Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kann das Hundestaupevirus Menschen infizieren?

15.03.2013
Die Masern ausrotten – dieses Ziel strebt die Weltgesundheitsorganisation an. Wenn es klappt, könnte das womöglich einem anderen Krankheitserreger Tür und Tor öffnen: dem Hundestaupevirus.
Weltweit bekommen jedes Jahr 20 bis 30 Millionen Menschen die Masern. Diese Virusinfektion wird bisweilen als „harmlose Kinderkrankheit“ betrachtet – aber das stimmt nicht. Allein im Jahr 2010 starben daran 150.000 Menschen. Die Krankheit kann außerdem schwere Folgeschäden verursachen: So erblinden an den Masern jährlich rund 30.000 Menschen, vor allem in Afrika.

Kein Wunder, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO die Masern ausrotten will, so wie es mit den Pocken 1980 gelungen ist. „Dieses Ziel könnte schon 2020 erreicht sein, wenn sich eine konsequente Impfung der ganzen Menschheit gegen die Masern realisieren ließe“, sagt Jürgen Schneider-Schaulies, Professor am Institut für Virologie und Immunbiologie der Universität Würzburg.

Falls die Masern irgendwann besiegt sein sollten, wären Schutzimpfungen überflüssig. Den fehlenden Impfschutz könnten dann aber andere Viren ausnutzen, die sehr eng mit den Masern verwandt sind, um die frei gewordene Nische zu besetzen – zum Beispiel Hundestaupeviren. Diese Erreger verursachen bei Hunden und anderen Tieren unter anderem Durchfall, Krämpfe und Gehirnschäden. Häufig endet die Infektion tödlich.

Schützt Masernimpfung vor der Hundestaupe?

„Impft man Hunde mit dem Masernimpfstoff, sind sie vor einer Infektion mit dem Staupevirus geschützt“, so Schneider-Schaulies. Daraus lasse sich schließen: Auch Menschen, die gegen Masern geimpft wurden oder eine Maserninfektion durchgemacht haben, sind gegen Staupeviren immun. Tatsachlich ist bislang kein einziger Fall bekannt, in dem Staupeviren einen Menschen befallen haben.

Dabei scheint der Weg zum Menschen nicht weit zu sein. Anders als das Masernvirus, das nur den Menschen als natürlichen Wirt hat, können Hundestaupeviren verschiedene Fleischfresser infizieren: Hunde, Füchse, Waschbären, Dachse, Löwen und sogar Affen (Makaken). „Das Hundestaupevirus ist in dieser Hinsicht viel flexibler als das Masernvirus“, sagt der Würzburger Virologe, „und durch Mutationen seines Erbguts könnte es auch für Menschen infektiös werden.“

Bei Viren verändert sich das Erbgut sehr schnell, wie das Beispiel der Grippeviren zeigt. Sie variieren so stark, dass das Immunsystem immer wieder neu auf sie reagieren und der Impfstoff jedes Jahr neu angepasst werden muss – und trotzdem kommt es regelmäßig zu Grippewellen.

Erster Infektionsschritt funktioniert schon

Wie stark müsste sich das Hundestaupevirus verändern, um Menschen infizieren zu können? Das hat das Forschungsteam von Schneider-Schaulies anhand der ersten Schritte der Infektion, der Bindung an Rezeptoren, untersucht.

An einen der beiden Rezeptoren, das Nectin-4 auf Epithelzellen, kann das Virus schon jetzt ohne Veränderung binden. Die Bindung an den anderen Rezeptor dürfte dem Virus leichtfallen: Um über den Rezeptor CD150 Zutritt in die Immunzellen zu bekommen, ist nur eine einzige Mutation im viralen Hüllprotein Hämagglutinin nötig. Das berichten die Würzburger Virologen mit Kollegen von der Universität Bern im Journal PLoS ONE.

Mehrere Mutationen für Anpassung an Menschen nötig

Allerdings hat sich das Hundestaupevirus damit erst einmal nur in die Zellen hineingeschmuggelt. „Um sich dort erfolgreich vermehren und Schäden anrichten zu können, sind noch mehrere Veränderungen in seinen Genen nötig“, so Schneider-Schaulies. Die vollständige Anpassung an den Menschen sei also nicht ganz so einfach.

„Solange ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung gegen Masern immun ist, haben wir wohl kaum zu befürchten, dass das Hundestaupevirus die Grenze zum Menschen überschreitet“, prognostiziert der Würzburger Forscher. Allerdings solle die Wissenschaft am besten schon jetzt über eine Sache nachdenken: welche Maßnahmen sich gegen das Hundestaupevirus am besten eignen, falls die Masern doch einmal ausgerottet sein sollten.

Bieringer, M., Han, W.J., Kendl, S., Khosravi, M., Plattet, P., and Schneider-Schaulies, J. (2013): Experimental adaptation of canine distemper virus (CDV) to the human entry receptor CD150. PLoS ONE 8(3): e57488. doi: 10.1371/journal.pone.0057488

Kontakt

Prof. Dr. Jürgen Schneider-Schaulies, Institut für Virologie und Immunbiologie der Universität Würzburg, T (0931) 31-81564, jss@vim.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | Uni Würzburg
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Auf der molekularen Streckbank
24.02.2017 | Technische Universität München

nachricht Sicherungskopie im Zentralhirn: Wie Fruchtfliegen ein Ortsgedächtnis bilden
24.02.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie