Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gendefekt führt zu chronisch entzündlichen Darmkrankheiten

31.07.2009
Gendefekte in der Erkennung von Bakterien können zu überschiessenden Immunreaktionen führen. Diese wiederum könnten eine Reihe von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn verursachen.

Ein defektes Immunsystem kann nicht nur zu schwach, sondern auch zu stark reagieren. Dafür verantwortlich sind erbliche Gendefekte. Ist ein bestimmtes Gen, das für die Erkennung von Bakterien zuständig ist, geschädigt, versucht das Immunsystem diese angeborene Schwäche durch eine erhöhte Aktivität an anderer Stelle auszugleichen - und schiesst dabei manchmal über das Ziel hinaus: Es beginnt gutartige Bakterien, die für eine gesunde Darmflora sorgen, anzugreifen.

Die Folge sind chronisch entzündliche Darmkrankheiten wie Morbus Crohn. Dies hat nun ein internationales Team unter der Leitung von Ärztinnen und Forschern der Universität Bern und des Inselspitals herausgefunden. Ihre Studie wird am Freitag, 31. Juli im Fachjournal "Science" publiziert.

Zusammenspiel von "alten" und "modernen" Immunzellen

Unser Immunsystem besteht aus zwei Teilen: Ein stammesgeschichtlich "alter" Teil enthält Zellen, die unmittelbar alles auffressen und abtöten, was entzündlich sein könnte. Der "moderne" Teil produziert Antikörper sowie spezielle Immunzellen (T-Zellen), die schädliche Bakterien hochpräzise beseitigen. Diese treten jedoch wesentlich langsamer in Aktion als die "alten" Fresszellen. Bisher konzentrierte sich die Forschung hauptsächlich darauf, wie die "modernen" Immunzellen die Darmbakterien kontrollieren. Anders die Forschergruppe um Dr. Emma Slack, Dr. Siegfried Hapfelmeier und Prof. Dr. Andrew MacPherson vom Departement für Klinische Forschung der Universität Bern und der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin des Inselspitals: Sie untersuchten die Rolle der "alten" Immunzellen und entdeckten dabei ein ausgeklügeltes Zusammenspiel mit den "modernen" Immunzellen in der Bakterien-Abtötung. Ausserdem wiesen sie nach, dass ein Gendefekt dieses Zusammenspiel und somit das gesamte Immunsystem aus dem Gleichgewicht bringt.

Gendefekt lässt Immunreaktion überborden

Da ständig Bakterien durch die dünne Darmschleimhaut dringen, müssen sie an dieser Stelle schnell eliminiert werden. Wenn aber die "alten" Immunzellen nicht richtig funktionieren, gelangen zu viele Bakterien vom Darm in den Blutkreislauf, worauf die "modernen" Immunzellen stärker reagieren, um diesen Schaden zu kompensieren. Diese Kompensation kann beinahe perfekt sein, und der betroffene Organismus bleibt trotz einer geschwächten Bakterien-Abtötung gesund. Die verstärkte "moderne" Immunantwort kann den Darm aber auch ernsthaft schädigen - wie dies vermutlich bei Morbus Crohn der Fall ist: Bei dieser Krankheit verursacht eine überbordende Immunreaktion gegen gutartige Darmbakterien schwere chronische Darmentzündungen. Wie dasselbe Forscherteam bereits früher nachwies, tragen viele Morbus Crohn-Patienten eine Mutation in einem bestimmten Gen, welches für die Entstehung der "alten" Immunzellen von zentraler Bedeutung ist. Nun zeigten sie bei Mäusen auf, wie beim selben Gendefekt die "moderne" Immunreaktion aus dem Ruder läuft.

Die durch das gestörte Immunsystem entstehenden chronischen Darmkrankheiten schränken die Lebensqualität der Betroffenen stark ein. Die Forscherinnen und Forscher sind daher überzeugt, dass ein besseres Verständnis der Krankheitsentstehung die Entwicklung erfolgreicher Behandlungsmethoden massiv beschleunigen wird.

Weltweit führendes Berner Forschungszentrum im Aufbau

Der menschliche Darm enthält eine gewaltige Zahl von Bakterien - etwa 10mal mehr als menschliche Zellen im ganzen Körper. Der grösste Teil sind relativ harmlose Mikroben, die bei der Verdauung und bei der Produktion lebensnotwendiger Vitamine helfen. Der Darm ist hochgradig angepasst: Sowohl bei der Nährstoffaufnahme als auch bei der Kolonisation mit Bakterien. Besonders Letztere bedarf einer enormen Zahl von Immunzellen im Darmgewebe.

Ärzte und Wissenschaftlerinnen der Universität Bern und des Inselspitals erproben nun neuartige Diagnostik- und Therapiemethoden für Störungen des Immunsystems, welche Darmprobleme verursachen und bisher nur schwer zu diagnostizieren und therapieren waren. Der Schwerpunkt liegt auf Patienten mit klassischen chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, sowie Patienten mit Durchfall oder Bauchschmerzen ohne klare Diagnose. Dabei wird durch Investitionen in eine neuartige wissenschaftliche Infrastruktur und die Rekrutierung eines hochkarätigen Teams internationaler Forscherinnen und Ärzte ein weltweit führendes Berner Forschungszentrum für Darmerkrankungen aufgebaut.

Nathalie Matter | idw
Weitere Informationen:
http://www.medienmitteilungen.unibe.ch
http://www.unibe.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Eine Frage der Dynamik
19.02.2018 | Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP)

nachricht Forscherteam deckt die entscheidende Rolle des Enzyms PP5 bei Herzinsuffizienz auf
19.02.2018 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Aachener Optiktage: Expertenwissen in zwei Konferenzen für die Glas- und Kunststoffoptikfertigung

19.02.2018 | Veranstaltungen

Konferenz "Die Mobilität von morgen gestalten"

19.02.2018 | Veranstaltungen

Von Bitcoins bis zur Genomchirurgie

19.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Die Zukunft wird gedruckt

19.02.2018 | Architektur Bauwesen

Fraunhofer HHI präsentiert neueste VR- und 5G-Technologien auf dem Mobile World Congress

19.02.2018 | Messenachrichten

Stabile Gashydrate lösen Hangrutschung aus

19.02.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics