Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie Forscher Adria-Störe durch den «Flaschenhals» schleusen

07.04.2011
Viele Tierarten stehen am Rande des Aussterbens und sind auf eine Wiederansiedlung durch den Menschen angewiesen. Damit aus wenigen Individuen ein stabiler Bestand gezüchtet werden kann, müssen einige Bedingungen erfüllt sein. Ein internationales Forscherteam mit Berner Beteiligung hat dafür eine passende Computer-Software erarbeitet.

Das Artensterben schreitet voran: Einige Tierarten wurden innerhalb weniger Jahre so stark dezimiert, dass nur noch ein paar Individuen überlebt haben. Vom Adria-Stör (Acipenser naccarii) existieren gerade noch 25 Tiere. Doch auch aus wenigen Exemplaren kann über gezielte Züchtungen wieder eine Population aufgebaut werden.

Ein italienisch-bernisches Forscherteam hat nun herausgefunden, warum Naturschützer mit derartigen Versuchen bislang nicht den gewünschten Erfolg erzielten. «Die Fische geben aufgrund von Inzucht nur einen Teil der genetischen Vielfalt an die nächste Generation weiter», erklärt die an dem Projekt beteiligte Berner Bioinformatikerin Isabelle Dupanloup.

Dieser «Flaschenhals-Effekt» verkleinert die Diversität mit jeder Generation. Ausserdem verringert die Paarung zwischen Verwandten Wachstum, Fortpflanzung und Lebensfähigkeit der neuen Generation. Die Software von Dupanloups Team erlaubt die gezielte Auswahl einzelner Tiere zur Fortpflanzung. Der Ansatz wurde für den Adria-Stör entwickelt, ist grundsätzlich aber auch auf andere bedrohte Arten anwendbar, schreiben die Forschenden in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «PLoS ONE».

Fortpflanzung im Zuchtprogramm
In Italien waren Störe bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Bestandteil der Fischfauna. Durch Kaviargewinnung, Wilderei, Eindämmung von Flüssen und Lebensraumzerstörung sind sie stark in Bedrängnis geraten. Die lange Generationszeit von bis zu zehn Jahren macht die Fische besonders anfällig für Störungen. Von drei Arten ist der Adria-Stör heute die einzige, welche noch in ihrem natürlichen Lebensraum zu finden ist. 1977 wurden im Rahmen eines Zuchtprogramms Wildfänge aus dem Fluss Po in eine Fischzuchtanlage in Brescia eingesetzt. Bemühungen, die Tiere zu verpaaren und die Jungen auszusetzen, wurden bis jetzt aber ohne eine gut ausgearbeitete Fortpflanzungsstrategie durchgeführt und waren dementsprechend erfolglos.

Dupanloup und ihre Kollegen haben nun bioinformatische Computerprogramme entwickelt, welche es erlauben, die Reproduktionsstrategie und die genetische Variabilität der Adria-Stör-Populationen einzuschätzen. Nach der genetischen Identifizierung der Individuen durch Züchter oder Naturschützer konstruiert die Software eine Matrix, aus der die Verwandtschaft der Fische ersichtlich wird. So kann sichergestellt werden, dass möglichst nicht-verwandte Individuen miteinander verpaart werden und die Züchtungen erfolgreich sind. Die noch vorhandene genetische Vielfalt der Störe müsse unbedingt erhalten bleiben, sagt Isabelle Dupanloup: «Sie ist das Ergebnis von Tausenden von Jahren der Anpassung.»

Quellenangabe:
Leonardo Congiu, Jose Martin Pujolar, Anna Forlani, Silvia Cenadelli, Isabelle Dupanloup, Federica Barbisan, Andrea Galli, Francesco Fontana: Managing Polyploidy in Ex situ Conservation Genetics: The Case of the Critically Endangered Adriatic Sturgeon (Acipenser naccarii). PLoS ONE vom 29. März 2011, doi: 0.1371/journal.pone.0018249
Weitere Auskunft:
Dr. Isabelle Dupanloup Duperret, Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern, Baltzerstrasse 6, 3012 Bern, Tel. +41 (0)31 631 45 49, isabelle.duperret@iee.unibe.ch

Daniela Baumann | idw
Weitere Informationen:
http://www.unibe.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neue Einblicke in die Welt der Trypanosomen
16.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Geographie verrät das Alter von Viren
16.08.2017 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Im Focus: Wissenschaftler beleuchten den „anderen Hochtemperatur-Supraleiter“

Eine von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) geleitete Studie zeigt, dass Supraleitung und Ladungsdichtewellen in Verbindungen der wenig untersuchten Familie der Bismutate koexistieren können.

Diese Beobachtung eröffnet neue Perspektiven für ein vertieftes Verständnis des Phänomens der Hochtemperatur-Supraleitung, ein Thema, welches die Forschung der...

Im Focus: Tests der Quantenmechanik mit massiven Teilchen

Quantenmechanische Teilchen können sich wie Wellen verhalten und mehrere Wege gleichzeitig nehmen, um an ihr Ziel zu gelangen. Dieses Prinzip basiert auf Borns Regel, einem Grundpfeiler der Quantenmechanik; eine mögliche Abweichung hätte weitreichende Folgen und könnte ein Indikator für neue Phänomene in der Physik sein. WissenschafterInnen der Universität Wien und Tel Aviv haben nun diese Regel explizit mit Materiewellen überprüft, indem sie massive Teilchen an einer Kombination aus Einzel-, Doppel- und Dreifachspalten interferierten. Die Analyse bestätigt den Formalismus der etablierten Quantenmechanik und wurde im Journal "Science Advances" publiziert.

Die Quantenmechanik beschreibt sehr erfolgreich das Verhalten von Partikeln auf den kleinsten Masse- und Längenskalen. Die offensichtliche Unvereinbarkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

Anbausysteme im Wandel: Europäische Ackerbaubetriebe müssen sich anpassen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neue Einblicke in die Welt der Trypanosomen

16.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Maschinensteuerung an Anwender: Intelligentes System für mobile Endgeräte in der Fertigung

16.08.2017 | Informationstechnologie

Komfortable Software für die Genomanalyse

16.08.2017 | Informationstechnologie