Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Flexible Kontrolle über erlernte Lautäußerungen bei Orang-Utans

28.07.2016

Orang-Utan Rocky könnte den Schlüssel dazu liefern, wie sich die menschliche Sprache seit der Zeit der Vorfahren der Menschenaffen entwickelt hat

Bisher gingen Experten davon aus, dass unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, keine neuen Laute lernen können und dass Sprache folglich ihren Ursprung nicht bei ihnen hatte. In einem Imitiationsspiel gelang es dem Orang-Utan Rocky jedoch, Tonhöhe und Tonfall von vokalähnlichen Rufen einer Forscherin nachzuahmen.


Orang-Utan Rocky aus dem Zoo in Indianapolis kann seine Stimme kontrollieren.

Indianapolis Zoo, Indiana, USA

Die Entdeckung zeigt, dass Orang-Utans die Fähigkeit haben, ihre Stimme zu kontrollieren. Dem internationalen Forscherteam gehörte auch Alexander Mielke vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig an, geleitet wurde es von Forschern der Durham University in Großbritannien.

Während der Studie, die im April und Mai 2012 in Rockys Heimatzoo in Indianapolis in den USA durchgeführt wurde, äußerte eine Forscherin beliebige Laute und variierte dabei Tonfall oder Tonhöhe ihrer Stimme. Rocky ahmte diese Laute nach. Anschließend verglichen die Forscher Rockys Lautäußerungen mit den Orang-Utan-Rufen aus der größten verfügbaren Datenbank, die Rufe von mehr als 120 Orang-Utans aus 15 frei oder in menschlicher Obhut lebenden Populationen aus insgesamt etwa 12.000 Stunden Beobachtungszeit enthält. Dabei stellten sie fest, dass sich Rockys Laute von denen in der Datenbank unterschieden. Er war also dazu in der Lange, neue Laute zu lernen und dafür auch seine Stimme während einer „Konversation“ zu kontrollieren.

„Wie sich die gesprochene Sprache aus den Kommunikationssystemen der Vorfahren der Menschenaffen entwickelt hat, ist noch unklar“, sagt Erstautor Adriano Lameira, der seit 2015 in der Abteilung für Anthropologie an der Durham University forscht. „Bisher ging man davon aus, dass Menschenaffen keine neuen Laute lernen können, sondern dass ihre Lautäußerungen von einem Affekt gesteuert werden, den sie nicht kontrollieren können. Unsere Forschung belegt jetzt aber, dass Orang-Utans ihre Stimme beherrschen können.

Das zeigt auch, dass die Kontrolle der Menschen über ihre Stimme von Vorfahren stammen könnte, die bereits über eine ähnliche Stimmbeherrschung verfügten, wie sie jetzt bei Rocky nachgewiesen werden konnte. Möglicherweise sind auch andere Menschenaffen dazu in der Lage. „Wir könnten bald mehr über die stimmlichen Eigenschaften unserer Vorfahren erfahren", so Lameira, "die zu einer Zeit lebten, bevor sich die Abstammungslinien von Orang-Utans und Menschen trennten. Wir hoffen herauszufinden, wie sich dieses Vokalsystem zur menschlichen Sprache entwickelt hat.“

„Dass Rocky eine nicht artspezifische Lautäußerung gelernt hat und er Laute nachahmen kann, verrät uns auch, wie flexibel und komplex das Kommunikationssystem der Menschenaffen ist und welche Rolle stimmliche Kommunikation in ihrem Alltag spielt“, sagt Koautor Alexander Mielke aus der Abteilung für Primatologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Mielke war an der automatischen Stimmanalyse von Rockys Rufen beteiligt und bestimmte, wie genau sie der Modellvokalisierung glichen. Dazu passte er eine automatische Stimmerkennungssoftware an, die er ursprünglich für die Bestimmung der Rufe von Diademmeerkatzen, einer anderen Primatenart, entwickelt hatte.

Die aktuelle Studie basiert auf einer früheren Studie unter der Leitung von Lameira, während er an der Universität Amsterdam forschte. In jener Studie, die im Januar 2015 veröffentlicht wurde, berichteten die Autoren über den weiblichen Orang-Utan Tilda aus dem Kölner Zoo. Die Orang-Utan-Dame produzierte Rufe, die menschlichen Konsonanten und Vokalen ähnelten. Die Rufe erfolgten im selben Rhythmus und Tempo, wie sie für die menschliche Sprache typisch sind.

Originalpublikation:
Adriano R. Lameira, Madeleine E. Hardus, Alexander Mielke, Serge A. Wich & Robert W. Shumaker
Vocal fold control beyond the species-specific repertoire in an orang-utan.
Scientific Reports; 27 July, 2016

Ansprechpartner:
Alexander Mielke
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
E-Mail: alexander_mielke@eva.mpg.de

Dr. Adriano Lameira
Durham University
E-Mail: adriano.lameira@durham.ac.uk

Sandra Jacob
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon:+49 341 3550-122
E-Mail: jacob@eva.mpg.de

Dr. Harald Rösch | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Eine Karte der Zellkraftwerke
18.08.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung
18.08.2017 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie