Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Körpereigenen Notfallmechanismus für Blutbildung bei Infektionen entdeckt

11.04.2013
Ein deutsch-französisches Forscherteam in Marseille, Frankreich, hat einen Notfallmechanismus entdeckt, der den Körper bei einer schweren Infektion oder Entzündung rasch mit neuen weißen Blutzellen des Immunsystems versorgt.

Das Team von Dr. Michael Sieweke (Centre d`Immunologie de Marseille-Luminy, CIML, INSERM*, CNRS** und Max-Delbrück-Centrum, MDC) konnte zeigen, dass die blutbildenden Stammzellen, aus denen alle Blutzellen hervorgehen, sofort und direkt reagieren und Zellen produzieren, die vor Infektionen schützen (Nature doi: 10.1038/nature12026)***.


Unter der Einwirkung des Signalstoff M-CSF (engl. Macrophage colony-stimulating factor) werden Stammzellen grün und entwickeln sich zu Makrophagen, Zellen des Immunsystems, die Erreger bekämpfen und zerstören.


(Videobild/ Copyright: Labor Michael Sieweke, CIML)

Die Entdeckung könnte künftig Patienten mit Knochenmarktransplantationen helfen, den Aufbau des Immunsystems zu beschleunigen.

Blutzellen haben nur eine bestimmte Lebensdauer, wobei die verschiedenen Blutzelltypen unterschiedlich lang leben. Der Körper muss deshalb immer wieder rechtzeitig für Nachschub sorgen. Dafür sind die blutbildenden (hämatopoetischen) Stammzellen zuständig. Aus ihnen gehen alle Blutzellen hervor, sowohl die weißen Blutzellen des Immunsystems, als auch die roten Blutzellen, die den Sauerstoffbedarf des Organismus sicherstellen. „Bisher hat die Forschung angenommen, dass der Blutbildungsprozess nach dem Zufallsprinzip erfolgt und die Stammzellen dabei kaum auf ihre Umgebung reagieren. Das scheint bei Notfallsituationen aber anders zu sein“, erläutert der Stammzellforscher und Immunologe Dr. Sieweke.

Bei Blutverlust benötigt der Körper rasch rote Blutzellen, bei einer Infektion oder Entzündung bestimmte weiße Immunzellen. Dr. Noushine Mossadegh-Keller und Dr. Sandrine Sarrazin aus der Forschungsgruppe von Dr. Michael Sieweke haben entdeckt, dass der Signalstoff M-CSF (engl. Macrophage colony-stimulating factor), der während einer Infektion oder Entzündung freigesetzt wird, direkt auf die Stammzellen einwirkt und dort den Hauptschalter (PU.1) für einen ganz bestimmten Entwicklungsweg spezieller Blutzellen anschaltet. Damit kann der Körper direkt auf einen akuten Bedarf reagieren und schneller genau die weißen Blutzellen produzieren, die vor Infektionen schützen.

„Da wir jetzt den Botenstoff kennen, der das Startsignal für die Bildung der weißen Blutzellen, sprich der Makrophagen, gibt, ist es in Zukunft vielleicht möglich, die Blutbildung und damit den Aufbau des Immunsystems künstlich zu beschleunigen, etwa bei Patienten, die eine Knochenmark- oder Blutstammzelltransplantation erhalten. Denn diese Patienten sind, solange ihr Immunsystem noch nicht wieder aufgebaut ist, besonders gefährdet, eine Infektion zu bekommen. Dabei können ansonsten eher harmlose Erreger tödlich sein“, erläuterte Dr. Sieweke.
Dr. Sieweke weist auf Angaben des Worldwide Network for Blood & Marrow Transplantation (WBMT), (Januar 2013) hin, wonach weltweit jedes Jahr 50 000 Patienten eine Knochenmarktransplantation erhalten. „Dank des Signalstoffs M-CSF könnte es möglich sein, sie vor Infektionen zu schützen, während sich ihr Immunsystem neu aufbaut. Besonders hoffnungsvoll stimmt uns, dass der entdeckte Mechanismus nur die Bildung der Immunzellen anregt, die vor Infektionen schützen, nicht aber derjenigen, die auch ungewollt den Körper des Patienten angreifen können“, sagte Dr. Sieweke.

* Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale (INSERM)
**Centre National de la Recherche Scientifique

*** M-CSF instructs myeloid lineage fate in single haematopoietic stem cells

Noushine Mossadegh-Keller1,2,3,*, Sandrine Sarrazin1,2,3,*,# , Prashanth K. Kandalla1,2,3, Leon Espinosa4, Richard E. Stanley5, Stephen L. Nutt6, Jordan Moore7, Michael H.Sieweke1,2,3,8,#
1 Centre d’Immunologie de Marseille-Luminy (CIML), Aix-Marseille Université, UM2, Campus de Luminy, Case 906, 13288 Marseille Cedex 09, France
2 Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale (INSERM), U1104, Marseille, France
3 Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), UMR7280, Marseille, France
4 Laboratoire de Chimie Bactérienne, Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), UMR 7283, 31 Chemin Joseph Aiguier, 13009 Marseille, France
5 Department of Developmental and Molecular Biology, Albert Einstein College of Medicine, Bronx, New York 10461, USA
6 Walter and Eliza Hall Institute, 1G Royal Parade, Parkville, Victoria 3052, Australia
7 Fluidigm Inc., San Francisco, CA, USA
8 Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC), Robert-Rössle-Str. 10, 13125, Berlin, Germany

* equal contribution # Corresponding author

Kontakt:
Dr. Michael SIEWEKE
Centre d’Immunologie de Marseille-Luminy
Max Delbrück Center for Molecular Medicine (MDC) Berlin-Buch
Mobile : +33 (0)6 26 94 18 53
sieweke@ciml.univ-mrs.fr

und
presse@mdc-berlin.de
presse@cnrs-dir.fr
presse@inserm.fr

Barbara Bachtler | Max-Delbrück-Centrum
Weitere Informationen:
http://www.mdc-berlin.de
http://www.ciml.univ-mrs.fr/
http://www.ciml.univ-mrs.fr/science/lab-michael-sieweke/beginners

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Salmonellen als Medikament gegen Tumore
23.10.2017 | Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Add-ons: Was Computerprogramme und Proteine gemeinsam haben
23.10.2017 | Universität Regensburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Salmonellen als Medikament gegen Tumore

HZI-Forscher entwickeln Bakterienstamm, der in der Krebstherapie eingesetzt werden kann

Salmonellen sind gefährliche Krankheitserreger, die über verdorbene Lebensmittel in den Körper gelangen und schwere Infektionen verursachen können. Jedoch ist...

Im Focus: Salmonella as a tumour medication

HZI researchers developed a bacterial strain that can be used in cancer therapy

Salmonellae are dangerous pathogens that enter the body via contaminated food and can cause severe infections. But these bacteria are also known to target...

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Konferenz IT-Security Community Xchange (IT-SECX) am 10. November 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Luftfracht

23.10.2017 | Veranstaltungen

Ehrung des Autors Herbert W. Franke mit dem Kurd-Laßwitz-Sonderpreis 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Magma sucht sich nach Flankenkollaps neue Wege

23.10.2017 | Geowissenschaften

Neues Sensorsystem sorgt für sichere Ernte

23.10.2017 | Informationstechnologie

Salmonellen als Medikament gegen Tumore

23.10.2017 | Biowissenschaften Chemie