Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fett als beste Medizin

06.11.2013
Schweriner und Rostocker Wissenschaftler und Ingenieure wollen wertvolle Zellen einfacher nutzbar machen

Wirtschaftsminister Harry Glawe gab heute in Schwerin den offiziellen Startschuss für ein neues, vielversprechendes Verbundvorhaben in der regenerativen Medizin. Wissenschaftler und Ingenieure der Schweriner human med AG wollen in Kooperation mit Experten vom Lehrstuhl für Fluidtechnik und Mikrofluidtechnik der Universität Rostock ein neues System zur Gewinnung von Fettgewebe für die Regenerative Medizin, Dermatologie und Wiederherstellungschirurgie entwickeln.

„Das einfach zu bedienende mobile Medizingerät soll vielfältige zusätzliche und vor allem schonende Therapiemöglichkeiten in der Krankenversorgung eröffnen“, so Wirtschaftsminister Harry Glawe. Das Wirtschaftsministerium unterstützt das Vorhaben. Die human med AG erhält für das Projekt Zuwendungen vom Ministerium in Höhe von rund 495.000 Euro. Die Förderung der Universität Rostock als Verbundprojektpartner beläuft sich auf rund 793.000 Euro. Die Mittel stammen aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und dem Europäischen Sozialfonds (ESF). Das Projektvolumen des Gesamtverbundes beträgt rund 1.68 Millionen Euro bei einer Laufzeit von zwei Jahren. „Die 2008 eingeführte Verbundförderung im Land hat die wirtschaftsnahe und technologieorientierte Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern beflügelt und viele neue fruchtbare Kooperationen hervorgebracht“, so Glawe weiter. „Die Kompetenznetzwerke sind mit der Verbundforschung gewachsen und deren innovativen Produkte waren die Basis für neue wissensbasierte Arbeitsplätze.“

Nachschub ohne Grenzen und sichtbare Erfolge

Bis vor etwa drei Jahren bestand das Ziel beim Absaugen großer Fettmengen, der sogenannten Liposuktion, allein darin, unerwünschtes Fettgewebe zu entfernen, um auf schnellem Wege schlanker zu werden. In der Schönheitschirurgie werden bis zu 8.000 ml Fettgewebe abgesaugt und anschließend entsorgt. „Erst in jüngerer Zeit wurde der große klinische Nutzen des abgesaugten Fettgewebes entdeckt“, erläuterte Dr. Inge Matthiesen, Leiterin Medical Affairs in der human med AG Schwerin. „Der neue Trend der Fettgewebstransplantation mit menschlichem Eigenmaterial hat sich im Laufe der letzten Jahre sehr stark entwickelt. Da Fettgewebe etwa 500mal mehr Stammzellen als Knochenmark enthält, stellt es eine leicht verfügbare Quelle ohne Nachschubprobleme für die Regenerative Medizin dar.“

Zahlreiche medizinische Studien haben inzwischen die außergewöhnlichen Erfolge von Eigenfetttransplantationen bewiesen. Diese werden unter anderem bei Brustvergrößerung aus ästhetischen Gründen, beispielsweise nach Krebsoperationen eingesetzt, aber auch in der Wiederherstellungschirurgie nach Unfällen mit erheblichen Verletzungen oder bei der Behandlung von chronischen und nicht heilenden offenen Wunden bei älteren Menschen und Diabetikern. Die entnommenen Fettzellen werden gefiltert und können dann in einem einfachen Verfahren an der betreffenden Stelle injiziert werden. Allerdings fehlt derzeit für den flexiblen Einsatz kleinerer Mengen von Fettgewebe im klinischen Alltag eine entsprechende medizintechnische Infrastruktur. Genau da setzt das Verbundvorhaben an.

Heilen mit Fettzellen als Standardtherapie

In Marktanalysen wurde ermittelt, dass für die neuen klinischen Anwendungen wesentlich geringere Fettgewebsmengen benötigt werden als bei der bisher üblichen Liposuktion. Hier liegt der Bedarf an abgesaugtem Fettgewebe zwischen 5 und 200 ml. Der Einsatz eines von human med entwickelten Wasserstrahlsystems body-jet für die Absaugung von großen Fettmengen sowie das relativ aufwändige Zubehör wie Spezialkanülen und Aufsätze sind in jeder Hinsicht „überdimensioniert“ und zu kostenintensiv. „Daher müssen wir neue, kleinere und mobile Systeme und das geeignete Einweg-Zubehör entwickeln und produzieren, um die neuen Anforderungen zu erfüllen“, erklärte Dr. Inge Matthiesen das Anliegen des Projektes. „Dabei ist die Vitalität des gewonnen Fettgewebes und der enthaltenen Zellstrukturen für den Heilungsprozess von besonderer Bedeutung für die neuen klinischen Anwendungen. Unser Ziel ist der sofortige und unkomplizierte Einsatz von Fettzellen als Standardtherapiemöglichkeit für neue klinische Anwendungen“, so Matthiesen.

Der Beitrag des Lehrstuhls für Fluidtechnik und Mikrofluidtechnik der Universität Rostock am Verbundprojekt beinhaltet zwei Schwerpunkte. „Bei dem zu entwickelnden System zur Stammzellgewinnung müssen deutlich kleinere Mengen Fettgewebe abgesaugt werden als bei herkömmlichen Fettabsaugsystemen“, erörterte Projektleiter und Kooperationspartner Prof. Hermann Seitz von der Universität Rostock. „Zum einen müssen deshalb für das zu entwickelnde kompakte Gerät neue Systemkomponenten wie Pumpen und Kanülen entwickelt und experimentell untersucht werden. Ein weiterer Fokus liegt auf der Computersimulation der wasserstrahlbasierten Absaugung, um dadurch die Belastung der Stammzellen bei der Gewinnung zu berechnen. Diese Informationen werden dann bei der Entwicklung des neuen Gerätes eingesetzt, um eine möglichst schonende Gewinnung der Stammzellen zu gewährleisten.“ Darüber hinaus sind im Rahmen des Verbundvorhabens zellbiologische Untersuchungen an der Universitätsmedizin Rostock geplant, um sicherzustellen, dass das mit dem neuen System gewonnene Fettgewebe einen sehr hohen Anteil vitaler Fettzellen und Stammzellen enthält.

„Die Entwicklung einer zuverlässigen und kostengünstigen Methode zur Gewinnung und Nutzung von Fettgewebe wäre ein großer technologischer Fortschritt in der Regenerativen Medizin und das made in MV“, betonte Wirtschaftsminister Harry Glawe. „Es ist der richtige Weg, dass human med seinen Vorsprung in der Wasserstrahltechnologie gezielt dafür einsetzt, zusammen mit der Rostocker Universität neue Märkte in der Gesundheitsbranche zu erschließen. Das ist das Ziel unserer Forschungsförderung.“

Bilanz EU-Förderperiode - Erfolgreiche Strukturen in der neuen Förderperiode ausbauen

Der Minister machte zum Auslaufen der EU-Förderperiode 2007 bis 2013 deutlich, dass auch künftig die Verbundforschungsförderung ein wesentlicher Schwerpunkt der neuen EU-Förderperiode 2014 bis 2020 sein wird. „Klar ist, dass es weniger Mittel geben wird. Aber ich sage auch: Wir werden die Forschungs- und Entwicklungsförderung auf einem hohen Niveau weiterführen. Für die neue EU-Förderperiode werden uns voraussichtlich 137 Millionen Euro (etwa 88 Prozent der jetzigen Förderperiode) zur Verfügung stehen. Unseren begonnenen Weg für eine technologierorientierte Wirtschaftsförderung werden wir kontinuierlich ausbauen und fortsetzen“, betonte Glawe. Besondere Zukunftschancen sieht der Minister auf den Wachstumsmärkten in den Bereichen Gesundheit, Maschinenbau, Informations- und Kommunikationstechnologie, Energie, Mobilität und Ernährung. „Insbesondere die Verbundforschung wollen wir weiter ausbauen. So viele hochwertige Innovationsvorhaben mit Spitzenergebnissen, bei denen Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen in MV miteinander kooperieren, hat es in der Vergangenheit nicht gegeben.“

Für die Förderung von Forschung, Entwicklung und Innovation in Mecklenburg-Vorpommern stehen in der EU-Förderperiode 2007 bis 2013 Mittel in Höhe von insgesamt 155 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) und dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) zur Verfügung. Davon wurden bis Oktober 2013 bereits 141 Millionen Euro bewilligt. Mit diesen Mitteln konnten bisher 765 Projekte gefördert werden, davon 354 Verbundforschungsprojekte mit einem Fördervolumen von 92,4 Millionen Euro.

Fotos: Rainer Cordes, Schwerin
Prototyp-Fettabsaugungs- und Stammzellseparationsgerät
Das erste geschlossene System für die Gewinnung, Aufbereitung und Nutzung von Fettzellen - Wirtschaftsminister Harry Glawe (li.) informierte sich heute über den Prototypen, der nächstes Jahr auf den Markt gebracht werden soll - hier mit Prof. Hermann Seitz (v. li.) von der Universität Rostock und Bernd Lindner, Vorstand der human med AG.
Fördermittelbescheidübergabe
Wirtschaftsminister Harry Glawe (li.) gab heute den Startschuss für das innovative Verbundforschungsvorhaben – mit Bernd Lindner, Vorstand human med AG (v. li.), Dr. Inge Matthiesen, Leiterin Medical Affairs von human med AG und Prof. Hermann Seitz vom Lehrstuhl für Fluidtechnik und Mikrofluidtechnik der Universität Rostock.
Verbundprojekt - Partner und Kontakte
„Entwicklung eines innovativen Systems zur Gewinnung von Fettgewebe für die Regenerative Medizin, Dermatologie und Wiederherstellungschirurgie“
Universität Rostock
Der Lehrstuhl Fluidtechnik und Mikrofluidtechnik befasst sich mit der Erforschung und Anwendung fluid- und mikrofluidtechnischer Komponenten, die im Maschinenbau, der Fahrzeugtechnik, der biomedizinischen Technik und der Verfahrenstechnik eingesetzt werden.
Universität Rostock
Fakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik
Lehrstuhl für Fluidtechnik und Mikrofluidtechnik
Leiter: Prof. Dr.-Ing. Hermann Seitz
Justus-von-Liebig-Weg 6, 18059 Rostock
T +49 381 498-9090 (-9091 Sekretariat)
E hermann.seitz@uni-rostock.de
http://www.lfm.uni-rostock.de
http://www.uni-rostock.de
Der Arbeitsbereich Zellbiologie ist eine Forschungseinrichtung an der Universitätsmedizin Rostock, in der zellbiologisch orientierte Fragestellungen in der regenerativen Medizin, konkret die Regeneration des Bindegewebes (Knochen, Knorpel, Weichgewebe) unter Berücksichtigung von Implantaten sowie die Aufbereitung und Analyse von Stammzellen aus dem Fettgewebe, im Vordergrund stehen.
Universitätsmedizin Rostock
Zentrum für Medizinische Forschung
Stellv. Leiterin Arbeitsbereich Zellbiologie PD Dr. Kirsten Peters
Schillingallee 69, 18057 Rostock
T +49 381-494 77 57
E kirsten.peters@med.uni-rostock.de www.zellbiologie.uni-rostock.de
http://www.med.uni-rostock.de
human med AG
Die human med AG mit Sitz in Schwerin und derzeit 42 Mitarbeitern ist der weltweit führende Hersteller von wasserstrahl-assistierten Geräten für die plastisch-rekonstruktive und ästhetische Chirurgie. Aufbauend auf langjährigen medizintechnischen Erfahrung mit wasserstrahl-assistierten Systemen, die eine präzise Steuerung und einen schonenden Umgang mit Gewebe ermöglichen, bietet das Unternehmen mit Tochterfirmen in England und den USA das schonende Verfahren der Liposuktion und Eigenfetttransplantation sowohl zur ästhetischen Körperformung als auch für die Wiederherstellungschirurgie zur Behandlung von Weichgewebsdefekten, Narben und chronischen Wunden an.
human med AG
Leiterin Medical Affairs: Dr. Inge Matthiesen
Wilhelm-Hennemann-Str. 9, 19061 Schwerin
T +49 385-3 95 70 25 (-70 0 Sekretariat)
E matthiesen@humanmed.com
http://www.humanmed.com
BioCon Valley GmbH
Dr. Heinrich Cuypers
Walther-Rathenau-Straße 49a
17489 Greifswald
T +49 3834-515 108
E hc@bcv.org

Dr. Heinrich Cuypers | idw
Weitere Informationen:
http://www.bcv.org
http://www.facebook.com/bioconvalley

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Aufschlussreiche Partikeltrennungen
20.07.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Bildgebung von entstehendem Narbengewebe
20.07.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Im Focus: Das Proton präzise gewogen

Wie schwer ist ein Proton? Auf dem Weg zur möglichst exakten Kenntnis dieser fundamentalen Konstanten ist jetzt Wissenschaftlern aus Deutschland und Japan ein wichtiger Schritt gelungen. Mit Präzisionsmessungen an einem einzelnen Proton konnten sie nicht nur die Genauigkeit um einen Faktor drei verbessern, sondern auch den bisherigen Wert korrigieren.

Die Masse eines einzelnen Protons noch genauer zu bestimmen – das machen die Physiker um Klaus Blaum und Sven Sturm vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

Technologietag der Fraunhofer-Allianz Big Data: Know-how für die Industrie 4.0

18.07.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - September 2017

17.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

1,4 Millionen Euro für Forschungsprojekte im Industrie 4.0-Kontext

20.07.2017 | Förderungen Preise

Von photonischen Nanoantennen zu besseren Spielekonsolen

20.07.2017 | Physik Astronomie

Bildgebung von entstehendem Narbengewebe

20.07.2017 | Biowissenschaften Chemie