Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fledermäuse mit Interessenkonflikten sind kompromissloser

27.08.2013
Fledermäuse haben Probleme, bei gemeinsamen Entscheidungen Kompromisse zu finden, wenn die Interessenskonflikte in der Gruppe zu stark sind. Das hat ein internationales Wissenschaftlerteam unter Führung von Forschenden der Universität Greifswald herausgefunden. Die Ergebnisse einer Langzeitstudie zu Gruppenentscheidungen bei Fledermäusen wurden jetzt in der renommierten Zeitschrift Current Biology veröffentlicht.

Bei Tieren und Menschen sind einvernehmliche Gruppenentscheidungen gleichermaßen von großer Bedeutung für das Funktionieren von Gruppen. Allerdings zeigen bei uns Menschen nationale und internationale Krisen regelmäßig aufs Neue, wie schwierig es ist, zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen, sobald die Interessen der Beteiligten zu stark auseinanderdriften.


Eine Kolonie weiblicher Bechsteinfledermäuse in ihrem Tagesquartier, einem Fledermauskasten in einem Wald bei Würzburg, Deutschland. Foto: Gerald Kerth

Bei Tieren legen theoretische Modelle zudem nahe, dass die Stärke des Konflikts zwischen Individuen einen Einfluss darauf hat, ob eine Gruppe einen Konsens erreicht. Bisher gab es jedoch nur wenige experimentelle Studien, die untersuchten, wie wilde Tiere Gruppenentscheidungen in Situationen mit Interessenskonflikten treffen.

Dies liegt daran, dass es methodisch sehr schwierig ist, Interessenskonflikte bei Wildtieren experimentell zu erzeugen. Doch ohne empirische Daten, ob und wie Tiere in Konfliktsituationen zu gemeinsamen Lösungen kommen, können Gruppenentscheidungen bei Tieren und letztendlich auch beim Menschen kaum bewertet und verstanden werden.

In der Studie „Female Bechstein’s Bats Adjust Their Group Decisions about Communal Roosts to the Level of Conflict of Interests“ schufen die Forschenden unterschiedlich starke Interessenskonflikte zwischen individuell markierten Mitgliedern wilder Bechsteinfledermauskolonien. Um einen Interessenkonflikt zwischen Koloniemitgliedern zu erzeugen, manipulierten sie die Information, die Individuen über die Qualität potenzieller gemeinsamer Tagesquartiere erhielten. Dazu bekamen drei Kolonien Fledermauskästen, in denen die Forschenden für jeden Kasten getrennt einem Teil der Koloniemitglieder Signale vorspielten.

Diese Signale zeigten den entsprechenden Tieren bei ihrer nächtlichen Inspektion eines Kastens, dass dieser Kasten als Tagesquartier nicht geeignet ist. Die anderen Koloniemitglieder erhielten das Signal während ihrer Inspektionen nicht und stuften die entsprechenden Kästen daher als geeignete Tagesquartiere ein.

So wurde ein Interessenskonflikt innerhalb der Koloniemitglieder darüber erzeugt, ob ein bestimmter Kasten als gemeinsames Tagesquartier infrage kommt. Indem sie unterschiedlich starke Signale verwendeten, variierten die Forschenden die Stärke der Interessenskonflikte unter den Mitgliedern einer Fledermauskolonie, welcher Kasten als Tagesquartier genutzt werden sollte.

Wurden nur schwache Interessenskonflikte erzeugt, konnte auch eine Minderheit der Koloniemitglieder einen Gruppenkonsens über einen bestimmten Fledermauskasten als geeignetes Tagesquartier erzielen. Der entsprechende Kasten wurde dann von der Kolonie als gemeinsames Tagesquartier genutzt. War der Interessenskonflikt dagegen sehr stark, konnte kein Kompromiss über ein gemeinsames Tagesquartier gefunden werden und die Kolonie spaltete sich auf. In dieser Situation entschieden sich die Tiere entsprechend ihrer jeweiligen individuellen Präferenzen für verschiedene Tagesquartiere.

Diese Ergebnisse zeigen zum ersten Mal für in Gruppen lebende wilde Säugetiere, dass das Ergebnis von Gruppenentscheidungen von der Stärke des Konflikts zwischen den Interessen individueller Tiere abhängen kann. Mit zunehmender Stärke der Interessenskonflikte wurde die Kompromissbereitschaft der Tiere immer geringer. Die vorgestellte Studie zeigt also, dass bei Fledermäusen, ähnlich wie wir das von Menschen kennen, stark abweichende individuelle Interessen einen Gruppenkonsensus verhindern können und damit koordinierte Aktionen ganzer Gruppen erschwert werden.

Weitere Informationen
Current Biology, 15 August 2013 (Onlineausgabe der Zeitschrift) 10.1016/j.cub.2013.06.059
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982213007847
Current Biology veröffentlicht neue Fachartikel immer zeitnah im Internet. Es erscheint zweiwöchentlich eine Printausgabe. Artikel aus dem Onlinemagazin erscheinen zeitversetzt in der Printausgabe.

http://www.cell.com/current-biology/

Artikel: Female Bechstein’s Bats Adjust Their Group Decisions about Communal Roosts to the Level of Conflict of Interests

Autoren: Daniela Fleischmann1, Isabelle O. Baumgartner2, Maude Erasmy3, Nanette Gries1, Markus Melber1, Vera Leinert4, Manuela Parchem5, Maren Reuter6, Pascal Schaer7, Sereina Stauffer2, Insa Wagner5, Gerald Kerth1*

1Zoological Institute & Museum, Ernst-Moritz-Arndt-University of Greifswald, J.-S.-Bach-Str. 11/12,
17489 Greifswald, Germany
2Institute of Evolutionary Biology and Environmental Studies, University of Zurich, Winterthurerstr. 190, 8057 Zur-ich, Switzerland
3Institute of Ecology, Friedrich-Schiller-University of Jena, Dornburger Str. 159, 07743 Jena, Germany
4Behavioral Biology, University of Osnabrueck, Barbarastrasse 11, 49076 Osnabrück, Germany
5Animal Ecology and Tropical Biology, Biocenter, Julius-Maximilians University of Würzburg, 97074 Würzburg, Germany
6Behavioral Physiology and Sociobiology, Biocenter, Julius-Maximilians University of Würzburg, 97074 Würzburg, Germany

7Department of Ecology and Evolution, Unicentre, University of Lausanne, Le Biophore, 1015 Lausanne, Switzerland

Das Foto kann für redaktionelle Zwecke im Zusammenhang mit der Pressemitteilung kostenlos heruntergeladen und genutzt werden. Dabei ist der Name des Bildautors zu nennen.

Download http://www.uni-greifswald.de/informieren/pressestelle/pressefotos/pressefotos-2013/pressefotos-august-2013.html

Ansprechpartner an der Universität Greifswald
Prof. Dr. Gerald Kerth
Angewandte Zoologie und Naturschutz
Zoologisches Institut und Museum
Johann-Sebastian-Bach-Straße 11/12, 17489 Greifswald
Telefon +49 3834 86-4100
Telefax +49 3834 86-4252
gerald.kerth@uni-greifswald.de

Jan Meßerschmidt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-greifswald.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Sollbruchstellen im Rückgrat - Bioabbaubare Polymere durch chemische Gasphasenabscheidung
02.12.2016 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht "Fingerabdruck" diffuser Protonen entschlüsselt
02.12.2016 | Universität Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie