Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

(K)lebt da was unterm Schuh? - Wie Touristen die Biodiversität der Antarktis beeinflussen

10.02.2011
Hundert Jahre nach Roald Amundsens Wanderung zum Südpol in die Antarktis reisen?

Keine Seltenheit mehr: Tausende von Besuchern strömen jährlich von Kreuzfahrtschiffen aus ins ewige Eis und eine steigende Anzahl von Forschern aus aller Welt ist ständig vor Ort. Formen all diese Menschen die Biodiversität der Antarktis um?

Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstituts in Görlitz untersuchen im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA), wie sich Veränderungen der Biodiversität frühzeitig messen lassen. Die Bodenlebewesen der Antarktis sollen Aufschluss geben, ob der Aufenthalt von Menschen die Vielfalt des Lebens auf dem sechsten Kontinent beeinflusst.

Längst ist die Antarktis nicht mehr allein das Land der Entdecker und Abenteurer, der Wissenschaftler und Klimaforscher. Mehr Menschen als je zuvor hinterlassen ihre Fußspuren auf dem sechsten Kontinent. Unwirtlich wirkt das ewige Eis mit Polarnacht und –tag nur aus menschlicher Sicht; für viele Lebewesen ist die Antarktis ein Zuhause. Welche Bodenorganismen es zum Beispiel in diesem Lebensraum gibt, ist bereits verhältnismäßig gut untersucht:

„Antarktische Böden sind nicht sehr artenreich. Die Bodenorganismen, die dort vorkommen, sind gut bekannt, sogar zum Teil besser als in Mitteleuropa“, beschreibt David J. Russell, Leiter der Sektion Mesofauna am Senckenberg Forschungsinstitut in Görlitz. Russell und seine Kollegen untersuchen millimetergroße Tiere wie Milben und Springschwänze (Mesofauna), noch kleinere Bodentiere etwa Fadenwürmer und Bärtierchen (Mikrofauna) sowie die Bodenvegetation (Moose und Flechten). Die Winzlinge sind die Indikatoren an denen die Wissenschaftler nachweisen, was mit antarktischen Lebensräumen passiert, wenn der Mensch sie „betritt“.

Im Auftrag des UBA untersuchen Senckenbergs Bodenzoologen und Botaniker im Forschungsinstitut in Görlitz zwei Jahre lang Bodenproben aus der Antarktis, die sie direkt von dort erhalten. Und sie erkunden auch persönlich – jetzt im antarktischen Sommer – die Bedingungen vor Ort. „Wir haben hier eines der seltenen Projekte, bei denen wir Umweltparameter und Klimadaten analysieren und die gesamte Lebensgemeinschaft betrachten können, nicht nur einzelne Tiergruppen“, freut sich Russell. Insbesondere interessiert die Forscher die Verschleppung von Bodenlebewesen zwischen Untersuchungsstellen innerhalb der Antarktis, aber auch zwischen Mikrohabitaten innerhalb der jeweiligen Standorte. Was unterm Schuh kleben bleibt, fällt nämlich ein paar Meter weiter vielleicht wieder ab. Und ein paar Meter,sind Strecken, die die winzigen Organismen niemals aus eigener Kraft zurück legen.

Antarktische Bodengemeinschaften sind einfach strukturiert und sehr empfindlich. Besonders im Sommer existieren sehr viele Mikrohabitate nahe beieinander, die jeweils eine eigene Artenzusammensetzung beherbergen können: Unter großen Steinen, an Schmelzbächen oder auf Flächen, auf denen Pinguine watscheln, lebt jeweils eine eigene Welt im Boden. Die typische, etablierte Fauna hat sich über Jahrtausende an die extremen Bedingungen angepasst. „Wir können relativ gut vorhersagen, welche Arten wo zu erwarten sind und untersuchen darauf aufbauend, welche Rolle menschliche Aktivitäten bei der Einschleppung von fremden Arten und der Verbreitung von Organismen innerhalb der Antarktis spielen“, erläutert Russell: „dort, wo es eine lange Geschichte menschlicher Aktivitäten gibt, kommen zum Beispiel auch invasive Arten vor.“

Auf Landschaftsebene aber nimmt die Vielfalt überall da ab, wo Menschen sind. Das ist eine der Kernhypothesen, denen das Görlitzer Team nachgeht: „Das Problem ist: Menschen laufen und treten herum. Sie können dadurch Arten verschleppen und es erfolgt eine Homogenisierung“, schildert Russell die Situation. Der Mensch verwischt zum Beispiel mit seinen Schuhsohlen die Verteilung der Arten und verringert damit das, was Ökologen als β-Biodiversität bezeichnen, nämlich die Menge unterschiedlicher Lebensgemeinschaften, die in einem Gebiet vorkommen und gemeinsam die gesamte Biodiversität darstellen. Die β-Biodiversität ist umso größer, je unterschiedlicher die Artspektren und Mengenverhältnisse in den einzelnen Mikrohabitaten sind. Sie geht gegen Null, wenn überall die gleichen Tiere und Pflanzen leben. Vereinheitlichung des Artenspektrums bedeutet eine Verarmung der Vielfalt auf Landschaftsebene. „Wir wollen herausfinden, wie man solche Auswirkungen frühzeitig erkennen kann“, sagt Russell. Am Ende des Projektes wird eine Empfehlung stehen, wie die Kriterien zum Betreten der Antarktis modifiziert werden können, um die empfindlichen Lebensgemeinschaften besser schützen zu können. Schon jetzt ist zumindest für Kreuzfahrtschiffe und deren Gäste der Besuch in der Antarktis reglementiert. Aber reicht das? Diese Frage war Anlass für das UBA gemeinsam mit den Bodenspezialisten des Senckenberg Forschungsinstituts in Görlitz dieses Projekt zu initiieren.

Die Bundesrepublik Deutschland kommt damit Verpflichtungen aus dem 1998 in Kraft getretenen Madrider Protokoll nach. Dieses von 34 Ländern ratifizierte Übereinkommen legt die internationalen Bemühungen zum Schutz der Antarktis fest. Es ist eine Ergänzung zum Antarktis-Vertrag von 1959, der die friedliche Nutzung der Antarktis regelt und der Polarforschung vor anderen Interessen Vorrang gewährt. Dem Antarktis-Vertrag ist die BRD 1979 beigetreten und beteiligt sich seit dem intensiv an der Erforschung der Antarktis. Die den Vertrag ergänzenden Umweltschutzvereinbarungen des Madrider Protokolls sehen u.a. vor, mindestens 50 Jahre lang keinerlei Bodenschätze zu gewinnen und alle menschlichen Aktivitäten vorab einer strengen Umweltprüfung zu unterziehen. Diese Aufgabe obliegt in Deutschland dem Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau, das auf Antrag entsprechende Genehmigungen erteilt. Das UBA ist aber auch bestrebt, mit der Initiierung derartiger Forschungsprojekte aktuellen Fragen des Umweltschutzes in der Antarktis nachzugehen und praktische Maßnahmen zum Schutz der einzigartigen antarktischen Ökosysteme zu entwickeln bzw. bereits etablierte Maßnahmen zu optimieren. (rba)

Kontakt Wissenschaftler:
Dr. David J. Russell
Tel: 03581 - 4760 5502
David.Russell@senckenberg.de
Dr. Karin Hohberg
Tel: 03581-4760 5531
Karin.Hohberg@senckenberg.de
Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz
Pressekontakt:
Doris von Eiff
Senckenberg Pressestelle Frankfurt
Tel.: 069/7542 1257
Mobil: 0173-54 50 196
E-Mail: doris.voneiff@senckenberg.de
Dr. Christian Düker
Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz
Tel.: 03581/4760-5210
E-Mail: christian.dueker@senckenberg.de

Doris von Eiff | Senckenberg
Weitere Informationen:
http://bit.ly/euDHWg
http://www.umweltbundesamt.de/antarktis
http://www.senckenberg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Sollbruchstellen im Rückgrat - Bioabbaubare Polymere durch chemische Gasphasenabscheidung
02.12.2016 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht "Fingerabdruck" diffuser Protonen entschlüsselt
02.12.2016 | Universität Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie