Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forscher entdecken zwei neue Virengruppen

02.06.2015

Forscher des Universitätsklinikums Bonn und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) haben im Tropenwald der Elfenbeinküste zwei neue Virusgruppen innerhalb der Familie Bunyaviridae entdeckt. Bisher waren nur fünf Gruppen bekannt, die für schwere Erkrankungen bei Menschen und Tieren verantwortlich sind und meist durch blutsaugende Insekten verbreitet werden. Die Virologen konnten an den neuen Virusgruppen nachweisen, dass sich menschliche Krankheitserreger, die durch blutsaugende Insekten übertragen werden, aus Insektenviren entwickelt haben. Die Ergebnisse erscheinen nun in den “Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS).

Die Familie der Bunyaviridae umfasst fünf verschiedene Virengruppen, die bei Menschen und Tieren ernsthafte Erkrankungen auslösen und auch bei Gemüsekulturen – wie etwa Tomaten – schwere Schäden verursachen können.


Elektronenmikroskopische Aufnahme des Ferak-Virus: Ferak ist eine Fantasiegestalt. Das Genom des Virus weist Ähnlichkeiten zu Bunyaviren aus Pflanzen und Tieren auf.

© Aufnahme: Dr. Andreas Kurth/Robert-Koch-Institut Berlin


Elektronenmikroskopische Aufnahme des Jonchet-Virus. „Jonchet“ bedeutet auf Französisch Stäbchen.

© Aufnahme: Marco Marklewitz/UKB

Die ersten Viren dieser Familie wurden im Ort Bunyamwera in Uganda entdeckt, von dem sich der Name ableitet. „Zu den bekanntesten Viren der Bunyaviridae zählt das Rifttalfieber-Virus, das beim Menschen Fiebererkrankungen mit schweren Blutungen verursachen kann“, sagt Dr. Sandra Junglen vom Institut für Virologie des Universitätsklinikums Bonn und vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung.

Im Jahr 2011 machte das „Schmallenberg-Virus“ von sich reden: Ebenfalls zur Bunya-Familie zählend und von winzigen Insekten übertragen, verursachte es im Sauerland bei trächtigen Wiederkäuern schwere Missbildungen der Föten.

Nicht in Schmallenberg, sondern in den afrikanischen Tropenwäldern der Elfenbeinküste, wo die Virologin bereits seit mehr als zehn Jahren forscht, machte sie sich auf die Suche nach neuen Viren aus dieser weitverzweigten Familie.

Weil die meisten der Bunyaviridae durch blutsaugende Insekten übertragen werden, fing Dr. Junglen dort mehr als 7.500 Moskitos. Sortiert nach Spezies und Fangort fasste die Wissenschaftlerin die gefangenen Mücken zu 432 Mischproben zusammen. In 26 dieser Proben entdeckten die Forscher Partikel unbekannter Viren.

Menschliche Krankheitserreger haben sich aus Insektenviren entwickelt

„Es handelte sich dabei um zwei bislang völlig unbekannte Virengruppen, die wir Jonchet-Virus und Ferak-Virus nannten“, berichtet die Virologin. Die Wissenschaftler gewannen aus den Insektenproben Bruchstücke der Viren-Erbinformation, die sie wie bei einem Puzzle in einem aufwendigen Verfahren zusammenfügten und auf diese Weise die komplette Genom-Sequenz rekonstruierten.

„Das hat allein vier Jahre in Anspruch genommen“, berichten die Erstautoren Marco Marklewitz und Florian Zirkel. Beim Vergleich der Erbinformation mit anderen Viren zeigte sich, dass Jonchet und Ferak stammesgeschichtlich zwei eigenständige Linien der Bunyaviridae sind.

Wie gefährlich sind die beiden neuen Virengruppen – sind sie leicht auf Menschen und Tiere übertragbar? Um diese Fragen zu beantworten, gingen die Wissenschaftler einen neuen Weg: Sie führten an Zellkulturen Infektionsversuche bei verschiedenen Temperaturstufen durch. Während andere Bunya-Viren sich über einen weiten Wärmebereich vermehren können, stellen Jonchet und Ferak ab 32 Grad Celsius das Wachstum ein. Beide Virenlinien können damit weder Menschen noch andere Wirbeltiere infizieren.

„Darüber hinaus konnten wir durch die Rekonstruktion der Abstammungsgeschichte der ganzen Virusfamilie erstmals zeigen, dass sich durch blutsaugende Moskitos übertragene Viren aus insektenspezifischen Viren entwickelt haben“, sagt die Forscherin des Bonner Universitätsklinikums. „Dies ist äußerst interessant, weil bisher nicht klar war, woher Viren stammen, die durch blutsaugende Insekten übertragen werden.“

Einfacher Test erlaubt Einordnung des Gefahrenpotenzials

Die Resultate seien wichtig für die Grundlagenforschung, stellen die Wissenschaftler fest. Durch die Entschlüsselung des Genoms der Jonchet- und Ferak-Viren sei es künftig möglich, das Verhalten und Gefahrenpotenzial unbekannter Viren mit ähnlicher RNA-Sequenz zu finden und besser einzuordnen. „Außerdem lassen sich die Temperaturversuche zur Abschätzung des Übertragungsrisikos auch auf andere Viren übertragen“, sagt Dr. Junglen. „Mit unserem Ansatz haben wir hierzu einen einfach durchzuführenden Test entwickelt.“

Publikation: “Evolutionary and phenotypic analysis of live virus isolates suggests arthropod origin of a pathogenic RNA virus family”, Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), DOI: 10.1073/pnas.1502036112

Kontakt für die Medien:

Dr. Sandra Junglen
Institut für Virologie
Universitätsklinikum Bonn
Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF)
Tel. 0228/28713068
E-Mail: Junglen@virology-bonn.de

Weitere Informationen:

http://www.virology-bonn.de Institut für Virologie des Universitätsklinikums Bonn

Johannes Seiler | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen
16.01.2018 | Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

nachricht Leuchtende Echsen - Knochenbasierte Fluoreszenz bei Chamäleons
15.01.2018 | Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Im Focus: Scientists decipher key principle behind reaction of metalloenzymes

So-called pre-distorted states accelerate photochemical reactions too

What enables electrons to be transferred swiftly, for example during photosynthesis? An interdisciplinary team of researchers has worked out the details of how...

Im Focus: Erstmalige präzise Messung der effektiven Ladung eines einzelnen Moleküls

Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, die effektive elektrische Ladung eines einzelnen Moleküls in Lösung präzise zu messen. Dieser fundamentale Fortschritt einer vom SNF unterstützten Professorin könnte den Weg für die Entwicklung neuartiger medizinischer Diagnosegeräte ebnen.

Die elektrische Ladung ist eine der Kerneigenschaften, mit denen Moleküle miteinander in Wechselwirkung treten. Das Leben selber wäre ohne diese Eigenschaft...

Im Focus: The first precise measurement of a single molecule's effective charge

For the first time, scientists have precisely measured the effective electrical charge of a single molecule in solution. This fundamental insight of an SNSF Professor could also pave the way for future medical diagnostics.

Electrical charge is one of the key properties that allows molecules to interact. Life itself depends on this phenomenon: many biological processes involve...

Im Focus: Wie Metallstrukturen effektiv helfen, Knochen zu heilen

Forscher schaffen neue Generation von Knochenimplantaten

Wissenschaftler am Julius Wolff Institut, dem Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien und dem Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Hannoverscher Datenschutztag: Neuer Datenschutz im Mai – Viele Unternehmen nicht vorbereitet!

16.01.2018 | Veranstaltungen

Fachtagung analytica conference 2018

15.01.2018 | Veranstaltungen

Tagung „Elektronikkühlung - Wärmemanagement“ vom 06. - 07.03.2018 in Essen

11.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal mit neuem Onlineauftritt - Lösungskompetenz für alle IT-Szenarien

16.01.2018 | Unternehmensmeldung

Die „dunkle“ Seite der Spin-Physik

16.01.2018 | Physik Astronomie

Wetteranomalien verstärken Meereisschwund

16.01.2018 | Geowissenschaften