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Die genetische Uhr der Mäusebussarde

23.10.2013
Bielefelder Biologen entschlüsseln Einfluss von Erbgut auf Wanderungsverhalten

Ob Winterschlaf oder die Pendelflüge von Zugvögeln: Tierische Verhaltensweisen, die dem Jahresrhythmus unterliegen, werden durch eine genetische Uhr gesteuert. Das ist seit längerem bekannt. Inwieweit Gene beim Stellen dieser inneren Uhr eine Rolle spielen – das ist in den meisten Fällen noch unklar.


Dank Hinweisen von Hobby-Vogelkundlern konnten Bielefelder Biologen beweisen, welche Gene bestimmen, wann junge Bussarde ihr elterliches Territorium verlassen. Bernhard Glüer


Verhaltensforscher Nayden Chakarov erklettert Bussardnester, um Jungvögel zu markieren und um Blutproben zu nehmen. Universität Bielefeld, Martina Boerner

Das galt bislang auch für den Mäusebussard und seine Abwanderung aus dem elterlichen Brutrevier. Die Verhaltensforscherinnen und -forscher aus dem Team um Professor Dr. Oliver Krüger von der Fakultät für Biologie der Universität Bielefeld haben jetzt bewiesen, dass eine genetische Uhr bestimmt, wann junge Mäusebussarde das Territorium ihrer Eltern verlassen.

Der Schlüssel zu diesen Daten waren Beobachtungen aus der Bevölkerung, die markierte Bussarde an die Forscher gemeldet haben. Die Forscherinnen und Forscher haben ihre Studie jetzt in dem Fachjournal „Molecular Ecology“ veröffentlicht.

„Da fliegt ein Bussard mit einem Zettel an den Flügeln.“ Anrufe mit solchen Meldungen bekommen Krüger und seine Mitarbeiter häufig. „Für uns interessant sind aber nicht die Markierungen als solche, sondern die Zeichen, die darauf stehen“, sagt Krüger. „Sie sind der Personalausweis, den jeder Bussard im Raum Bielefeld von unserer Forschungsgruppe bekommt.“ Mit Hilfe dieses Codes können die Verhaltensforscherinnen und -forscher die Wanderungen der einzelnen Vögel nachvollziehen.

Krügers Mitarbeiter Nayden Chakarov stattet seit Jahren für seine Doktorarbeit Bussarde mit Flügelmarken aus und beringt sie. Für die Tiere sei dieses Verfahren unproblematisch, erklärt er: „Die Flügelmarken stören nicht beim Fliegen und werden den Bussarden schon als Küken gegeben.“ Seine Kollegen und er erklettern Bussardnester aber nicht nur, um die Tiere zu markieren, sondern auch, um Blutproben von den Jungvögeln zu nehmen. So ist für jeden beringten Jungvogel auch eine genetische Probe vorhanden.

Wird ein Vogel später gesichtet und werden die Zeichen auf der Flügelmarke den Forschern mitgeteilt, können diese anhand der Blutprobe Informationen über bestimmte Gene bekommen. Anrufe von Hobbyornithologen kommen dabei nicht nur aus Bielefeld und Umgebung, wo die Tiere markiert wurden, sondern auch aus Belgien und den Niederlanden. Mit einer mehrsprachigen Website, einem Flyer und in Internetforen machen die Forscher auf ihr Projekt aufmerksam.

„Dank der Hilfe vieler Hobbyornithologen wurden mittlerweile genügend Meldungen gesammelt, um erste Schlüsse ziehen zu können“, sagt Chakarov. Von den wiedergesichteten Bussarden wurden vier Gene analysiert, die eine Rolle bei der genetischen Uhr spielen. „Für drei dieser Gene haben wir einen Einfluss feststellen können“, erklärt der Biologe. „Mit ihnen lässt sich voraussagen, zu welchem Zeitpunkt die Jungtiere das Elternterritorium verlassen.“ Diese Gene kodieren neuronale Botenstoffe, die bei Singvögeln das Zugverhalten steuern. Außerdem können dieselben Gene auch den Zeitpunkt des Brütens beeinflussen und so zur Anpassung an die lokalen Klimabedingungen beitragen.

In den kommenden Jahren will das Team um Professor Krüger erforschen, ob diese Gene den Bussarden auch helfen, sich besser an den Klimawandel anzupassen. Hierfür sind die Forscherinnen und Forscher weiterhin auf Sichtungen markierter Bussarde angewiesen. Codes von Bussarden können per Telefon (0521/106 2842) und E-Mail gemeldet werden: bussarde@uni-bielefeld.de.

Originalveröffentlichung:
Nayden Chakarov, Rudy M. Jonker, Martina Boerner, Joseph I. Hoffman, Oliver Krüger: Variation at phenological candidate genes correlates with timing of dispersal and plumage morph in a sedentary bird of prey, Molecular Ecology, http://dx.doi.org/10.1111/mec.12493, online erschienen am 7. Oktober 2013.
Kontakt:
Nayden Chakarov, Universität Bielefeld
Fakultät für Biologie
Telefon: 0521 106-2620
E-Mail: az.nayden@gmail.com
Prof. Oliver Krüger, Universität Bielefeld
Fakultät für Biologie
Telefon 0521 106-2842
E-Mail: oliver.krueger@uni-bielefeld.de

Ingo Lohuis | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bielefeld.de/bussarde

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