Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Körperwahrnehmung beeinflusst Konzept von „Gut" und "Böse“

11.03.2011
Max-Planck-Forscher machen aus Linkshändern kurzzeitig Rechtshänder – mit einem verblüffenden Ergebnis: Ihre moralischen Zuordnungen ändern sich

Unbewusst verknüpfen Rechtshänder positive Eigenschaften mit der rechten Raumseite und negative mit der linken Raumseite. Diese Assoziation lässt sich allerdings leicht verändern, wie eine Studie von Daniel Casasanto vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen, Niederlande, und Evangelia Chrysikou von der Universität Pennsylvania zeigt. Selbst wenn die linke Hand nur wenige Minuten lang flüssiger bewegt wird als die rechte, können sich die Urteile eines Rechtshänders über „Gut“ und „Böse“ umkehren, d. h. wird die linke Seite für die „richtige Seite” gehalten. Konzepte über Gut und Böse ändern sich also, wenn sich die Körpererfahrung verändert.

In der Sprache sind positive Vorstellungen oft mit der rechten räumlichen Seite und negative Vorstellungen mit der linken Seite verknüpft. Beispiele sind in der englischen Sprache der gemeinsame Begriff „right“ für rechts und richtig oder im Deutschen die Redewendung „jemanden links liegen lassen“. Im Unbewussten sind räumliche Seite und Positiv-/Negativbewertungen ebenfalls miteinander assoziiert, aber nicht immer in derselben Weise wie in der Sprache: Für Rechtshänder ist rechts gut, aber für Linkshänder ist links gut.

In Experimenten des Psychologen Daniel Casasanto, bei denen die Teilnehmer danach gefragt wurden, welches von zwei Produkten sie kaufen würden, welchem von zwei Stellenbewerbern sie den Vorzug geben würden oder welche von zwei fremdartigen Alien-Kreaturen intelligenter aussieht, tendierten Rechtshänder dazu, das Produkt, die Person oder die Kreatur auf der rechten Seite zu wählen, während sich die meisten Linkshänder für das Angebot auf der linken Seite entschieden.

Seitenwahl
Warum denken Rechts- und Linkshänder unterschiedlich? Casasanto schlug die Erklärung vor, dass die Konzepte der Menschen über Gut und Schlecht zum Teil davon abhängen, wie sie ihre Hände benutzen. „Menschen können mit ihrer dominierenden Hand flüssiger agieren und assoziieren dann positive Dinge unbewusst mit ihrer fließenden Körperseite.“

Um diese Theorie zu überprüfen, haben Casasanto und Kollegen untersucht, wie natürliche Rechtshänder über gut und schlecht denken, wenn ihre rechte Hand beeinträchtigt ist - etwa in Folge einer Hirnverletzung oder durch eine weniger extreme Form der Einschränkung: das Tragen eines Skihandschuhs. Schlaganfall-Patienten absolvierten eine Aufgabe, bei der implizite Assoziationen zwischen Raumseite und Gut/Böse-Bewertung bei gesunden Patienten deutlich wurde. Patienten, die unter einem Funktionsverlust der linken Hand litten, zeigten das übliche „Rechts ist Gut“-Muster. Dagegen assoziierten Patienten, die aufgrund einer Schädigung der linken Hemisphäre einen Funktionsverlust der rechten Hand erlitten hatten, positive Eigenschaften mit der linken Seite - wie natürliche Linkshänder.

Dasselbe Muster bestätigte sich bei gesunden Hochschulstudenten, die eine motorische Flüssigkeitsübung mit einem klobigen Handschuh an der linken Hand (der ihre Rechtsseitigkeit betonten sollte) oder an ihrer rechten Hand, der sie vorübergehend zu Linkshändern machen sollte, durchführten. Nach rund zwölf Minuten dieser einseitigen motorischen Erfahrung wurde bei den Urteilen der rechtsbehandschuhten Teilnehmer in einer nicht auf das Thema bezogenen Aufgabe eine „Links ist gut“-Tendenz wie bei natürlichen Linkshändern festgestellt.

Formbarer Verstand
„Die Menschen sind im Allgemeinen der Ansicht, ihre Urteile seien rational und ihre Konzepte stabil”, so Casasanto. „Aber schon nach wenigen Minuten mit einem Handschuh an der Hand kann die übliche Vorstellung eines Menschen darüber, was gut und was schlecht ist, auf den Kopf gestellt werden. Vielleicht ist der Verstand wesentlich formbarer, als wir dachten.“
Ansprechpartner
Dr. Daniel Casasanto
Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen
Telefon: +31 24 352-1321
E-Mail: daniel.casasanto@mpi.nl
Originalveröffentlichung
Casasanto, D., & Chrysikou, E.
When Left is ‘Right’: Motor fluency shapes abstract concepts.
Psychological Science. doi:10.1177/0956797611401755

Dr. Daniel Casasanto | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/1214479/Gut_und_Boese

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers
28.04.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Forschungsteam entdeckt Mechanismus zur Aktivierung der Reproduktion bei Pflanzen
28.04.2017 | Universität Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie