Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Isotopenanalyse gibt Hinweise auf Migrationskorridore von Fledermäusen

11.04.2016

Zeig mir was Du gefressen hast und ich sag’ Dir wie Du hierhergekommen bist. So lautet, vereinfacht gesagt, der Ansatz der neuesten Fledermausstudie des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin. Wissenschaftler um Christian Voigt gelang es anhand von Isotopenanalysen unterschiedlicher Gewebetypen die bevorzugten Habitate von drei Fledermausarten zu ermitteln. Die Ergebnisse lassen erstmals Rückschlüsse auf bevorzugte Habitate, die Fledermäuse während ihrer jährlichen Wanderungen nutzen, zu.

Anlass der Studie ist die hohe Zahl von Schlagopfern an Windkraftanlagen, an denen pro Jahr geschätzte 250.000 Fledermäuse sterben. Siebzig Prozent der Verunglückten gehören migrierenden Arten an, die Deutschland im Frühjahr und Herbst auf ihrer Wanderung vom Nordosten Europas in den Südwesten kreuzen. Im klimatisch günstigeren Überwinterungsgebiet suchen sie Quartiere für den Winterschlaf auf.


Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii).

Foto: Christian Voigt/IZW

„Während die Zugrouten von Vögeln gut untersucht sind, weiß man über die der nachtaktiven kleinen Säugetiere so gut wie nichts, sagt Verhaltensforscher Christian Voigt. „Wir fragten uns: Gibt es Gebiete, in denen Windkraftanlagen besser nicht stehen sollten, weil dort eventuell Migrationskorridore liegen?“

Die IZW-Forscher analysierten die Kadaver dreier Arten, die bei ihren Wanderungen gen Süden an Windkraftanlagen den Tod gefunden hatten: Von der nicht-migrierenden Zwergfledermaus Pipistrellus pipistrellus sowie dem Großen Abendsegler Nyctalus noctula – einem „Mittelstreckenflieger“, der einige Hundert Kilometer weit zieht – und von der Rauhautfledermaus Pipistrellus nathusii. Sie legt pro Jahr bis zu 4.000 Kilometer zurück. In Fell, Flughautmembran, Muskel, Leber und Blut bestimmten die Forscher das Verhältnis der stabilen Isotope der Elemente Kohlenstoff (13C/12C) und Stickstoff (15N/14N).

Die Isotopenzusammensetzung eines lokalen Nahrungsnetzes hat ein für die Region charakteristisches Muster. Es ist quasi ihr Fingerabdruck, der von Boden, Düngung und Witterungsverhältnissen geprägt wird. Über die Nahrungskette Pflanze-Insekt-Fledermaus wird diese Signatur weiter gegeben.

„Wir können aus den Analysen also rückschließen, in welchen Lebensräumen sich die Tiere auf ihren Wanderungen hauptsächlich aufhielten, bevor sie verunglückten“, sagt Christian Voigt. Wie schnell sich das Isotopenmuster im Fledermausgewebe manifestiert hängt sehr vom Gewebetyp ab. Blut und Leberzellen erneuern sich schnell aus den Bausteinen, welche ein Tier innerhalb der letzten zwei bis drei Wochen mit der Nahrung aufgenommen hat.

Das Fell hingegen wird bereits vor der Migration im Sommerquartier gebildet und gibt Auskunft über die Jagdgewohnheiten im Herkunftsgebiet. Muskel und Flughaut liegen dazwischen. „So können wir uns rückblickend unterschiedliche Zeitfenster anschauen und rekonstruieren, in welchen Lebensräumen die Fledermäuse jagten – vom Sommergebiet bis zum Zeitpunkt ihres Todes“, erklärt Voigt.

Das Ergebnis: Die Isotopie der Rauhautfledermäuse unterscheidet sich grundlegend von der der beiden anderen Arten. Während die heimische Zwergfledermaus und der Große Abendsegler typische Muster terrestrischer Gebiete zeigen, jagt die Rauhautfledermaus vorrangig Insekten, die ihre Larvenzeit in aquatischen Gebieten, also Tümpeln, Seen und Flüssen verbracht haben. „Wir schließen daraus, dass es artspezifische Migrationsstrategien bei Fledermäusen gibt und dass Gewässer als Korridore für bestimmte Arten sehr wertvoll sind. Windpark-Standorte in Gewässernähe sind dementsprechend ungünstig“ betont Voigt.

Er vermutet, dass Rauhautfledermäuse sich regelrecht an nährstoffreichen Flüssen und Seen vom Baltikum bis nach Südfrankreich „entlang hangeln“ –den Gewässern folgen oder dort ausgedehnte Zwischenstopps einlegen. Ob der Große Abendsegler spezifische terrestrische Systeme, also beispielsweise markante Landschaftsstrukturen wie Bergketten zur Orientierung nutzt, ist bislang unklar. Studien an Tieren, die mit GPS-Sendern bestückt auf die weite Reise gehen, sollen nun folgen.

Während ihrer Wanderung fliegen Fledermäuse leider ziemlich genau in Höhe der Rotorblätter. US-amerikanische Forscher vermuten, dass sie die Windkraftanlagen sogar gezielt ansteuern, weil sie diese auf der Suche nach Tagesquartieren als Quartierbäume fehl deuten. Ob ein potentieller Windkraftstandort in einem Fledermauskorridor liegt lässt sich im Vorfeld mit „Horchboxen“, welche die artspezifischen hochfrequenten Laute der nächtlichen Flieger aufzeichnen, leicht feststellen.

Fledermäuse stehen nicht nur in Deutschland unter strengem Naturschutz sondern auch entsprechend der Habitat-Direktive in der gesamten Europäischen Union, da in den 1960er- bis 1980er-Jahre die Populationen dramatisch eingebrochen waren – unter anderem wegen des Insektizid- und Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft. Weil Fledermäuse sehr langlebig sind – manche Arten werden bis zu 40 (!) Jahre alt – und anders als etwa gleichgroße Mäuse nur einmal im Jahr ein bis zwei Junge gebären, erholen sich die Populationen nur sehr langsam. Windkraftanlagen stellen nun eine neue Todesfalle für Fledermäuse dar.

Artenschutz und Klimaschutz lassen sich jedoch gut verbinden, wenn Windkraftanlagen, die schon jetzt in Fledermauskorridoren stehen erst bei erhöhten Windgeschwindigkeiten betrieben werden. Denn die Flugaktivität von Fledermäusen sinkt ab einer Windgeschwindigkeit von 8 Meter pro Sekunde drastisch. Just in dem Bereich also, in dem die Nettoenergieproduktion von Windrädern gerade erst ansteigt. „Der Verlust für die Betreiber liegt unter einem Prozent, wenn sie in diesem Bereich die Anlagen während des nächtlichen Durchflugs abschalten“, sagt Voigt.

„Überhaupt macht es keinen betriebswirtschaftlichen Sinn die Windkraftanlagen bei niedrigen Windgeschwindigkeiten, also bis 5 Meter pro Sekunde, laufen zu lassen, da sie ohnehin keine Energie produzieren, aber eine hohe Zahl von Fledermaus-Schlagopfern produzieren“. In den U.S.A. üben sich die Windkraftbetreiber bereits in einem freiwilligen Verzicht, um die Schlagopferzahl von Fledermäusen auf diese Weise zu reduzieren. Die Umsetzung dieser Praxis in Deutschland wäre ein enormer Gewinn für den Artenschutz.

Fledermäuse sind die einzigen aktiv flugfähigen Säugetiere und sehr nützlich. Indem sie Insekten jagen und Schädlinge von Pflanzen abfressen erbringen sie weltweit messbare ökosystemare Dienstleistungen. „Studien zufolge spart beispielsweise die Maisindustrie jährlich Milliarden Dollar an Pestiziden ein“, berichtet Voigt. Wo es Fledermäuse gibt, gibt es auch weniger Schadfraß an Bäumen in Wäldern. Auch hierzulande. „Wir zerstören diese kostenlosen Dienstleistungen, wenn wir keinen effizienteren Fledermausschutz in den Zeiten der Energiewende durchführen.“ Abgesehen davon stehen Fledermäuse als migrierende Tiere auch unter dem Schutz einer UN-Konvention, welche für Deutschland als Unterzeichner bindend ist. „Rechtsprechung, Vernunft und internationale Abkommen fordern also eine Berücksichtigung der Artenschutzbelange, wenn wir etwas für den Klimaschutz machen wollen.“

Publikation:
Voigt CC, Lindecke O, Schönborn S, Kramer-Schadt S, Lehmann D (2016): Habitat use of migratory bats killed during autumn at wind turbines. ECOL APPL; DOI: 10.1890/15-0671.


Kontakt:

Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW)
Alfred-Kowalke-Str. 17
10315 Berlin

Christian Voigt
Tel.: +49-30-5168-517
voigt@izw-berlin.de

Steven Seet
Tel.: +49 30 5168-125
seet@izw-berlin.de

Weitere Informationen:

http://www.izw-berlin.de

Karl-Heinz Karisch | Forschungsverbund Berlin e.V.

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Feinste organische Partikel in der Atmosphäre sind häufiger glasartig als flüssige Öltröpfchen
21.04.2017 | Max-Planck-Institut für Chemie

nachricht Darmflora beeinflusst das Altern
21.04.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten