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Fossiler Flugkünstler - Ältester Nachweis eines Albatros im Nordseeraum

30.07.2012
Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes wiesen erstmals einen fossilen Albatros im frühen Tertiär des Nordseeraumes nach. Die Knochen des Vogels sind etwa 30 Millionen Jahre alt und zeigen, dass die Seevögel schon zu dieser Zeit die beträchtliche Größe ihrer heutigen Verwandten erreichten. Die Studie wurde im Fachjournal „The Auk“ veröffentlicht.
Mühelos können sie stundenlang über das Meer fliegen, ohne dabei mit den Flügeln zu schlagen – die Evolution hat Albatrosse zu perfekten Segelfliegern gemacht. Heute leben die Riesenvögel mit Spannweiten von bis zu über drei Metern vorwiegend über den Meeren der Südhalbkugel.

Dass dies nicht immer so war, haben nun Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Frankfurt und des Naturkundemuseums in Brüssel herausgefunden. Sie untersuchten Vogelknochen aus dem sogenannten Rupelton in Belgien und kamen zu dem Schluss, dass es sich hierbei um die Überreste eines fossilen Albatros handelt. „Die Knochen wurden schon vor über 100 Jahren gefunden, aber bisher nicht untersucht“, sagt Dr. Gerald Mayr, Sektionsleiter Ornithologie am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt.

Ein echter Flugkünstler: der heutige Königsalbatros Diomedea epomophora© Senckenberg

Der Frankfurter Vogelexperte hat mit seinen Kollegen Thierry Smith vom Naturkundemuseum in Brüssel die besonderen Fundstücke genau unter die Lupe genommen und beschreibt sie als Tydea septentrionalis, eine neue Art aus der Familie der Albatrosse. Die Knochen stammen aus der Zeit des frühen Oligozäns – der Zeit vor etwa 30 Millionen Jahren – und wurden im Nordseebecken abgelagert.

Sie sind damit der älteste Nachweis von fossilen Albatrossen aus dem nordeuropäischen Raum. Die wenigen versteinerten Überbleibsel der großen Flugkünstler aus anderen Ablagerungen der Nordsee sind erdgeschichtlich alle wesentlich jünger.

„Wir wissen nun, dass Albatrosse eine lange evolutionäre Entwicklungsgeschichte in Europa hatten, aber warum die Tiere in diesem Teil der Welt ausgestorben sind, ist uns weiterhin ein Rätsel“, so Mayr.

Eine Verwechslung der beschriebenen Knochen mit denen anderer Vogelarten schließen die Wissenschaftler aus. „Die einzigen Vögel, mit denen – aufgrund ihrer Größe – eine Verwechslung möglich gewesen wäre, sind die ausgestorbenen Pseudozahnvögel. Verschiedene Merkmale, wie etwa die wesentlich dickere Knochenwand, zeigen aber, dass es sich hierbei eindeutig um einen Vertreter der Albatros-Familie handelt“, erklärt Mayr.
Der neu beschriebene Vogel entsprach in seiner Größe in etwa dem heutigen Schwarzbrauenalbatros mit einer Spannweite von bis zu über 2 Metern und einer Körperlänge von etwa 80 Zentimetern. Mayr erläutert: „Die große Ähnlichkeit zwischen den untersuchten Flügelknochen mit denen heutiger Albatrosse lassen vermuten, dass die Vertreter vor 30 Millionen Jahren ähnlich lange Strecken im offenen Meer zurücklegen konnten, wie wir es von den Albatrossen der Gegenwart kennen.“

Heutige Albatrosse ernähren sich überwiegend von Tintenfischen und Fischen. Sie favorisieren Gebiete, in denen nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe der Meere an die Oberfläche steigt und kräftige Winde vorherrschen. Es ist gut denkbar, dass auch die fossilen Seevögel solche Bedingungen bevorzugten.
„Die europäische Vogelwelt vor 30 Millionen Jahren unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der heutigen. Zu den bereits bekannten „exotischen“ Gruppen der Landvögel des frühen Tertiär, die es heute nicht mehr in Europa gibt – wie Kolibris, Mausvögel und Todis –, kommt nun ein mariner Vertreter hinzu“, resümiert Mayr.

Kontakt
Dr. Gerald Mayr
Sektion Ornithologie
Tel. 069 – 7542 1348
Gerald.Mayr@senckenberg.de

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
pressestelle@senckenberg.de

Publikation
Gerald Mayr & Thierry Smith (2012): A fossil albatross from the Eraly Oligocene of the North Sea basin. The Auk. Vol. 129 (1): 87-95. DOI: 10.1525/auk.2011.11192

Die Erforschung von Lebensformen in ihrer Vielfalt und ihren Ökosystemen, Klimaforschung und Geologie, die Suche nach vergangenem Leben und letztlich das Verständnis des gesamten Systems Erde-Leben – dafür arbeitet die SENCKENBERG Gesellschaft für Naturforschung. Ausstellungen und Museen sind die Schaufenster der Naturforschung, durch die Senckenberg aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse mit den Menschen teilt und Einblick in vergangene Zeitalter sowie die Vielfalt der Natur vermittelt.

Judith Jördens | Senckenberg
Weitere Informationen:
http://www.senckenberg.de

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