Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„Du bist, was Du isst“: Sozialer Status beeinflusst den Zugang zu hochwertiger Nahrung bei Bonobos

31.05.2011
Bei wildlebenden Bonobo-Männchen bestimmt der soziale Rang, ob sie von Nahrung, die höher in der komplexen Nahrungskette des Waldes steht, ausgeschlossen werden. Zu dieser Erkenntnis gelangt ein Team von Primatenforschern und Anthropologen am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie aus Leipzig mithilfe von Isotopenanalysen von Haarproben freilebender Bonobos. (PNAS, 30. Mai 2011)

Beobachtende Feldstudien zum Fressverhalten wildlebender Primaten geben Auskunft zur Art und Menge der aufgenommenen Nahrung. Trotz der Erkenntnisse aus der direkten Beobachtung der Tiere bleibt jedoch stets unklar, welche Nährstoffe aufgeschlossen und in den Stoffwechsel eingebunden werden. Daher besteht großes Interesse an biochemischen Markersubstanzen, die etwas über die tatsächliche Aufnahme von Nährstoffen in den Körper aussagen.


Bonobos beziehen ihren Proteinbedarf aus Pflanzen, wie hier aus Früchten der wilden Mango. C. Deimel, LuiKotale Bonobo Projekt

Die Isotopen-Biochemie ist eine in der modernen Anthropologie verwendete Methode, um zwischen tierischen und pflanzlichen Proteinquellen zu unterscheiden und die Position in der jeweiligen Nahrungskette zu bestimmen. Nach dem Grundsatz „Du bist, was du isst“ werden die chemischen Elemente der Nahrung in den Körper eingebaut. Durch die massenspektrometrische Messung der stabilen Isotope der Elemente Kohlenstoff und Stickstoff im Körpergewebe - z. B. in Muskeln, Haaren und Knochen - lassen sich die dominanten Nahrungsquellen rekonstruieren. Diese Methode wird am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie vor allem in der archäologischen Forschung bei prähistorischem Skelettmaterial angewendet, wie zum Beispiel beim Neandertaler.

Seit Jahren erforscht ein internationales Team unter der Leitung von Gottfried Hohmann im kongolesischen Salonga Nationalpark jetzt die Nahrungsgewohnheiten von Bonobos. „Diese friedlichen Menschenaffen, die für lange Zeit als reine Vegetarier galten, ernähren sich wie andere Menschenaffen auch überwiegend von Früchten und Blättern, verzehren daneben aber auch Insekten und machen Jagd auf Waldantilopen und andere Affen“, berichtet Gottfried Hohmann. In einer interdisziplinären Studie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie wurde die Ernährung der seltenen Regenwaldbewohner nun mit modernsten biochemischen Methoden untersucht, die auch bei fossilen Vormenschen Aufschluss über deren Ernährung geben. Dazu entnahmen die Forscher Haare aus den in den Bäumen gelegenen Schlafnestern der Bonobos, die anschließend von Vicky Oelze im Isotopenlabor des Instituts biochemisch untersucht wurden. „Haare haben den Vorteil, dass sie schnell wachsen, zirka. einen Zentimeter pro Monat, und so auch Informationen über relativ kurzfristige Veränderungen in der Nahrungsaufnahme speichern“, erklärt Vicky Oelze.

Die Ergebnisse der Messung im Massenspektrometer überraschten die Forscher. Die Isotopensignatur der Tiere spricht für eine rein pflanzliche Kost, der Proteinbedarf wird von Früchten und Blättern abgedeckt. Zudem lassen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Bonobos nachweisen. Bemerkenswert ist, dass der gelegentliche Konsum von Fleisch keinen Nährstoff-Vorteil zu bieten scheint, der sich als Signal in den Proteinen des Körpergewebes nachweisen ließe. Deutliche Unterschiede in der Proteinversorgung fanden sich dagegen bei den Proben der männlichen Gruppenmitglieder. Ranghohe Männchen nehmen Protein aus höheren Stufen der Nahrungskette auf als rangniedere, die offenbar durch die Gruppe von gewissen Nahrungsquellen ausgeschlossen werden. Diese Nahrungsquellen könnten besondere Früchte, oder eben auch tierische Proteinquellen beinhalten. Soziale Dominanz bietet demnach nicht nur bei der Fortpflanzung, sondern auch beim Zugang um hochwertige Nährstoffe Vorteile. Unklar ist bislang, ob die Unterschiede in der Proteinaufnahme die allgemeinen Dominanzverhältnisse innerhalb der Gruppe widerspiegeln oder auf individuellen Nahrungsgewohnheiten der Männer basieren.

Geben die Befunde der Studie neue Einblicke in die Ernährung freilebender Menschaffen, so werfen sie gleichzeitig spannende Fragen auf. Besonders drängend erscheint jene, die nach der evolutionären Funktion von Jagd und Fleischverzehr sucht. Möglicherweise weist die Jagd eine wichtige soziale Komponente auf, in der das Teilen der Beute mit Verwandten und Freunden eine Schlüsselrolle spielt. Gleichzeitig kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Verzehr von tierischer Nahrung Zugang zu wichtigen Mineralien wie Eisen, Calcium und Zink bietet, die den erfolgreich jagenden Weibchen in der Schwangerschaft und Stillzeit einen selektiven Vorteil verschaffen.

Originalveröffentlichung:

Vicky M. Oelze, Benjamin T. Fuller, Michael P. Richards, Barbara Fruth, Martin Surbeck, Jean-Jacques Hublin, Gottfried Hohmann
Exploring the contribution and significance of animal protein in the diet of bonobos by stable isotope ratio analysis of hair

PNAS, 30. Mai 2011

Kontakt:

Vicky M. Oelze
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Abteilung für Humanevolution/Abteilung für Primatologie
Tel.: viktoria_oelze@eva.mpg.de
E-Mail: ++49 (0) 341 3550 353
Dr. Gottfried Hohmann
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Abteilung für Primatologie
Tel.: ++49 (0) 341 3550 208
E-Mail: hohmann@eva.mpg.de

Barbara Abrell | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de
http://www.eva.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Kontinentalrand mit Leckage
27.03.2017 | MARUM - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen

nachricht Neuen molekularen Botenstoff bei Lebererkrankungen entdeckt
27.03.2017 | Universitätsmedizin Mannheim

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE