Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Körpertemperatur von Dinosauriern mit neuem chemischen Thermometer an Eischalen gemessen

14.10.2015

Körpertemperatur bei dem vogelähnlichen Oviraptor betrug 32 Grad Celsius – Hinweis auf andere Strategie zur Thermoregulation als bei heutigen Vögeln

Vögel und Säugetiere sind in der Lage, ihre Körpertemperatur selbst zu regulieren, und können dadurch ihre Temperatur unabhängig von der Umgebung relativ konstant halten. Bislang ist nur wenig darüber bekannt, wie es im Laufe der Evolution zu dieser Thermoregulation gekommen ist, vor allem weil die Temperaturphysiologie von ausgestorbenen Tieren schwer zu ermitteln ist.


Instrumentell gemessene Körpertemperaturen heutiger Säugetiere, Vögel und Reptilien im Vergleich zu Eischalenbildungstemperaturen, die mit dem chemischen „Clumped Isotope“-Thermometer an den Eischalen kreidezeitlicher Dinosaurier (Sauropode und Oviraptor) bestimmt wurden. Die Eischalenbildungstemperaturen entsprechen der Kernkörpertemperatur von erwachsenen weiblichen eierlegenden Individuen.

Abb./©: Thomas Tütken, JGU


Halbes Dinosaurier-Ei eines Sauropoden, auflagernd auf Bodensubstrat mit Eischalenfragmenten.

Foto/©: Gerald Grellet-Tinner, Orcas Island Museum

Wissenschaftlern um den kalifornischen Geochemiker und Geobiologen Robert Eagle ist es nun gelungen, mit einem neuen chemischen Thermometer die Bildungstemperatur von Dinosaurier-Eiern zu bestimmen und über diese die Körpertemperatur des jeweiligen Muttertiers.

„Der Nachweis erfolgt über die Isotopenzusammensetzung der Eischale. Von der Temperatur der Eischale kann man dann auf die Körpertemperatur des Dinosaurier-Weibchens schließen, da die Schalen im Eileiter bei dieser Temperatur mineralisiert wurden“, erklärt Dr. Thomas Tütken von der AG Paläontologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).

Die Ermittlung der Temperatur erfolgte an fossilen Eischalen, deren Erhaltungszustand zuvor mit chemischen, histologischen und mineralogischen Untersuchungsmethoden charakterisiert wurde. Eischalen bestehen aus Kalziumkarbonat, das neben Kalzium aus unterschiedlichen Isotopen von Kohlenstoff und Sauerstoff gebildet wird.

Die Häufigkeit, mit der die beiden schweren Isotope Kohlenstoff-13 und Sauerstoff-18 eine Bindung im Karbonat der Eischale eingehen, ist temperaturabhängig: je wärmer, desto seltener. Die Anwendung dieses neuen Isotopolog-Thermometers an karbonathaltigen Hartgeweben stellt die direkteste Bestimmungsmöglichkeit der Körpertemperatur von ausgestorbenen Arten dar.

Körpertemperaturen wurden sowohl an gut erhaltenen Eischalen pflanzenfressender Sauropoden der Gruppe der Titanosaurier als auch von Oviraptor, einem zweibeinigen, vogelähnlichen Theropoden, bestimmt, die beide während der Oberkreide vor rund 80 bis 70 Millionen Jahren in Argentinien bzw. der Mongolei gelebt haben.

Die Eischalen der großen Sauropoden wurden bei 38 Grad Celsius gebildet und spiegeln die Körperkerntemperatur wider, die vergleichbar mit der von Säugetieren ist. Dagegen zeigt das chemische Thermometer für den Oviraptor nur 32 Grad Celsius an, ein Wert am unteren Ende der Körpertemperaturspanne für Säugetiere und weit unter der von Vögeln, die meist 38 bis 43 Grad Celsius beträgt.

„Oviraptor muss bei dieser Körpertemperatur ein anderes System zur Regulierung gehabt haben als unsere Vögel heute. Die Ursachen dafür sind allerdings unbekannt“, so Tütken, der an dieser Forschungsarbeit beteiligt war. Weil die Temperatur von Oviraptor allerdings um sechs Grad über der abgeschätzten Sommertemperatur zu dessen Lebzeiten liegt, geht das Wissenschaftler-Team um Robert Eagle davon aus, dass auch Oviraptor seine Körpertemperatur in gewissem Umfang regulieren konnte, also nicht weitgehend der Umgebungstemperatur ausgeliefert war wie die meisten anderen Reptilien.

Veröffentlichung:
Robert A. Eagle et al.
Isotopic ordering in eggshells reflects body temperatures and suggests differing thermophysiology in two Cretaceous dinosaurs
Nature Communications, 13. Oktober 2015
DOI: 10.1038/ncomms9296


Weitere Informationen:
Dr. Thomas Tütken
Akademischer Rat
Arbeitsgruppe für Angewandte und Analytische Paläontologie
Institut für Geowissenschaften
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz
Tel. +49 6131 39-22387
E-Mail: tuetken@uni-mainz.de
http://www.paleontology.uni-mainz.de/pub_tt.html

Weitere Links:
http://www.geowiss.uni-mainz.de/1187_DEU_HTML.php (Paläontologie)
http://www.nature.com/ncomms/2015/151013/ncomms9296/full/ncomms9296.html

Petra Giegerich | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Antibiotikaresistente Erreger in Haushaltsgeräten
16.02.2018 | Hochschule Rhein-Waal

nachricht Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt
16.02.2018 | Stiftung Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Im Focus: Das VLT der ESO arbeitet erstmals wie ein 16-Meter-Teleskop

Erstes Licht für das ESPRESSO-Instrument mit allen vier Hauptteleskopen

Das ESPRESSO-Instrument am Very Large Telescope der ESO in Chile hat zum ersten Mal das kombinierte Licht aller vier 8,2-Meter-Hauptteleskope nutzbar gemacht....

Im Focus: Neuer Quantenspeicher behält Information über Stunden

Information in einem Quantensystem abzuspeichern ist schwer, sie geht meist rasch verloren. An der TU Wien erzielte man nun ultralange Speicherzeiten mit winzigen Diamanten.

Mit Quantenteilchen kann man Information speichern und manipulieren – das ist die Basis für viele vielversprechende Technologien, vom hochsensiblen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Auf der grünen Welle in die Zukunft des Mobilfunks

16.02.2018 | Veranstaltungen

Smart City: Interdisziplinäre Konferenz zu Solarenergie und Architektur

15.02.2018 | Veranstaltungen

Forschung für fruchtbare Böden / BonaRes-Konferenz 2018 versammelt internationale Bodenforscher

15.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

17.02.2018 | Energie und Elektrotechnik

Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Strategien zur Behandlung chronischer Nierenleiden kommen aus der Tierwelt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics