Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forschung zur EHEC-Prävention: Universität Hohenheim entwickelt neue Waschverfahren

30.05.2011
Lebensmittel-Wissenschaftler erforschen neues Schneid- und Waschverfahren, um Gemüse effektiv und produktschonend von EHEC-Erregern zu befreien

EHEC-Ausbrüche könnten sich ausweiten und immer wieder auftreten – so die Befürchtung der Lebensmittelwissenschaftler der Universität Hohenheim.

Eine vielversprechende Präventionsmaßnahme sei es, die industriellen Wasch- und Schneideverfahren von Gemüse und verzehrfähigen Salatprodukten zu verbessern.

Unter anderem im Test: hygienisches Schneiden mit Wasserstrahlen unter Hochdruck in Kombination mit Warmwasserwäsche, um Bakterienkolonien zehnmal besser als bei herkömmlichem Gemüsewaschen zu entfernen. Entwarnung geben Umwelthygieniker der Universität Hohenheim mit Blick auf Ängste, dass belastete Bioabfälle als Dünger neue Krankheitsausbrüche verursachen könnten.

„Die Mediziner haben Ihre Arbeit beim aktuellen Ausbruch sehr gut gemacht. Nun sind wir Lebensmittelwissenschaftler am Zug, um Nahrungsmittel sicherer zu machen“, erklärt Prof. Dr. Herbert Schmidt, der das Thema EHEC seit 20 Jahren wissenschaftlich bearbeitet.

Zu den Vorarbeiten des Mikrobiologen gehören Forschung über Nachweis und Gefährlichkeit der EHEC-Erreger. So untersucht er zusammen mit Humanmedizinern und Veterinärmedizinern in dem aktuellen BMBF-Projekt „FBI-ZOO“ Vorkommen, Übertragung und pathogenes Potential von EHEC in Lebensmitteln.

Denn „EHEC-Ausbrüche hat es seit dem Hamburger-Ausbruch in den USA der 80er Jahre immer wieder gegeben. Neu ist die unheimliche Aggressivität, mit der die Krankheit jetzt auftritt“.

Forschungsprojekt für Lösungen von Anbau bis Verpackung

Aktuell engagieren sich Forscher der Universität Hohenheim in einem gemeinsamen Projekt, wie sich die Übertragungsmöglichkeiten von EHEC und Krankheitserregern bei Gemüse einschränken lassen.

Das Projekt reicht von mikrobiologischen Grundlagen durch Prof. Dr. Schmidt bis zu konkreten technischen Verfahren, entwickelt am Lehrstuhl für Lebensmittel pflanzlicher Herkunft von Prof. Dr. Reinhold Carle.

Gemüsedusche: Aggressiv zum Erreger und schonend für das Lebensmittel

Problematisch seien vor allem die Blattflächen, auf denen Bakterien wie auch der EHEC-Erreger Kolonien bilden. „Das ist ein regelrechter Biofilm“, erklärt Prof. Dr. Carle: „Die Krankheitserreger scheiden Polysacharide aus und spinnen sich regelrecht wie in einen Kokon ein.“

Die Lebensmittel-Industrie in Frankreich setze deshalb auf stark gechlortes Wasser, das 99 Prozent der Bakterien abtötet. Ein Verfahren, das deutsche Verbraucher insbesondere für Bioware kaum akzeptieren würden, meint Prof. Dr. Carle. Denn “bei der Behandlung von Lebensmittel sind Gesetzgeber und Verbraucher in Deutschland besonders anspruchsvoll.“

Sein Ansatz: Warmwasserwaschen bei ca. 50 Grad Celsius: „Das tötet Bakterien zwar nicht ab, löst aber den Biofilm auf, so dass sie abgewaschen werden.“ In ersten Tests erreichten Mitarbeiter des Professors eine Keimreduktion von 99 Prozent.

„Damit sind wir mit reinem Wasser genauso gut, wie die Chlorbehandlung der Franzosen. Unsere Untersuchungen zeigen auch, dass das Gemüse völlig frisch bleibt, wenn wir nach der Warmwasserbehandlung sofort wieder kühlen.“

Gemüseschnitt: Hygiene durch den Hochdruck-Wasserstrahl

Ein Problem, das vor allem bei verzehrfertigen Rohkost-Produkten auftritt, ist das Gemüsemesser, das Salatgurken und –köpfe zerteilt. „Trifft das Messer auf eine Bakterienkolonie, ist es kontaminiert und infiziert mit jedem weiteren Schnitt die sensiblen Schnittflächen des Gemüses“, erklärt Prof. Dr. Carle. Gleichzeitig seien die angeschnittenen Zellen mit dem Zellsaft ein besonders guter Nährboden für Bakterien.

Mit dem Hochdruckwasserstrahl werden beide Probleme gleichzeitig gelöst. „Jeder Schnitt ist hygienisch einwandfrei, gleichzeitig wird der von Bakterien geliebte Zellsaft sofort weggewaschen“.

In Italien werden Hochdruckwasserstrahlen z.B. eingesetzt, um den berühmten Carrara-Marmor in Blöcke zu schneiden. „Kein Grund, warum wir etwas so effektives nicht auch für Gemüse einsetzen“, meint Prof. Dr. Carle.

Prävention auf dem Acker

Tatsächlich könnte die Prävention von EHEC und anderen Krankheiten schon auf dem Acker beginnen, meint Prof. Dr. Carle. „Eine Ursache, warum sich Bakterien auf Pflanzen ansiedeln, liegt in der Bewässerung: Wird Gemüse beregnet, springen die Tropfen vom Boden ab, nehmen Bakterien mit und benetzen damit auch die Blattunterseite.“

Ein Risiko, das sich durch zwei Anbaumaßnahmen verhindern ließe: „Entweder Tropfbewässerung, bei dem das Wasser durch kleine Schläuche direkt in den Wurzelbereich der Pflanze getropft wird oder Folienanbau, bei dem der Boden durch Planen abgedeckt und für jede Pflanze beim Anbau nur ein kleines Loch hineingesteckt wird.“

Ängste vor Bioabfällen als Dünger sind unbegründet

Entwarnung gibt derweil Umwelt- und Tierhygieniker Dr. med. vet. Werner Phillipp vor Ängsten, dass EHEC-Keime durch Kompost oder Gärreste aus Biogas-Anlagen erneut in die Nahrungskette gelangen könnten.

„Der aktuelle Erreger besitzt eine Reihe von Resistenzen gegen Antibiotika. Bei der Umwelt-Resistenz können wir jedoch davon ausgehen, dass er ähnlich widerstandsfähig wie andere Colibakterien auch ist“, meint Dr. Phillipp.

Dünger aus Kompost- und aus Biogasanlagen sei damit unbedenklich, wenn die Bedingungen der Bioabfallverordnung eingehalten werden. „Diese schreibt vor, dass Kompost mindestens zwei Wochen Temperaturen von über 50 Grad Celsius ausgesetzt sein muss. In Biogasanlagen müssen über eine Stunde lang Temperaturen von über 70 Grad Celsius herrschen. Damit ist der Erreger mit Sicherheit inaktiviert.“

Auch Eigenkompostierer müssten keine Angst haben, den Hobby-Garten mit Gemüseabfällen zu infizieren: „Wir können davon ausgehen, dass auch der EHEC-Erreger kaum mehr als 3 bis 5 Monate in der freien Umwelt überlebt. Die Kompostierung dauert 2 bis drei Jahre, so dass hier keine Gefahr besteht.“

Ein prinzipielles Risiko könne durch Gülle gegeben sein – allerdings kaum bei Salatgemüse: „Allein aus ästhetisch/hygienischen Gründen wird kein Landwirt Gülle bei Salatgemüse anwenden. Wenn, dann höchstens im Vorherbstn, so dass Einsatz und Ernte zeitlich weit genug auseinander liegen.“

Generell abzulehnen sei es jedoch, Gemüse mit unbehandeltem Abwasser zu beregnen: „So etwas ist hochbelastet – nicht nur mit Coli-Bakterien, sondern mit einer Vielzahl von Erregern.“ In Deutschland werde die Abwasserberegnung deshalb schon seit vielen Jahren nicht mehr angewendet.

Kontakt für Medien:
Prof. Dr. Herbert Schmidt, Universität Hohenheim, Fachgebiet. Lebensmittelmikrobiologie, Tel.: 0711 459-22305,

E-Mail: herbert.schmidt@uni-hohenheim.de

Prof. Dr. rer. nat. Dr. h.c. Reinhold Carle, Universität Hohenheim, Fachgebiet Lebensmittel pflanzlicher Herkunft, Tel.: 0711 459-22314,

E-Mail carle@uni-hohenheim.de

Dr. med. vet. Werner Philipp, Universität Hohenheim, Fachgebiet Umwelt- und Tierhygiene. Tel.: 0711 459-22448

E-Mail: werner.philipp@uni-hohenheim.de

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers
28.04.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Forschungsteam entdeckt Mechanismus zur Aktivierung der Reproduktion bei Pflanzen
28.04.2017 | Universität Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie