Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hörschwierigkeiten belasten Kurzzeitgedächtnis

07.09.2012
Erinnerungsfähigkeit von Menschen mit Hörschwierigkeiten und Innenohr-Implantaten könnte besonders betroffen sein

Schlechte Akustik ist nicht nur ein Problem für die Ohren. Wie Forscher am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften herausgefunden haben, verbrauchen akustisch widrige Bedingungen im Gehirn die gleichen begrenzten Ressourcen, die wir für unser Kurzzeitgedächtnis benötigen. Für Menschen mit Hörstörungen, die Sprachsignale oft dauerhaft verzerrt oder mit störendem Rauschen wahrnehmen, könnte das bedeuten, dass sie unter permanenter kognitiver Doppelbelastung stehen.


Mithilfe der Magnetenzephalografie erfassen Hirnforscher millisekundengenau magnetische Schwankungen an der Kopfoberfläche, die durch die Kommunikation der Nervenzellen entstehen. © MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften


Der Versuchsablauf: Während Teilnehmer die gehörten Zahlen im Gedächtnis behielten, stieg die Intensität der Alphawellen an. Die höchste Intensität erreichten sie, wenn zu längeren Zahlenfolgen schlechte akustische Qualität hinzukam. © MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften

Jeder kennt das: Bei hohem Geräuschpegel, etwa auf einer lauten Party, ist es anstrengend, einer Unterhaltung zu folgen. Wissenschaftler der Max-Planck-Forschungsgruppe Auditive Kognition um Jonas Obleser haben nun eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen gefunden.

Im Experiment spielten die Forscher Testpersonen Zahlen vor und baten sie, diese für kurze Zeit im Gedächtnis zu behalten. Sowohl die Länge der Zahlenfolgen als auch die Qualität des Sprachsignals wurde dabei variiert. Nach etwas über einer Sekunde wurden die Probanden gefragt, ob eine bestimmte Zahl vorgekommen war – eine relativ leichte Aufgabe, bei der die Teilnehmer auch unter den schwierigeren Bedingungen in über 90 Prozent der Fälle richtig lagen.

Das eigentliche Interesse der Forscher galt den sogenannten Alpha-Wellen im Gehirn. Diese rhythmischen Schwingungen der Hirnaktivität gelten als Maß dafür, wie beschäftigt das Kurzzeitgedächtnis ist. Die Alpha-Wellen wurden während des Experiments mithilfe der Magnetenzephalografie gemessen.

Wie erwartet waren sie umso stärker, je mehr Zahlen abgespeichert werden mussten. Überraschenderweise war die Alpha-Intensität jedoch ebenso abhängig davon, wie hoch oder niedrig das Sprachsignal aufgelöst war. Je schwieriger die Zahlen zu verstehen waren, desto mehr Alpha-Aktivität trat auf. Schlechte Akustik verbraucht demnach die gleichen kognitiven Ressourcen, wie das Speichern des sprachlichen Inhaltes selbst.
„In diesem Experiment war es noch nicht so, dass die Probanden an ihre Grenzen stießen“, sagt Obleser. „Aber das Kurzzeitgedächtnis hat ein natürliches Limit, und wenn zu anspruchsvollen Inhalten hinzukommt, dass die Worte selbst schwer zu verstehen sind, könnte das zu einer schnelleren Überlastung führen.“ Dann würden wir im Gespräch den Faden verlieren oder uns die letzte Ziffer der Telefonnummer nicht mehr merken.

Die wachsende Gruppe von Menschen mit Hörschäden und Gehörlose mit sogenanntem Cochlea-Implantat könnte dies besonders treffen, da sie Sprache dauerhaft unter akustisch widrigen Bedingungen wahrnehmen. In weiteren Studien wollen die Forscher nun genauer untersuchen, wie sich die Belastungen auf Hirnebene auswirken.

Ansprechpartner

Dr. Jonas Obleser
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
Telefon: +49 341 9940-114
Email: obleser@­cbs.mpg.de
Peter Zekert
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
Telefon: +49 341 9940-2404
Fax: +49 341 9940-2221
Email: zekert@­cbs.mpg.de
Originalveröffentlichung
Obleser, J., Woestmann, M., Hellbernd, N., Wilsch, A. , Maess, B. (2012)
Adverse listening conditions and memory load drive a common alpha oscillatory network

Journal of Neuroscience, 5. September 2012; 32(36): 12376–12383

Dr. Jonas Obleser | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/6342492/akustik_kurzzeitgedaechtnis

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Genetische Vielfalt schützt vor Krankheiten
23.05.2018 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt
22.05.2018 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Im Focus: Faserlaser mit einstellbarer Wellenlänge

Faserlaser sind ein effizientes und robustes Werkzeug zum Schweißen und Schneiden von Metallen beispielsweise in der Automobilindustrie. Systeme bei denen die Wellenlänge des Laserlichts flexibel einstellbar ist, sind für spektroskopische Anwendungen und die Medizintechnik interessant. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) haben, im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „FlexTune“, ein neues Abstimmkonzept realisiert, das erstmals verschiedene Emissionswellenlängen voneinander unabhängig und zeitlich synchron erzeugt.

Faserlaser bieten im Vergleich zu herkömmlichen Lasern eine höhere Strahlqualität und Energieeffizienz. Integriert in einen vollständig faserbasierten...

Im Focus: LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

Auf der LASYS 2018 zeigt das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) vom 5. bis zum 7. Juni Prozesse für die Lasermaterialbearbeitung von morgen in Halle 4 an Stand 4E75. Mit gesprengten Bombenhüllen präsentiert das LZH in Stuttgart zudem erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zur zivilen Sicherheit.

Auf der diesjährigen LASYS stellt das LZH lichtbasierte Prozesse wie Schneiden, Schweißen, Abtragen und Strukturieren sowie die additive Fertigung für Metalle,...

Im Focus: Achema 2018: Neues Kamerasystem überwacht Destillation und hilft beim Energiesparen

Um chemische Gemische in ihre Einzelbestandteile aufzutrennen, ist in der Industrie die energieaufwendige Destillation gängig, etwa bei der Raffinerie von Rohöl. Forscher der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK) entwickeln ein Kamerasystem, das diesen Prozess überwacht. Dabei misst es, ob es zu einer starken Tropfenbildung kommt, was sich negativ auf die Trennung der Komponenten auswirken kann. Die Technik könnte hier künftig automatisch gegensteuern, wenn sich Messwerte ändern. So ließe sich auch Energie einsparen. Auf der Prozesstechnik-Messe Achema in Frankfurt stellen sie die Technik vom 11. bis 15. Juni am Forschungsstand des Landes Rheinland-Pfalz (Halle 9.2, Stand A86a) vor.

Bei der Destillation werden Flüssigkeiten durch Verdampfen und darauffolgende Kondensation des Dampfes in ihre Bestandteile getrennt. Ein bekanntes Beispiel...

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Rotierende Rugbybälle unter den massereichsten Galaxien

23.05.2018 | Physik Astronomie

Invasive Quallen: Strömungen als Ausbreitungsmotor

23.05.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Matrix-Theorie als Ursprung von Raumzeit und Kosmologie

23.05.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics