Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forscher vergleichen Biodiversitätstrends mit dem Aktienmarkt

06.12.2016

Essenzielle Biodiversitätsvariablen (EBVs) können dabei helfen, den Artenschwund zu stoppen. Was sie sind, erklärt jetzt ein internationales Forscherteam anhand einer Analogie: Wie sich der Kurs einer Aktie aus Angebot und Nachfrage ergibt und wie aus den Kursen aller einzelner Aktien der Index einer Börse berechnet wird, so entstehen aus den Daten der Naturbeobachtungen die Biodiversitätsvariablen. Aus ihnen können Indizes berechnet werden, die für politische Entscheidungen ausschlaggebend sind. Die Wissenschaftler wollen damit verdeutlichen, wie wichtig die EBVs für den Erhalt der Biodiversität sind und wo globale Wissenslücken den Erhalt der Artenvielfalt erschweren.

Fünfmal wurde die Erde bisher von einem gewaltigen Artensterben ereilt. Nun, so vermuten Forscher, befinden wir uns inmitten eines sechsten Artensterbens, denn weltweit gehen tausende Spezies pro Jahr verloren. Um gegen diesen massiven Artenschwund anzugehen, unterzeichneten 193 Länder – darunter auch Deutschland – die UN-Biodiversitätskonvention und verpflichteten sich damit, den Verlust der Biodiversität bis zum Jahr 2020 zu stoppen.


Forscher erklären Biodiversitätsvariablen (EBVs) mit dem Aktienmarkt.

UFZ

Die Datenlage zum Wandel der Biodiversität ist im Vergleich zum Klimawandel allerdings ziemlich dünn. Und ohne Daten lässt sich dieses Vorhaben weder umsetzen noch überprüfen. Daher hat GEO BON (Group of Earth Observation Biodiversity Observation Network) – eine internationale Initiative, die sich um Monitoring und Zusammenführung von Daten zur globalen Biodiversität kümmert – im Jahr 2013 das Konzept der sogenannten Essentiellen Biodiversitätsvariablen (EBVs) entwickelt. Das internationale GEO BON-Büro befindet sich am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig.

„Am Anfang gab es einen richtigen Hype um die Biodiversitätsvariablen“, erklärt UFZ-Forscher Dr. Dirk Schmeller. „Da wurde überall viel darüber gesprochen, aber was die wirklich sind und können, ist vielen nicht so richtig klar.“ Weil das aber vor allem für Umweltpolitiker wichtig ist, hat jetzt ein internationales Forscherteam um den Leipziger Ökologen und Naturschutzforscher eine Studie veröffentlicht, in der sich die Wissenschaftler einer Analogie bedienen und die Biodiversitätsvariablen mit Aktienkursen vergleichen (Brummitt et al.).

Ähnlich wie der Index einer Börse aus den Kursen aller einzelnen Aktien berechnet wird, fließen in einen Biodiversitätsindex einzelne Biodiversitätsvariablen ein. Das erklären die Forscher am Beispiel des Living Planet Index (LPI), der ein Indikator für die globale Population von Wirbeltierarten ist: Wissenschaftler beobachten weltweit Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere auf dem Land, im Meer und im Süßwasser.

Die Arten entsprechen den verschiedenen Aktien, die an einer Börse notiert sind und zu unterschiedlichen Unternehmen gehören. Genau wie der Preis einer Aktie sich je nach Angebot und Nachfrage der Aktionäre ändert, so wachsen oder schrumpfen die einzelnen Populationen im Laufe der Zeit. Der Kennwert „Abundanz“, also die Anzahl der Individuen einer Art in einem bestimmten Lebensraum über die Zeit betrachtet, ist dann die entsprechende Biodiversitätsvariable – genau wie der Aktienkurs den Wert einer Aktie beschreibt. Aus den einzelnen EBVs können Forscher dann zum Beispiel den Living Planet Index oder auch andere Indizes berechnen.

„Die EBVs sind also die Bindeglieder zwischen den Rohdaten und den Indizes“, erklärt Dirk Schmeller. „Sie ermöglichen, kritische Veränderungen in der Biodiversität zu dokumentieren und sind die Datengrundlage, auf der politisch relevante Indizes berechnet werden können, um dann entsprechende Entscheidungen fällen zu können.“ Daher sind sie für die Naturschutzpolitik extrem wichtig, wie auch eine zweite Studie zeigt (Proenca et al.). In dieser beschreiben die Forscher, wie die EBVs nicht nur helfen, Daten zu organisieren, sondern auch darauf hinweisen, wo die Wissenslücken klaffen. „Wir können so den Entscheidungsträgern sagen, wir müssen da und dort mehr Monitoring betreiben oder mehr Kapazitäten aufbauen“, sagt Schmeller.

Wie das Konzept der Biodiversitätsvariablen zumindest auf regionaler Ebene in die Praxis umgesetzt werden kann, demonstrieren die Wissenschaftler in einer dritten Studie (Turak et al.). Hier fragten sie sich, welche Informationen Umweltpolitiker brauchen und welche EBVs die entsprechenden Daten liefern. Für den Bundesstaat New South Wales in Australien machten die Forscher auf diese Weise elf EBVs aus, die Veränderungen der heimischen Fauna und Flora detektieren können.

„Ein Knackpunkt bei der Sache ist, dass es noch immer keine globalen Datenstandards gibt“, fährt der Ökologe fort. „So vergleichen wir hier Mäuse mit Elefanten.“ Um die Wissenslücken um die globale Biodiversität zu schließen, müssen die Daten und die Art der Erhebung in Zukunft vereinheitlicht werden, um sie miteinander vergleichen zu können. Außerdem sollen solche Daten weltweit zugänglich gemacht werden, die von lokalen und nationalen Behörden erhoben, aber nicht veröffentlicht werden. Und schließlich muss mehr Monitoring betrieben werden – vor allem in Erdteilen, über deren Biodiversität bisher wenig bekannt ist.

„Da werden noch ein paar Jahre ins Land gehen, bis das alles so funktioniert, wie wir uns das vorstellen“, sagt Schmeller. Optimistisch ist er dennoch. „Denn je mehr Informationen wir über die Biodiversität liefern können, desto stärker werden sie politische Entscheidungen beeinflussen – auch wenn die Biodiversität heute oft noch zweitrangig ist, wenn es um ökonomische Angelegenheiten geht.“

Publikationen:
Neil Brummitt et al. (2016): Taking stock of nature: Essential biodiversity variables explained. Biological Conservation, http://dx.doi.org/10.1016/j.biocon.2016.09.006

Eren Turak et al. (2016): Using the essential biodiversity variables framework to measure biodiversity change at national scale. Biological Conservation, http://dx.doi.org/10.1016/j.biocon.2016.08.019

Vania Proenca et al. (2016): Global biodiversity monitoring: From data sources to essential biodiversity variables. Biological Conservation, http://dx.doi.org/10.1016/j.biocon.2016.07.014

Weitere Informationen:
Dr. Dirk S. Schmeller
UFZ-Department Naturschutzforschung
Telefon: + 49 341 235 1654
dirk.schmeller@ufz.de

Weiterführende Links:
GEO BON, the Group on Earth Observations Biodiversity Observation Network
http://www.geobon.org/

iDiv / International GEO BON Office: https://www.idiv.de/research/international_office_geo_bon.html

Weitere Informationen:

http://www.ufz.de/index.php?de=36336&webc_pm=50/2016

Susanne Hufe | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen
20.09.2017 | Veterinärmedizinische Universität Wien

nachricht Molekulare Kraftmesser
20.09.2017 | Max-Planck-Institut für Biochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Drohnen sehen auch im Dunkeln

20.09.2017 | Informationstechnologie

Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik