Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Frühe Besiedlung Zentraleuropas durch moderne Menschen

22.09.2014

Moderne Menschen besiedelten Österreich vor etwa 43.000 Jahren während einer kalten steppenähnlichen Klimaperiode

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Philip Nigst von der University of Cambridge und vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Bence Viola am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat Steinwerkzeuge untersucht, die sie während einer Neuausgrabung in der Fundstätte der Venus von Willendorf in Österreich entdeckt hatten.


Ausgrabungsarbeiten in Willendorf II.

© Willendorf Projekt, Philip R. Nigst und Bence Viola


Dieses Bodenprofil in Willendorf II zeigt die Abfolge von braunen Paläoböden (mittelkalte Steppenumweltbedingungen) und gelbem Löss (kalte periglaziale Steppen- oder Frostumweltbedingungen). Löcher in der Sektion sind Probenlöcher.

© Willendorf Projekt, Philip R. Nigst und Bence Viola

Die Forscher konnten diese Werkzeuge der archäologischen Kultur des Aurignacien zuordnen, die generell als Indiz für die Präsenz moderner Menschen gilt. Sie datierten die Werkzeuge auf ein Alter von etwa 43.500 Jahren, also älter als andere bekannte Fundstücke aus dieser Kultur.

Eine Untersuchung des Bodens ergab, dass damals ein kühles Klima vorherrschte und in der steppenähnlichen Landschaft Nadelholzwälder entlang der Flusstäler wuchsen. Das Alter der Fundstücke belegt, dass moderne Menschen Zentraleuropa früher besiedelten und sich die Region über einen längeren Zeitraum hinweg mit den Neandertalern teilten als bisher angenommen. Darüber hinaus zeigen die Forscher, dass frühe moderne menschliche Siedler, die aus den wärmeren Landschaften Südeuropas kamen, gut an verschiedene klimatische Bedingungen angepasst waren.

Moderne Menschen besiedelten Europa und verdrängten die Neandertaler vor wenigstens 40.000 Jahren, möglicherweise schon viel früher. „Leider gibt es kaum Skelettreste des modernen Menschen aus der jüngeren Altsteinzeit, sodass wir archäologische Funde nutzen müssen um herauszufinden, wann die ersten modernen Menschen erschienen.

Es sind beispielsweise Überreste des Homo sapiens gefunden worden, die eindeutig der Kultur des Aurignacien zugeordnet werden können. Daher denken wir, dass es sich bei dieser Kultur um einen guten Indikator für die Präsenz des modernen Menschen handelt“, sagt Bence Viola. „In Willendorf konnten wir das frühe Aurignacien auf ein Alter von 43.500 Jahren datieren, um einiges früher als anderswo. Darüber hinaus überschneidet sich das mit direkt datierten Überresten von Neandertalern“, sagt Philip Nigst.

Über welche Fähigkeiten Neandertaler verfügen, wird noch immer heiß diskutiert. Während einige Forscher der Meinung sind, dass die kulturellen Fertigkeiten der Neandertaler denen der modernen Menschen ähnelten, bevor sie von diesen verdrängt wurden, denken andere, dass die Ähnlichkeiten erst dann auftraten, als Neandertaler mit modernen Menschen in Kontakt kamen.

„Die neuen Daten aus Willendorf zeigen deutlich, dass moderne Menschen schon im heutigen Österreich lebten, als Teile Europas noch von Neandertalern besiedelt waren. Die beiden Arten trafen also möglicherweise aufeinander, und es kam zu einem Partner- und Ideenaustausch“, sagt Philip Nigst. „Die Veränderungen der materiellen Kultur der letzten Neandertalergruppen stehen also sehr wahrscheinlich  mit dem direkten oder indirekten Kontakt der Neandertaler mit modernen Menschen im Zusammenhang”, sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung für Humanevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Die Steinwerkzeuge wurden in einer Abfolge von Sedimenten gefunden, die im Laufe verschiedener Warm- und Kaltperioden während der letzten Eiszeit abgelagert worden waren. Der Bodentyp und die Vergesellschaftung von bestimmten Schneckenarten (Mollusken) zeigen, dass die klimatischen Bedingungen während dieser frühen Siedlungsperiode des modernen Menschen einem kühlen steppenähnlichen Klima mit Nadelholzwäldern entlang von Flusstälern entsprachen.

„Mollusken sind für die Rekonstruktion prähistorischer Landschaften hervorragend geeignet, weil sie sehr empfindlich auf Änderungen der Temperatur und Feuchtigkeit reagieren. Schon bei kleinsten Klimaveränderungen kommen also andere Arten von Schnecken vor“, sagt Bence Viola. „Besonders interessant ist, dass das Aurignacien in Willendorf in einer relativ kalten Klimaperiode auftritt. Diese frühesten Siedler waren also bereits an verschiedene klimatische Bedingungen angepasst, für die sie verschiedene Überlebensstrategien benötigen“, sagt Philip Nigst.

Ansprechpartner 

Dr. Philip R. Nigst

Department of Archaeology and Anthropology

University of Cambridge

Telefon: +44 7414 292289

 

Bence Viola

Abt. für Humanevolution

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig

Telefon: +1 416 7064610

 

Prof. Dr. Jean-Jacques Hublin

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig

Telefon: +49 341 3550-351
Fax: +49 341 3550-399

 

Sandra Jacob

Pressebeauftragte

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig

Telefon: +49 3 419952-122

 

Originalpublikation

 
Philip R. Nigst, Paul Haesaerts, Freddy Damblon, Christa Frank-Fellner, Carolina Mallol, Bence Viola, Michael Götzinger, Laura Niven, Gerhard Trnka, and Jean-Jacques Hublin
Early modern human settlement of Europe north of the Alps occurred 43,500 years ago in a cold steppe-type environment
Proceedings of the National Academy of Sciences, 22 September 2014

Sandra Jacob | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/8420733/steinwerkzeuge_willendorf_aurignacien

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Antibiotikaresistente Erreger in Haushaltsgeräten
16.02.2018 | Hochschule Rhein-Waal

nachricht Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt
16.02.2018 | Stiftung Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Im Focus: Das VLT der ESO arbeitet erstmals wie ein 16-Meter-Teleskop

Erstes Licht für das ESPRESSO-Instrument mit allen vier Hauptteleskopen

Das ESPRESSO-Instrument am Very Large Telescope der ESO in Chile hat zum ersten Mal das kombinierte Licht aller vier 8,2-Meter-Hauptteleskope nutzbar gemacht....

Im Focus: Neuer Quantenspeicher behält Information über Stunden

Information in einem Quantensystem abzuspeichern ist schwer, sie geht meist rasch verloren. An der TU Wien erzielte man nun ultralange Speicherzeiten mit winzigen Diamanten.

Mit Quantenteilchen kann man Information speichern und manipulieren – das ist die Basis für viele vielversprechende Technologien, vom hochsensiblen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Auf der grünen Welle in die Zukunft des Mobilfunks

16.02.2018 | Veranstaltungen

Smart City: Interdisziplinäre Konferenz zu Solarenergie und Architektur

15.02.2018 | Veranstaltungen

Forschung für fruchtbare Böden / BonaRes-Konferenz 2018 versammelt internationale Bodenforscher

15.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

17.02.2018 | Energie und Elektrotechnik

Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Strategien zur Behandlung chronischer Nierenleiden kommen aus der Tierwelt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics