Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kängurus sind nicht dumm!

09.07.2009
Beuteltiere untersucht Dr. Vera Weisbecker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Dass Kühe nicht blöd und Gänse keineswegs dumm sind, ist inzwischen allgemein bekannt. Exotischere Tiere haben allerdings immer noch mit Vorurteilen zu kämpfen. So hält sich die Meinung des berühmten Zoologen Alfred Brehm über den wohl bekanntesten Vertreter der australischen Fauna sogar unter Wissenschaftlern teilweise bis heute: "Das Känguru hat einen ausgesprochen schwachen Kopf.

Aber in freudige Erregung kann es geraten, wenn es nach langdauernder Hirnarbeit zu der Erkenntnis kommt, dass es auch unter Kängurus zwei Geschlechter gibt." Es kommt einem Treppenwitz der Biologie gleich, dass ausgerechnet an der Universität Jena, wo Brehm vor mehr als 150 Jahren studierte, das Beuteltier nun rehabilitiert wird.

Dr. Vera Weisbecker, Postdoktorandin am Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie der Universität Jena, untersucht im Allgemeinen die Hirnentwicklung verschiedener Säugetierarten. Im Besonderen widmet sie sich dabei dem Vergleich von Beuteltieren und den übrigen höheren Säugetieren, den sogenannten Plazentatieren. "Bisher nahm man an, dass das Hirn von Beuteltieren weniger entwickelt sei als das von Plazentatieren, da sie sich nur vier bis sechs Wochen im Mutterleib entwickeln können und dann im Beutel aufgezogen werden", erklärt die gebürtige Kielerin. "Aber auch wenn sich das Hirn deshalb langsamer entwickelt, heißt das nicht, dass sie dümmer sind. Und ob ein Größenunterschied existiert ist sowieso sehr umstritten, da bisher viel zu wenig Tiere untersucht wurden."

Schließlich sei es auch schon eine Hirnleistung, wenn ein gerade mal vier Wochen altes Jungtier in den Beutel klettert. Wieso ausgerechnet Beuteltiere zu ihrem Forschungsschwerpunkt wurden - neben Kängurus untersucht sie beispielsweise auch Koalas und Opossums - lässt sich leicht beantworten: "Nach meinem Biologiestudium in Tübingen forschte ich dreieinhalb Jahre in Australien. Ich schrieb an der University of New South Wales in Sydney meine Dissertation über die Skelette der beiden Tiergruppen. Nun sind die Köpfe dran. Beuteltiere sind in Europa weitaus weniger erforscht, da sie ausschließlich in Australien und Südamerika vorkommen", so Weisbecker.

Für ihre Forschung leistet die Biologin Pionierarbeit: "Bisher gab es kaum Studien zur Hirnentwicklung bei Säugetieren, da man Hirne aus vielen verschiedenen Entwicklungsstadien braucht und deren Untersuchung technisch sehr aufwändig ist. Erst die moderne Technik - vor allem Computertomografen - erleichtert die Arbeit sehr." Um die finanziellen Mittel muss sich die Biologin dabei keine Sorgen machen. Sie erhielt im vergangenen Jahr ein dreijähriges Stipendium aus der "Förderinitiative Evolutionsbiologie" der VolkswagenStiftung über mehr als 200.000 Euro. Damit bezahlt sie einerseits die Ausstattung und andererseits ihr derzeitiges Nomadenleben, denn die technischen Untersuchungen führt sie hauptsächlich an der Universität Cambridge durch. Das Ergebnis sind riesige Datenmengen und Statistiken, die dann in Jena ausgewertet werden. Dorthin werden auch die technischen Hilfsmittel nach Abschluss der Arbeiten gebracht.

"Momentan bin ich noch viel unterwegs, was riesigen Spaß macht, aber ich freue mich auch schon darauf, bald erst einmal dauerhaft nach Jena zu ziehen", erzählt die junge Wissenschaftlerin. "Ich habe an der Friedrich-Schiller-Universität perfekte Forschungsbedingungen. Jena ist im Bereich Evolutionsbiologie nach wie vor ein wichtiges Zentrum, nicht zuletzt wegen Ernst Haeckel. Die Kollegen sind sehr nett und die Studenten sehr engagiert. Außerdem gefällt mir die Stadt sehr. Mit meiner kleinen Familie werde ich mich hier sicher sehr wohl fühlen", schwärmt die werdende Mutter, die im September mit ihrem australischen Ehemann ihr erstes Kind erwartet.

Dann ruhen die Forschungen eine Weile, lange wird Weisbecker das wohl nicht aushalten. Schließlich gilt es, den Ruf der Beuteltiere zu verteidigen. Denn wer das Hirn des Menschen verstehen will, sollte auch das des Kängurus verstehen.

Kontakt:
Dr. Vera Weisbecker
Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie der Universität Jena Erbertstr. 1, 07743 Jena

E-Mail: vw248[at]cam.ac.uk

Sebastian Hollstein | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher der Universität Hamburg entdecken Mechanismus zur Verdopplung von Pflanzengenomen
24.10.2017 | Universität Hamburg

nachricht Fettstoffwechsel beeinflusst Genaktivität
24.10.2017 | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 65 neue genetische Risikomarker für Brustkrebs entdeckt

Manche Familien sind häufiger von Brustkrebs betroffen als andere. Dies kann bislang nur teilweise durch genetische Risikomarker erklärt werden. In einem weltweiten Verbund haben Forscher nun 65 weitere Erbgutvarianten identifiziert, die zum Brustkrebsrisiko beitragen. Die Studie, an der auch Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum und dem Universitätsklinikum Heidelberg beteiligt waren, wurde in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Die Forscher erwarten, dass die Ergebnisse dazu beitragen, Screeningprogramme und die Früherkennung von Brustkrebs zu verbessern.

Seit Angelina Jolies medienwirksamer Entscheidung, sich vorbeugend die Brüste entfernen zu lassen, ist der genetische Hintergrund von Brustkrebs auch einer...

Im Focus: Salmonellen als Medikament gegen Tumore

HZI-Forscher entwickeln Bakterienstamm, der in der Krebstherapie eingesetzt werden kann

Salmonellen sind gefährliche Krankheitserreger, die über verdorbene Lebensmittel in den Körper gelangen und schwere Infektionen verursachen können. Jedoch ist...

Im Focus: Salmonella as a tumour medication

HZI researchers developed a bacterial strain that can be used in cancer therapy

Salmonellae are dangerous pathogens that enter the body via contaminated food and can cause severe infections. But these bacteria are also known to target...

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Konferenz IT-Security Community Xchange (IT-SECX) am 10. November 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Luftfracht

23.10.2017 | Veranstaltungen

Ehrung des Autors Herbert W. Franke mit dem Kurd-Laßwitz-Sonderpreis 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fettstoffwechsel beeinflusst Genaktivität

24.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Forscher der Universität Hamburg entdecken Mechanismus zur Verdopplung von Pflanzengenomen

24.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Bakterielle Toxine im Darm

24.10.2017 | Biowissenschaften Chemie