Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Harnblasenkrebs: Ultra-langsames Enzym erhöht Rückfallrisiko

11.01.2017

Ein signifikant höheres Rückfallrisiko sowie eine kürzere rückfallfreie Zeit: Ein Forscherteam um Dr. Silvia Selinski vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) hat erstmals die Rolle einer ultra-langsamen Genvariante des Entgiftungsenzyms N-Acetyltransferase (NAT2) bei Patienten mit Harnblasenkrebs untersucht. Die Wissenschaftler konnten u.a. zeigen, dass Patienten mit ultra-langsamen NAT2-Genotyp ein fast doppelt so hohes Rückfallrisiko haben wie nicht-betroffene Personen.

Tabakrauch, Farben und Lacke: Das Entgiftungsenzym N-Acetyltransferase 2, kurz NAT2, inaktiviert krebserzeugende aromatische Amine. Diesen chemischen Stoffen sind wir heutzutage meist beim Rauchen von Zigaretten ausgesetzt – früher aber auch am Arbeitsplatz. Das wichtige Enzym NAT2 ist vorwiegend in der Leber aktiv.


Dr. Silvia Selinski

@IfADo

Allerdings sind verschiedene Polymorphismen des NAT2-Gens bekannt, welche die Enzymaktivität beeinflussen und damit das Krebsrisiko begünstigen können – das wichtigste Beispiel ist der Harnblasenkrebs. Ist die Aktivität des Enzyms verlangsamt, können krebserzeugende Stoffe nur in geringerem Maße unschädlich gemacht werden.

Als Folge entstehen mehr krebserzeugende Stoffwechselprodukte, die das Gewebe schädigen können. Aufgrund der Stoffwechselgeschwindigkeit wird generell in langsame und schnelle Acetylierer unterschieden. In rund der Hälfte der europäischen Bevölkerung sind die langsamen NAT2-Genvarianten zu finden.

Ein Forscherteam um die IfADo-Wissenschaftlerin Dr. Silvia Selinski hat nun erstmals eine Untergruppe der langsamen Acetylierer in einer Studie zum Verlauf von Harnblasenkrebserkrankungen untersucht – den ultra-langsamen NAT2-Genotyp (NAT2*6A/*6A). Dieser liegt bei rund acht Prozent der Europäer und bei rund zehn Prozent der Harnblasenkrebspatienten vor. Dieser ultra-langsame Genotyp weist im Vergleich zu den anderen langsamen Genotypen eine um rund ein Drittel geringere Stoffwechselaktivität auf.

Konkret ging es um die Fragestellung, ob und wie sich langsame und ultra-langsame NAT2-Genotypen auf das Rückfallrisiko und die Dauer der rückfallfreien Zeit auswirken. Dazu wurde der Krankheitsverlauf von 756 Patienten mit Harnblasenkrebs aus urologischen Kliniken in Neuss, Lutherstadt Wittenberg und Dortmund untersucht. Die Forscher haben sich dabei nur auf die 586 Patienten mit dem deutlich häufigeren (rund 80 Prozent aller Harnblasenkarzinome) oberflächlichen Harnblasenkrebs konzentriert.

Die Befunde wurden jetzt im renommierten Journal ‚European Urology’ publiziert: Der untersuchte ultra-langsame NAT2-Genotyp zeigte im Vergleich mit langsamen und schnellen Acetylierern ein signifikant höheres Rückfallrisiko sowie eine kürzere rückfallfreie Zeit. Das Rückfallrisiko der ultra-langsamen Acetylierer war fast doppelt so hoch wie das der schnellen Acetylierer (1,9-faches Risiko). Noch höher war das Rückfallrisiko bei Rauchern (2,4-faches Risiko).

Rückfälle traten im Schnitt nach etwa acht Monaten und damit knapp drei Monate früher auf. Dieses Wissen ist für die individuelle Therapie von Patienten mit ultra-langsamer NAT2-Genvariante interessant, beispielsweise bei der Anpassung von Untersuchungsintervallen nach überstandener Tumorerkrankung. Folgestudien müssen u.a. klären, ob es neben NAT2 weitere Faktoren für Risikopatienten mit Harnblasenkrebs gibt.

Zur Publikation:
Silvia Selinski, Holger Gerullis, Thomas Otto, Emanuel Roth, Frank Volkert, Daniel Ovsiannikov, Johannes Salem, Oliver Moormann, Berit Christine Geis, Hartmut Niedner, Meinolf Blaszkewicz, Jan G. Hengstler, Klaus Golka (2016): Ultra-slow N-Acetyltransferase 2 Is Associated with Recurrence-free Time in Bladder Cancer Patients. In: European Urology. DOI: 10.1016/j.eururo.2016.12.007

Ansprechpartner:
Dr. Silvia Selinski
Arbeitsgruppen „Systemtoxikologie“ und „Klinische Arbeitsmedizin“
Tel.: +49 / 231 1084 216
E-Mail: selinski@ifado.de

Das IfADo - Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund erforscht die Potenziale und Risiken moderner Arbeit auf lebens- und verhaltenswissenschaftlicher Grundlage. Aus den Ergebnissen werden Prinzipien der leistungs- und gesundheitsförderlichen Gestaltung der Arbeitswelt abgeleitet. Das IfADo hat mehr als 200 Mitarbeiter/innen aus naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen. Das Institut ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, die 91 selbstständige Einrichtungen umfasst. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 18.600 Personen, darunter 9.500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei 1,7 Milliarden Euro.

Weitere Informationen:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=10.1016%2Fj.eururo.2016.12.007 Die Studie

Eva Mühle | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.ifado.de/

Weitere Berichte zu: Enzym Harnblasenkrebs IfADo Rückfallrisiko aromatische Amine

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht CHP1-Mutation verursacht zerebelläre Ataxie
23.01.2018 | Uniklinik Köln

nachricht Lebensrettende Mikrobläschen
23.01.2018 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Optisches Nanoskop ermöglicht Abbildung von Quantenpunkten

Physiker haben eine lichtmikroskopische Technik entwickelt, mit der sich Atome auf der Nanoskala abbilden lassen. Das neue Verfahren ermöglicht insbesondere, Quantenpunkte in einem Halbleiter-Chip bildlich darzustellen. Dies berichten die Wissenschaftler des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel zusammen mit Kollegen der Universität Bochum in «Nature Photonics».

Mikroskope machen Strukturen sichtbar, die dem menschlichen Auge sonst verborgen blieben. Einzelne Moleküle und Atome, die nur Bruchteile eines Nanometers...

Im Focus: Optical Nanoscope Allows Imaging of Quantum Dots

Physicists have developed a technique based on optical microscopy that can be used to create images of atoms on the nanoscale. In particular, the new method allows the imaging of quantum dots in a semiconductor chip. Together with colleagues from the University of Bochum, scientists from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute reported the findings in the journal Nature Photonics.

Microscopes allow us to see structures that are otherwise invisible to the human eye. However, conventional optical microscopes cannot be used to image...

Im Focus: Vollmond-Dreierlei am 31. Januar 2018

Am 31. Januar 2018 fallen zum ersten Mal seit dem 30. Dezember 1982 "Supermond" (ein Vollmond in Erdnähe), "Blutmond" (eine totale Mondfinsternis) und "Blue Moon" (ein zweiter Vollmond im Kalendermonat) zusammen - Beobachter im deutschen Sprachraum verpassen allerdings die sichtbaren Phasen der Mondfinsternis.

Nach den letzten drei Vollmonden am 4. November 2017, 3. Dezember 2017 und 2. Januar 2018 ist auch der bevorstehende Vollmond am 31. Januar 2018 ein...

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

Veranstaltungen

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

23.01.2018 | Veranstaltungen

Gemeinsam innovativ werden

23.01.2018 | Veranstaltungen

Leichtbau zu Ende gedacht – Herausforderung Recycling

23.01.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Lebensrettende Mikrobläschen

23.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

3D-Druck von Metallen: Neue Legierung ermöglicht Druck von sicheren Stahl-Produkten

23.01.2018 | Maschinenbau

CHP1-Mutation verursacht zerebelläre Ataxie

23.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics