Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geschichte geht durch den Magen

23.01.2009
Das Bakterium Helicobacter pylori belegt, auf welchem Weg die Menschen Australien und den Pazifik besiedelt haben

Helicobacter pylori kann Magengeschwüre und Krebs hervorrufen. Mehr als die Hälfe der Erdbevölkerung trägt eine Form des Bakteriums in sich. Die Bakterien treten dabei auf verschiedenen Kontinenten in abgewandelter Form auf. Bisher unterschieden Biologen fünf Bakterienpopulationen. Forscher am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin und an der Universität Cork in Irland haben nun eine neue Population von Helicobacter pylori-Bakterien entdeckt, die den Ureinwohnern Australiens und Neuguineas eine gemeinsame Wiege bescheinigt. (Science, 23. Januar 2009)


Zwei verschiedene Formen des Magenbakteriums Helicobacter pylori zeigen, dass die Menschen auf unterschiedlichen Routen Australien und die pazifischen Inseln besiedelten. Bild: Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie/Achtman

Ein internationales Forscherteam um Mark Achtman hat anhand des Magenbakteriums Helicobacter pylori (Hp) die Studien von Archäologen, Sprachwissenschaftlern und Humangenetikern ergänzt und bestätigt: Der Pazifik wurde in zwei Wellen von Einwanderern besiedelt. Die ältesten Ahnen des modernen Menschen lebten schon vor 31.000 bis 37.000 Jahren in Australien und Neuguinea. Sie kamen durch eine Völkerwanderung aus Asien, die von der Helicobacter-Population hpSahul begleitet wurde. Die Wissenschaftler fanden dieses Bakterium bei den Ureinwohnern Australiens sowie der Hochebene Neuguineas, die wahrscheinlich während der letzten Eiszeit von Asien nach Sahul zogen. Damals hatten sich Australien, Neuguinea und Tasmanien zum Kontinent Sahul vereinigt. HspMaori, eine Unterart der Population hpOstasien, war das zweite Bakterium, das eine Völkerwanderung im Pazifik begleitete. Seine Verbreitung im Magen der meisten Ureinwohner Taiwans, Melanesiens und Polynesiens belegt die zweite große Völkerwanderung von Taiwan aus in Richtung Melanesien und Polynesien.

Mark Achtman beschäftigt sich seit 1998 mit Helicobacter pylori. Das Buch "Guns, Germs and Steel" von Jared Diamond, das die Entwicklung der Völker in Europa und Asien beschreibt, brachte ihn auf die Idee, Völkerwanderungen mithilfe des Magenbakteriums nachzuvollziehen. Die aktuelle Studie baut auf Ergebnisse auf, die der Wissenschaftler in früheren Untersuchungen gewann. "Mittlerweile ist bekannt, dass Helicobacter pylori regional verschieden ist", erklärt Achtman. "Vor etwa zehn Jahren entdeckten wir, dass sich die Bakterien in Europa von denen in China unterscheiden. 2003 konnten wir zeigen, dass eine Art der Bakterien mit den Sklaven nach Nordamerika kam." Als Achtman schließlich im Jahr 2004 in Nordindien unterschiedliche Bakterien bei Muslimen und Buddhisten fand, sei ihm endgültig klar gewesen, dass sich Völkerwanderungen anhand der Helicobacter pylori gut darstellen lassen.

Die Proben, auf denen die aktuellen Untersuchungen basieren, stammen aus verschiedenen Quellen. In einigen Ländern bekamen die Wissenschaftler diese direkt von Ärzten und Krankenhäusern zur Verfügung gestellt. In anderen Ländern vermittelten die Mediziner ihnen Ureinwohner, die bereit waren, sich an der Studie zu beteiligen. So nahmen Highlander aus Neuguinea ebenso teil wie Nachfahren der Ureinwohner Australiens, die mitten in der australischen Wüste leben. Der japanische Wissenschaftler Yoshio Yamaoka lieferte die Bakterien aus Taiwan. Barry Marschall, Nobelpreisträger von 2005, und Helen Windsor haben die Studie mit Magenkeimen aus Australien unterstützt.

"Erstaunlich ist, dass in keiner der Stichproben hpSahul und hspMaori nebeneinander existierten", erklärt Achtman. Das habe er bisher bei keiner seiner Studien erlebt. Dafür wären drei Erklärungen möglich: Entweder haben die verschiedenen Ureinwohner untereinander wenig Kontakt oder eine Bakterienpopulation ist robuster ist als das andere und verdrängt diese. Es könnte darüber hinaus auch ein bislang nicht untersuchtes Gebiet geben, wo hpSahul und hspMaori nebeneinander leben. "Das Inselreich des Pazifik ist so groß, dass es nicht möglich war, alle Inseln in dieser Untersuchung zu berücksichtigen", erklärt Achtman. Der Forscher, der jetzt an der Universität Cork arbeitet, würde gerne mehr pazifische Inseln untersuchen, um diese Frage besser beantworten zu können.

Originalveröffentlichung:

Y. Moodley, B. Linz, Y. Yamaoka, H. Windsor, S. Breurec, J.-Y. Wu, A. Maady, S. Bernhöft, J.-M. Thiberge, S. Phuanukoonnon, G. Jobb, P. Siba, D. Y. Graham, B. Marshall, and M. Achtman
The peopling of the Pacific from a bacterial perspective
Science, 23. Januar 2009

Dr. Christina Beck | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht 'Fix Me Another Marguerite!'
23.06.2017 | Universität Regensburg

nachricht Schimpansen belohnen Gefälligkeiten
23.06.2017 | Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften (MPIMIS)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften