Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Geheimnis von Stradivaris Geigenlack

04.12.2009
Niemand weiß genau, was Stradivari-Geigen so besonders macht. Nun haben Wissenschaftler des ISAS in Dortmund und des Musée de la musique in Paris dieses Geheimnis zum Teil gelüftet: Mit Mikroskop und Spektrometer entschlüsselten sie die Zusammensetzung der Lackschichten auf fünf Stradivari-Geigen.

Sie haben einen einzigartigen Klang, und sie sind einzigartig schön: Die Geigen aus der Hand des Instrumentenbauers Antonio Stradivari. Besonders die Lackierung der Instrumente fasziniert Musiker, Historiker und Chemiker. Nun hat ein Forscherteam unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Analytische Wissenschaften (ISAS) in Dortmund das Geheimnis des Stradivari-Geigenlacks gelüftet.

"Man versucht schon seit über 100 Jahren, das Besondere an den Stradivari-Geigen zu finden", erklärt Dr. Alex von Bohlen vom ISAS, der an der Studie maßgeblich beteiligt war. Er hat zusammen mit einer Gruppe französischer Wissenschaftler um Jean-Philippe Echard (Musée de la musique, Paris) die Lackschichten auf fünf verschiedenen Stradivari-Geigen aus den Jahren 1692 bis 1724 untersucht. Das Ergebnis der Studie, die im Magazin Angewandte Chemie (online vorab) erschienen ist: Alle Lacke sind sich bemerkenswert ähnlich, obwohl die Geigen in einem Zeitraum von drei Jahrzehnten entstanden. Sie bestehen jeweils aus einer unteren Schicht aus trocknendem (sikkativem) Öl, die das Holz versiegelt, und einer Deckschicht aus Öl, Harz und - bei vier der fünf Geigen - roten Pigmenten, die die besondere Farbe der Stradivari-Geigen ausmachen.

Zu diesem Ergebnis kamen die Wissenschaftler nach Untersuchungen mit sehr verschiedenen Methoden. So legten sie die Proben der Geigenlacke zunächst unter ein Lichtmikroskop. Dabei konnten sie eindeutig die beiden Schichten unterscheiden, von denen die Untere in die Holzzellen des Geigenkörpers eingedrungen war und das Holz versiegelt hatte.

Unter dem Rasterelektronenmikroskop (REM) unterzogen die Forscher ihre Proben danach einer so genannten energiedispersiven Röntgen-Analyse (EDX). Mit dieser Methode konnten sie nachweisen, dass die untere Schicht keine tierischen Eiweiße und auch keine Wachse oder Gummen enthält. "Unter Wissenschaftlern und Geigenbauern kursiert die Annahme, dass man Oberflächen damals mit Gemischen aus Leimen oder Eiweißen versiegelt hat, die verkleben und dann schnell trocknen", erklärt von Bohlen, der unter anderem die REM-EDX-Analysen durchgeführt hat. "Tatsächlich hat man auch an französischen Instrumenten aus der gleichen Zeit solche Materialien gefunden. Doch Stradivari arbeitete offenbar mit langsamer trocknenden Ölen."

Zusätzlich zu den REM-EDX-Analysen untersuchten die Wissenschaftler die Proben mittels SR-FTIR-Spektroskopie und Mikro-Raman-Konfokalspektroskopie. In früheren Untersuchungen hatten sie bei einer der Geigen ("Sarasate", 1724) bereits das Pigment Zinnober in der obersten Lackschicht gefunden. Nun konnten sie zwei weitere Farbstoffe nachweisen, die Stradivari seinen Lacken beigemischt hat: den Farbstoff Cochenille, der damals aus der zentralamerikanischen Cochenille-Laus (Dactylopius coccus) gewonnen wurde, und rotes Eisenoxid. "Die Verwendung von roten Eisenoxiden und Zinnober war zu Stradivaris Zeit bei Malern sehr verbreitet", schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie.

Die fünf untersuchten Stradivari-Geigen gehören seit mindestens einem Jahrhundert zur Sammlung des Pariser Musikinstrumente-Museums. Weil es sich um Museumsobjekte handele, seien sie gut dokumentiert und weit weniger angefasst und gespielt worden als andere Stradivari-Geigen, so die Forscher. Daraus und aus der Tatsache, dass die Lacke der fünf Geigen sich stark ähneln, schließen sie, dass es sich um die Original-Lackierungen handelt. Stradivari habe demnach durchaus geläufige und leicht erhältliche Materialien benutzt, die im 18. Jahrhundert im Kunsthandwerk verbreitet gewesen seien, heißt es in der Studie. "Er hat keine ungewöhnlichen oder gar "geheimen" Zutaten verwendet, sondern war ein Meister seines Handwerks, der die Kunst des Geigenbaus - und besonders der Holzveredelung - auf einen Höhepunkt gebracht hat."

Hintergrundinfos:
Antonio Stradivari (1644 - 1737) gilt wohl als der bekannteste Instrumentenbauer aller Zeiten. Er lebte im italienischen Cremona, wo er etwa ab 1665 bis zu seinem Tod seine berühmten Geigen herstellte. Heute zahlen Sammler für eine Stradivari mehrere Millionen Dollar.

Das Leibniz-Institut für Analytische Wissenschaften (ISAS) betreibt Forschung auf dem Gebiet der Bio- und Materialanalytik. Ziel der Forschung am ISAS ist es, bestehende analytische Methoden zu verbessern und neue Analyseverfahren zu entwickeln. Besondere Kompetenzen hat das ISAS im Bereich spektroskopischer Methoden; es ist aus dem 1952 gegründeten Institut für Spektrochemie und Angewandte Spektroskopie hervorgegangen und wurde im Jahr 1980 in die Blaue Liste, die heutige Leibniz-Gemeinschaft, aufgenommen.

Originalpubikation:
The Nature of the Extraordinary Finish of Stradivarirsquos Instruments (p NA)
Jean-Philippe Echard, Loïc Bertrand, Alex von Bohlen, Anne-Solenn Le Hô, Céline Paris, Ludovic Bellot-Gurlet, Balthazar Soulier, Agnès Lattuati-Derieux, Sylvie Thao, Laurianne Robinet, Bertrand Lavédrine, Stéphane Vaiedelich

DOI: 10.1002/ange.200906553

Kontakt:
Tinka Wolf, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: 0231 1392 234
Mail: presse@isas.de
Dr. Alex von Bohlen
Tel: 0231 1392 232
Mail: vonbohlen@isas.de

Tinka Wolf | idw
Weitere Informationen:
http://www.isas.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Entzündung weckt Schläfer
29.03.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Rostocker Forscher wollen Glyphosat „entzaubern“
29.03.2017 | Universität Rostock

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Organisch-anorganische Heterostrukturen mit programmierbaren elektronischen Eigenschaften

29.03.2017 | Energie und Elektrotechnik

Klein bestimmt über groß?

29.03.2017 | Physik Astronomie

OLED-Produktionsanlage aus einer Hand

29.03.2017 | Messenachrichten