbeit mit der Dienststelle für Wald und Landschaft des Kantons Wallis die Folgen des Brandes von Leuk, Kanton Wallis, vom August 2003 auf Boden, Erosion, Tiere und Pflanzen zusammen und leiten technische und forstbetriebliche Massnahmen im Hinblick auf zukünftige Brandereignisse ab.

Im Gegensatz zu Waldbränden im Tessin, die sich vorwiegend im Winterhalbjahr ereignen, besteht im Wallis vor allem im Hochsommer eine erhöhte Waldbrandgefahr. Dieses dürfte in den kommenden Jahrzehnten noch zunehmen, wenn sich das Klima wie erwartetet weiter verändert. Höhere Sommertemperaturen führen zu grösserer Wasserverdunstung bei gleichviel oder gar weniger Niederschlägen. In den Böden des trockenen Wallis wird dadurch die Wasserverfügbarkeit für Pflanzen noch kleiner. Unter solchen Bedingungen kann sich Feuer leichter ausbreiten und zu grösseren Schäden führen als bisher.

Gezielte Massnahmen vor und nach Waldbrand

Durch die Zunahme sommerlicher Dürren wird die Waldbrandgefahr in trockenen Alpentälern zunehmen. Häufigere Brände dürften die Waldentwicklung stark verändern: sie verringern die Holzvorräte und verschärfen die Erosions- und Steinschlaggefahr. Diesen Gefahren kann durch vorausschauende Massnahmen wie der Anlage von Löschteichen, dem Bau zusätzlicher Waldwege in brandgefährdeten Schutzwäldern oder der strikten Durchsetzung eines Feuerverbotes entgegengewirkt werden.

In gefährdeten Regionen braucht es Waldbrand-Bekämpfungskonzepte, die sowohl vorbeugende Massnahmen als auch die Gefahrenbeobachtung, Organisation von Feuerwehren und Verbesserung der Infrastruktur umfassen. Nach einem Waldbrand sind technische und forstbetriebliche Massnahmen erforderlich: von der Hangsicherung zur Verhinderung von Erosionen, Rutschungen und Steinschlag, bis hin zur Anlage von Lawinenschutzanlagen und Aufforstungen. In waldbrandgefährdeten Gebieten sollte der Anteil von Baumarten mit dicker Borke, die nach einem Brand wieder austreiben, erhöht werden. Auf der Brandfläche oberhalb von Leuk zeigte sich, dass in Lagen bis zu 1100 m über Meer viele ältere Flaumeichen wieder austrieben und dass am Brandrand oberhalb von 1600 m über Meer gut die Hälfte aller Lärchen im Verlaufe von vier Jahren wieder grün wurden. Dagegen erholten sich angesengte Fichten am Waldrand kaum.

Grosse Artenvielfalt mit vielen seltenen Arten

Die Untersuchungen in Leuk ergaben, dass sich die Natur nach einem Waldbrand schnell wieder erholt. Durch die Veränderung der Umweltbedingungen nimmt bei Pflanzen, Insekten und Spinnen die Artenvielfalt rasch zu und übertrifft diejenige des benachbarten Waldes. Bei den Bäumen fällt auf, dass Pionierbaumarten mit leichten, gut vom Wind verbreiteten Samen wie Zitterpappel, Birke und Weidenarten eine 300 Hektare grosse Brandfläche deutlich schneller besiedeln als langlebige Schlussbaumarten wie Fichte, Waldföhre und Lärche, deren schwere Samen kaum mehr als 100 m weit vom Wind verfrachtet werden.

Eine Waldbrandfläche kann für eine Region auch im Hinblick auf Naturschutzaspekte eine Bedeutung haben. In Leuk zeigte sich, dass einige im Wallis seltene Pflanzen- und Tierarten wie beispielsweise der als verschollen geltende Erdbeerspinat (Blitum virgatum), die Italienische Schönschrecke (Calliptamus italicus) und zahlreiche Bock-, Pracht- und Laufkäferarten auf der Brandfläche plötzlich in grösseren Mengen vorkommen. Einige dieser Arten gelten sogar als feuerliebend, sind für ihre Entwicklung also auf verbrannten Untergrund angewiesen, um sich voll entwickeln zu können.

Neues WSL-Merkblatt

Die vielfältigen Ergebnisse zur Forschung nach dem grossflächigen Waldbrand in Leuk sowie zu deren Stellenwert im landesweiten Vergleich liegen nun in einer Entscheidungshilfe vor. Zahlreiche Autorinnen und Autoren haben ihre Forschungsergebnisse aus dem Wallis und auch aus dem Tessin im soeben erschienenen "Merkblatt für die Praxis Nr. 46" der WSL zusammengefasst. Es ist erhältlich im WSL-Shop und kann auch als PDF via Internet heruntergeladen werden.

Reinhard Lässig | idw
Weitere Informationen:
http://www.wsl.ch/publikationen/pdf/10052.pdf
http://www.wsl.ch/forschung/forschungsunits/walddynamik/stoerungsoekologie/waldbrand_wallis/index_DE

Weitere Berichte zu: Artenvielfalt Brandfläche Erosion Kanton Leuk Massnahmen Samen WSL Waldbrand Waldbrandgefahr

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Auf der Suche nach Universal-Grippeimpfstoffen – Neuraminidase unterschätzt?
21.06.2018 | Paul-Ehrlich-Institut - Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel

nachricht Organische Kristalle mit Twist und Selbstreparatur
21.06.2018 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der “Stein von Rosetta” für aktive Galaxienkerne entschlüsselt

21.06.2018 | Physik Astronomie

Schneller und sicherer Fliegen

21.06.2018 | Informationstechnologie

Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

21.06.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics