Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Komplexe Eipakete: Göttinger Wissenschaftler beschreiben überraschende Fortpflanzungsstrategie bei Stabschrecken

16.01.2015

Stab- und Gespenstschrecken imitieren Zweige und Blätter in Perfektion, um sich vor ihren Feinden zu verbergen. Diese Anpassung macht auch vor den Eiern der Insekten nicht halt: Sie ähneln in verblüffender Weise den Samen von Pflanzen. Die weiblichen Stabschrecken werfen meist kontinuierlich einzelne Eier zu Boden, die dann häufig mit Hilfe von Ameisen weiter verbreitet werden. Diese Strategie macht es bestimmten flügellosen schmarotzenden Wespen schwer, die Stabschreckeneier in großer Zahl für den eigenen Nachwuchs in der Laubschicht aufzuspüren.

Evolutionsbiologen der Universität Göttingen haben zusammen mit Forschern aus Deutschland, Belgien und der Schweiz nun eine neue Fortpflanzungsstrategie der Stab- und Gespenstschrecken entdeckt, die ihre Eier im Paket ablegen. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Scientific Reports im Nature-Verlag erschienen.


Die Eipakete (Ootheken) der neuen vietnamesischen Stabschrecke enthalten über 30 Eier. Oben: Ein Jungtier entschlüpft der Oothek. Unten: Ein Blick ins Innere des Eipakts zeigt die komplex angeordneten Kammern mit den noch ungeschlüpften Embryonen. Fotos: Bruno Kneubühler und Peter Michalik.

„Die neu entdeckte Art aus Vietnam legt keine einzelnen Eier ab, sondern produziert komplexe Eipakete, sogenannte Ootheken, in denen sie über dreißig Eier in streng geordneter Folge arrangiert und an Zweige und Blätter klebt“, erklärt Dr. Sven Bradler, korrespondierender Autor der Studie vom Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut für Zoologie und Anthropologie.

Diese neue Strategie ist eine komplette Abkehr von der bislang bekannten Vorgehensweise dieser Stabschrecken und ähnelt eher der Gruppe der Gottesanbeterinnen. Deren Weibchen platzieren ausschließlich ausgetüftelte Eipakete in der Umgebung.

„Die neue Form der Eiablage, die Stabschrecken somit unabhängig zu Gottesanbeterinnen erfunden haben, erfordert eine Fülle evolutiver Neuerungen, so etwa die Entwicklung spezieller Drüsen und das gleichzeitige Heranreifen zahlreicher Eier“, sagt Dr. Julia Goldberg, Erstautorin des Artikels.

Um die Evolution der neuen Fortpflanzungsstrategie besser verstehen zu können, haben die Biologen mit Hilfe genetischer Daten die Verwandtschaftsbeziehungen der neuen Stabschrecke untersucht und überraschend festgestellt, dass sie zu einer artenarmen Gruppe von bislang kaum erforschten Vertretern aus Borneo und den Philippinen zählt.

Die neue Art ist inmitten einer anderen Stabschreckenart entstanden, mit der sie nach bisherigen Erkenntnissen gar nicht verwandt sein kann. Die Vorstellungen zur Stammesgeschichte der Stab- und Gespenstschrecken sind somit auf den Kopf gestellt.

Was genau die Insekten dazu veranlasst hat, ihre Fortpflanzungsstrategie derart drastisch zu verändern, bleibt spekulativ. „Vermutlich waren die Vorfahren der neuen vietnamesischen Art keine Nahrungsgeneralisten wie die meisten Formen, die ihre Eier umherwerfen, sondern Nahrungsspezialisten, die gezielt einzelne Eier auf den Blättern der Nahrungspflanzen platzieren.

Darüber hinaus scheint die Formung einer Oothek auch dem Schutz der Nachkommen zu dienen. Die Biologie der Stab- und Gespenstschrecken ist aber derzeit viel zu wenig erforscht, um hier zu einem abschließenden Urteil zu gelangen“, so Dr. Bradler.

Originalveröffentlichung: Julia Goldberg et al. Extreme convergence in egg-laying strategy across insect orders. Scientific Reports. Doi: 10.1038/srep07825.

Hinweis an die Redaktionen:
Fotos zum Thema haben wir im Internet unter http://www.uni-goettingen.de/de/3240.html?cid=5036 zum Download bereitgestellt.

Kontaktadresse:
Dr. Sven Bradler
Georg-August-Universität Göttingen
Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut für Zoologie und Anthropologie
Berliner Straße 28, 37073 Göttingen
Telefon (0551) 39-5430, E-Mail: sbradle@gwdg.de
Internet: http://www.uni-goettingen.de/de/80149.html

Weitere Informationen:

http://www.uni-goettingen.de/de/3240.html?cid=5036

Thomas Richter | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Antibiotikaresistente Erreger in Haushaltsgeräten
16.02.2018 | Hochschule Rhein-Waal

nachricht Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt
16.02.2018 | Stiftung Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Im Focus: Das VLT der ESO arbeitet erstmals wie ein 16-Meter-Teleskop

Erstes Licht für das ESPRESSO-Instrument mit allen vier Hauptteleskopen

Das ESPRESSO-Instrument am Very Large Telescope der ESO in Chile hat zum ersten Mal das kombinierte Licht aller vier 8,2-Meter-Hauptteleskope nutzbar gemacht....

Im Focus: Neuer Quantenspeicher behält Information über Stunden

Information in einem Quantensystem abzuspeichern ist schwer, sie geht meist rasch verloren. An der TU Wien erzielte man nun ultralange Speicherzeiten mit winzigen Diamanten.

Mit Quantenteilchen kann man Information speichern und manipulieren – das ist die Basis für viele vielversprechende Technologien, vom hochsensiblen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Auf der grünen Welle in die Zukunft des Mobilfunks

16.02.2018 | Veranstaltungen

Smart City: Interdisziplinäre Konferenz zu Solarenergie und Architektur

15.02.2018 | Veranstaltungen

Forschung für fruchtbare Böden / BonaRes-Konferenz 2018 versammelt internationale Bodenforscher

15.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

17.02.2018 | Energie und Elektrotechnik

Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Strategien zur Behandlung chronischer Nierenleiden kommen aus der Tierwelt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics