Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Immunologisches Gedächtnis sitzt in den Knochen

26.05.2009
Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin nähert sich Auslösern von Rheuma

Ursache rheumatischer Erkrankungen ist die körpereigene Abwehr: das Immunsystem ist fehlgeleitet und greift den gesunden Körper selbst an. Die Folge sind schmerzhafte Entzündungen an Knochen, Gelenken und Organen.

Untersuchungen des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin (DRFZ) belegen, dass sich Rheuma dabei auf das 'immunologische Gedächtnis' beruft. Zwei aktuelle Veröffentlichungen des DRFZ in der Fachzeitschrift Immunity zeigen, dass der Vorgang der Entzündung in Wellen verläuft. Zudem ziehen sich 'Gedächtniszellen' nach einem Immunangriff zur Ruhe ins Knochenmark zurück.

Diese neuen Erkenntnisse bringen die Zellbiologen des DRFZ ihrem Ziel näher, eines Tages die 'krankmachenden Erinnerungen' des Körpers auszulöschen und Rheuma heilbar zu machen. Eine wichtige Rolle bei der körpereigenen Abwehr spielen bestimmte weiße Blutkörperchen, die sogenannten T-Helfer-Zellen (TH-Zellen). Sie reagieren auf Eindringlinge im Körper - etwa Bakterien oder Viren - indem sie eine stufenweise sich verstärkende Antwort des Immunsystems hervorrufen.

Bei Rheuma erkennen die TH-Zellen körpereigenes Gewebe als fremd und veranlassen als TH1-Zellen eine Entzündung. Diese produzieren ein bestimmtes Eiweiß, das sogenannte T-bet. T-bet wiederum steuert maßgeblich die entzündlichen Vorgänge. DRFZ-Doktorandin Edda Schulz konnte jetzt zeigen, dass die Aktivierung von T-bet in zwei Wellen erfolgt. Erst die zweite Welle stößt - vermittelt durch den Botenstoff Interleukin-12 - die eigentliche zerstörerische Entzündung der Gelenke an.

Um die zugrunde liegenden komplizierten Regelkreise in der Zelle zu entschlüsseln, kombinierten die Forscher Experimente und mathematische Modellierungen. Dies gelang in Kooperation mit dem Biophysiker Professor Dr. rer. nat. Thomas Höfer am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) im Rahmen des Sonderforschungsbereichs "Theoretische Biologie" der Humboldt Universität. "Je genauer wir die Arbeitsweise der T-Helferzellen kennen, umso näher kommen wir dem von uns verfolgten Ansatz für neue Therapien: die gezielte Ausschaltung dieser Zellen", sagt Professor Dr. rer. nat. Andreas Radbruch, Direktor des DRFZ.

Die rheumatische Entzündung verläuft schubförmig: Nach einer Ruhephase kommt es erneut zu Beschwerden, oft an verschiedenen Gelenken. Auslösend wirken sogenannte Gedächtnis-T-Lymphozyten. Denn sie speichern die Erinnerung an frühere Angriffe. Die Immunantwort lässt sich auf diese Weise jederzeit wieder abrufen - und das sogar bis zu 100-mal stärker. Ohne Medikamente flamme die rheumatische Entzündung deshalb immer wieder auf. "Derzeitige Therapien basieren ausschließlich auf der Unterdrückung der entzündlichen Symptome", sagt Zellbiologe Radbruch.

Bislang nahmen Forscher an, dass die Gedächtniszellen dauerhaft im Blut kreisen. Eine neue DRFZ-Studie von Dr. med. Koji Tokoyoda, belegt jedoch, dass sie einen 'festen Wohnsitz' haben: Wenige Wochen nach ihrer Bildung ziehen sich 80 Prozent ins Knochenmark zurück. Der Wissenschaftler am DRFZ konnte jetzt zeigen, dass die Zellen dort fest an Bindegewebszellen gebunden sind. Ihr Stoffwechsel ist verlangsamt. Ein erneuter Kontakt mit einem als fremd erkannten Antigen weckt sie aus diesem Ruhezustand. Die Forscher zeigten außerdem, dass es danach zur Aktivierung der so genannten B-Zellen kommt. Diese setzten eine erneute Entzündungsreaktion in Gang.

Je besser unsere Kenntnis entzündlicher rheumatischer Erkrankungen ist, desto größer die Chancen für wirksame Arzneimittel. "Grundlagenforschung ist dabei eine ganz wesentliche Voraussetzung", sagt Professor Radbruch. Zur Strategie gehöre es, Zellen des immunologischen Gedächtnisses zu zerstören oder für sie überlebenswichtige Signale zu blockieren. "Dem sind wir nun ein gutes Stück näher gekommen", so Radbruch.

Quellen:

Schulz et al., Sequential Polarization and Imprinting of Type 1 T Helper Lymphocytes by Interferon-g and Interleukin-12, Immunity (2009), doi:10.1016/j.immuni.2009.03.013

Tokoyoda et al., Professional Memory CD4+ T Lymphocytes Preferentially Reside and Rest in the Bone Marrow,Immunity (2009), doi:10.1016/j.immuni.2009.03.015

Kontakt für Journalisten:
Anna Julia Voormann
Postfach 301120
70451 Stuttgart
Tel: +49 (0)711 89 31 552
Fax: +49 (0)711 89 31 167
voormann@medizinkommunikation.org

Jacqueline Hirscher | idw
Weitere Informationen:
http://www.drfz.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der lange Irrweg der ADP Ribosylierung
26.04.2018 | Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns

nachricht Neuer Impfstoff-Kandidat gegen Malaria erfolgreich in erster klinischer Studie untersucht
25.04.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Why we need erasable MRI scans

New technology could allow an MRI contrast agent to 'blink off,' helping doctors diagnose disease

Magnetic resonance imaging, or MRI, is a widely used medical tool for taking pictures of the insides of our body. One way to make MRI scans easier to read is...

Im Focus: Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

Das Kleben der Zellverbinder von Hocheffizienz-Solarzellen im industriellen Maßstab ist laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und dem Anlagenhersteller teamtechnik marktreif. Als Ergebnis des gemeinsamen Forschungsprojekts »KleVer« ist die Klebetechnologie inzwischen so weit ausgereift, dass sie als alternative Verschaltungstechnologie zum weit verbreiteten Weichlöten angewendet werden kann. Durch die im Vergleich zum Löten wesentlich niedrigeren Prozesstemperaturen können vor allem temperatursensitive Hocheffizienzzellen schonend und materialsparend verschaltet werden.

Dabei ist der Durchsatz in der industriellen Produktion nur geringfügig niedriger als beim Verlöten der Zellen. Die Zuverlässigkeit der Klebeverbindung wurde...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Konferenz zur Marktentwicklung von Gigabitnetzen in Deutschland

26.04.2018 | Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der lange Irrweg der ADP Ribosylierung

26.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Belle II misst die ersten Teilchenkollisionen

26.04.2018 | Physik Astronomie

Anzeichen einer Psychose zeigen sich in den Hirnwindungen

26.04.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics