Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Krankhafte Tau-Proteine lassen neuronale Netzwerke einschlummern: Wirkstoff „Rolofylline“ mögliches Gegenmittel

06.10.2016

Wirkstoff „Rolofylline“ mögliches Gegenmittel

Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) stellen im Fachjournal PNAS neue Erkenntnisse über die Rolle des Proteins Tau bei bestimmten Hirnerkrankungen vor. Ihre Laborstudie deutet darauf hin, dass der Wirkstoff „Rolofylline“ in der Lage sein könnte, Lern- und Gedächtnisprobleme abzumildern, die infolge aggregierender Tau-Proteine auftreten.


DZNE Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Tau-Aggregate die Nervenaktivität drosseln. Das obige Bild zeigt zwei Nervenzellen unter dem Mikroskop. Bild: DZNE/Frank Dennissen

Das Gehirn hat so manche Ähnlichkeit mit dem Internet: In beiden Fällen handelt es sich um Netzwerke, in denen Signale von einem Knoten zum nächsten übertragen werden. Anders als Computer sind Nervenzellen jedoch über biologische Drähte verbunden.

Diese „Axone“ können bis zu einem Meter lang sein, sogenannte Tau-Proteine tragen normalerweise zur Integrität dieser Strukturen bei. Doch bei einer bestimmten Gruppe neurodegenerativer Erkrankungen – den „Tauopathien“, zu denen beispielsweise Alzheimer gehört – gerät Tau auf Abwege: Es aggregiert zu winzigen Fasern oder Klumpen, was neuronale Störungen auslösen kann. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind aber nur grob verstanden. Eine effektive Therapie gibt es daher nicht.

Wissenschaftler des DZNE und des Forschungszentrums caesar um Eva-Maria und Eckhard Mandelkow präsentieren jetzt neue Erkenntnisse über die krankhaften Vorgänge, an denen Tau-Proteine beteiligt sind. Wie sie in den „Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA“ (PNAS) berichten, kommt es unter pathologischen Bedingungen dazu, dass sich in den Axonen kleine Tau-Aggregate ansammeln. Die neuronale Aktivität wird infolgedessen gedrosselt.

Aber die Nervenzellen sterben nicht ab und scheinen auch nicht ernsthaft krank zu sein. Sie geraten nur in eine Art Schlummerzustand. Dafür fanden die Forscher ein mögliches Gegenmittel: Der Wirkstoff „Rolofylline“ kann die neuronale Aktivität wiederherstellen. Rolofylline verstärkt den Signalaustausch zwischen den Nervenzellen und ist dadurch in der Lage, Lern- und Gedächtnisstörungen abzumildern. Die Wissenschaftler konnten diesen Effekt an Mäusen nachweisen, in deren Gehirnen sich Tau-Aggregate angehäuft hatten.

Rolofylline wurde ursprünglich zur Behandlung von Nierenfunktionsstörungen bei Herzpatienten entwickelt. Der Wirkstoff bindet an sogenannte Adenosin-A1-Rezeptoren. Infolgedessen werden Signalwege blockiert, die ansonsten die neuronale Aktivität herunterregulieren. Das könnte für Menschen mit neurodegenerativen Erkrankungen von Nutzen sein.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Rolofylline für die Behandlung von Nervenstörungen geeignet sein könnte, die aufgrund einer Tauopathie auftreten. Dies macht den Wirkstoff zu einem heißen Kandidaten für weitere Untersuchungen“, sagt Frank Dennissen, Mitglied in der Arbeitsgruppe Mandelkow und Erstautor der aktuellen Veröffentlichung. „In gewisser Weise ähneln die Tau-Aggregate einer Betonmauer, die ein Funksignal blockiert. Rolofylline scheint wie ein Verstärker zu wirken, der die Verbindung, trotz Hindernis, wiederherstellt.“

Originalveröffentlichung
„Adenosine A1 receptor antagonist rolofylline alleviates axonopathy caused by human Tau ΔK280“, Frank J. A. Dennissen, Marta Anglada-Huguet, Astrid Sydow, Eckhard Mandelkow und Eva-Maria Mandelkow, PNAS (2016), DOI: 10.1073/pnas.1603119113

Pressekontakt
Dr. Marcus Neitzert
DZNE, Kommunikation
Tel.: 0228 / 43302-267
E-Mail: marcus.neitzert@dzne.de

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE) erforscht die Ursachen von Erkrankungen des Nervensystems und entwickelt Strategien zur Prävention, Therapie und Pflege. Es ist eine Einrichtung in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren mit Standorten in Berlin, Bonn, Dresden, Göttingen, Magdeburg, München, Rostock/Greifswald, Tübingen und Witten. Das DZNE kooperiert eng mit Universitäten, deren Kliniken und außeruniversitären Einrichtungen.

Weitere Informationen:

http://www.dzne.de/ueber-uns/presse/meldungen/2016/pressemitteilung-nr-15.html
http://www.dzne.de | Twitter: @dzne_de | Facebook: www.dzne.de/facebook

Dr. Marcus Neitzert | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht 'Fix Me Another Marguerite!'
23.06.2017 | Universität Regensburg

nachricht Schimpansen belohnen Gefälligkeiten
23.06.2017 | Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften (MPIMIS)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften