Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kochsalz gibt der Fachwelt Rätsel auf /Erstaunliche Resultate der Mars500-Stoffwechselstudie

09.01.2013
Beim Ausbalancieren des Salzhaushalts ist der menschliche Organismus viel flexibler als bisher angenommen.

Dieser Schluss aus den Ergebnissen ihrer Langzeitstudie kam selbst für die Gruppe von Jens Titze unerwartet. Das Team um den Professor für Elektrolyt- und Kreislaufforschung am Uni-Klinikum Erlangen ermittelte neben dem als Standard geltenden 24-Stunden-Rhythmus einen Zeitraum von sechs bis neun Tagen für den Ausgleich von Kochsalz-Zufuhr und -Abgabe.

Und: Außer der Niere sorgen auch andere Körpergewebe für den richtigen Salzgehalt. Die Fachzeitschrift Cell Metabolism veröffentlicht diese Erkenntnisse am Dienstag, den 08. Januar 2013.

Die russisch-deutsche-europäische Mars500-Mission, eine simulierte Reise zum Nachbarplaneten in den Jahren 2009 und 2010, hatte die einzigartige Gelegenheit geboten, Stoffwechseldaten von den Teilnehmern zunächst an 105, dann an 205 aufeinanderfolgenden Tagen zu erheben. Nahrungsaufnahme und Ausscheidungen in der geschlossenen „Raumkapsel“ ließen sich strikt kontrollieren. Für jede Person war ein täglicher Vergleich der im Speiseplan vorgeschriebenen Salzdosis mit der Konzentration von Natrium im Urin möglich.

Nach der gängigen Lehrmeinung hätte die im Salz enthaltene und mit dem Essen aufgenommene Natriummenge innerhalb von 24 Stunden den Körper wieder verlassen müssen – doch beide Messwerte hielten sich keineswegs die Waage. Es gab sogar recht starke Schwankungen in der täglichen Ausscheidung, obwohl die Zufuhr gleich blieb.

Der Sammelurin eines Tages reicht demnach nicht aus, um einzuschätzen, wie viel Speisesalz ein Mensch im selben Zeitraum zu sich genommen hat. Damit ist die Grundlage eines gebräuchlichen Diagnoseverfahrens erschüttert. „Als ärztliche 24-Stunden-Sammler konnten wir das eigentlich zuerst kaum glauben. Früher bin ich routinemäßig selbst so vorgegangen. Ich habe den Patienten viel zu hohen Salzkonsum vorgeworfen, wenn wieder mal 16 Gramm Salz gefunden wurden, und bei 6 Gramm oder weniger daran gezweifelt, dass sorgfältig gesammelt wurde“, gesteht Jens Titze ein. Keine gegenteilige Beteuerung seiner Patienten hat ihn damals überzeugt. „Ich konnte mir das nicht vorstellen, aber nach Mars500 kann ich es.“ Ein Wechsel zwischen drei Tagesmahlzeiten mit unterschiedlichem Salzgehalt änderte nichts an dem Ergebnis.

„Wo wir von Konstanz ausgegangen sind, produziert der Körper rhythmische Variabilität, und deren Ausmaß ist sehr, sehr überraschend“, kommentiert der Projektleiter. Im Vergleich dazu erscheint das Zusammenspiel von Kochsalz und bestimmten Hormonen in den Urinproben zunächst einfach. Cortisol, bisher eher als Nebendarsteller betrachtet, spiegelt den Natriumgehalt direkt wider; in umgekehrtem Verhältnis dazu steht der bekannte Regulator Aldosteron, der Natriumsalze im Körper hält und Kaliumsalze aussondert. Doch auch dies war für das Forscherteam nach eigenem Bekunden „ganz erstaunlich“. Cortisol wurde vorher als Unterstützer von Aldosteron angesehen. Der neue Befund kennzeichnet die zwei Hormone aber eindeutig als Gegenspieler. Titze spricht von einem „Cortisol-Geheimnis“, das dringend nach Aufklärung verlangt.

An schwersten jedoch wiegt, dass der „Superregulator“ im Kochsalz-Stoffwechsel, die Niere, diese zuvor unangefochtene Position verlieren könnte. Das Blut passiert ihre reinigenden Filter und gibt die verbliebenen Stoffkonzentrationen an alle durchbluteten Körperregionen weiter. Doch offenbar vertraut der Organismus nicht allein darauf. Manche Gewebe haben zusätzlich eigene Methoden entwickelt, sich die bevorzugte Menge Kochsalz aktiv zu sichern. Dabei richten sie sich weder nach Tagen noch nach Wochen. Haut und Muskeln speichern Natrium offenbar über Monate hinweg, ganz unabhängig von der Kochsalzzufuhr und ohne Veränderung des Gewichts oder des Volumens. Wie aber kann eine Substanz so unfassbar durch den Körper geistern? Bis die Fachleute ihr auf die Schliche gekommen sind, muss wohl die Bemerkung von Titzes Teamkollegen Friedrich Luft gelten, der den Salzstoffwechsel „gespenstisch“ nennt.

„Was sind unsere Untersuchungen zur Abschätzung der Kochsalzaufnahme – im klinischen Alltag wie in Feldstudien – angesichts dieser neuen Informationen überhaupt wert?“ fragt Jens Titze nun sich und alle Nephrologen. Mit den Belegen für ihre Aufforderung zum Sichtwechsel steht die Gruppe immerhin nicht ganz allein. Die Haut als Salzspeicher ist seit der 90er Jahren in der Diskussion. Bei Blaualgen oder einzelnen Zellen wurden Wochenrhythmen beobachtet, die denen der Marsreisenden ähneln. Und wenn der erste Schreck vorbei ist, könnte die medizinische Forschung an menschlichen Probanden neu belebt werden: Auch ohne Gen-Knock-out-Modelle oder Zellreihen sind umwerfende Ergebnisse denkbar.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Jens Titze
Tel.: 09131/85-39300
jens.titze@uk-erlangen.de

Blandina Mangelkramer | idw
Weitere Informationen:
http://www.uk-erlangen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Feinste organische Partikel in der Atmosphäre sind häufiger glasartig als flüssige Öltröpfchen
21.04.2017 | Max-Planck-Institut für Chemie

nachricht Darmflora beeinflusst das Altern
21.04.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten