Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die evolutionären Folgen von Fremdgehen

02.04.2013
Männchen und Weibchen von Blaumeisen sind für das menschliche Auge kaum unterscheidbar.

Im für Vögel sichtbaren UV-Bereich sind die Männchen jedoch viel bunter. Auch ihr monogames Paarungssystem ist nicht das, was es verspricht: In jedem zweiten Nest sind Küken, die nicht vom fürsorgenden Vater stammen. Ein Männchen kann durch Fremdgehen die Anzahl seiner Nachkommen erhöhen.


Eine Blaumeise - ist es ein Männchen oder ein Weibchen? Dr. R. Höling


Ob alle Eier in diesem Blaumeisennest vom gleichen Vater sind? Emmi Schlicht

Emmi Schlicht und Bart Kempenaers vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen untersuchten, ob außereheliche Paarungen treibende Kraft für die Evolution von Geschlechtsunterschieden sein können. Die Folgen sind jedoch gering, Fremdgehen kann die sexuelle Selektion von Geschlechtsunterschieden sogar verringern.

Bei vielen Tierarten sehen Männchen und Weibchen sehr unterschiedlich aus. Männliche Hirsche zum Beispiel haben ein imposantes Geweih, und das Prachtgefieder des Pfauhahnes beeindruckt nicht nur Pfauenhennen. Im Garten können wir bei Buchfink oder Hausspatz „ihn” an der Färbung von Brust und Kopf erkennen. Wieso gibt es diese Geschlechtsunterschiede? Beim Hirsch ist das prinzipiell einfach: Ein Männchen verteidigt Weibchen und Revier gegen Rivalen und muss im Ernstfall sein Geweih einsetzen, wenn es zu Streitigkeiten kommt. Auch der Pfau versucht mit seinem Gefieder Rivalen auszustechen und Weibchen anzulocken. Die Geschlechtsmerkmale lohnen sich für die Männchen, weil sie ihnen helfen, sich zusätzliche Nachkommen zu sichern. Für Weibchen ist solche sexuelle Selektion schwächer, denn sie bekommen keine zusätzlichen Nachkommen, wenn sie sich gegenüber Rivalinnen durchsetzen.

Viele Vogelarten aber stellen Evolutionsbiologen vor ein Problem: Sie sind in der Regel mit einem Partner des anderen Geschlechts fest verbandelt, leben also monogam. Die Nachkommen werden von den Eltern gemeinsam aufgezogen. Warum also das bunte Gefieder nur bei Männchen, wenn die Anzahl der Nachkommen für beide Eltern gleichermaßen durch das Gelege des Weibchens festgelegt ist? Führt man Vaterschaftsanalysen bei den Vögeln durch, stellt man fest, dass die Nachkommen nicht alle von dem Männchen stammen, das sie füttert. Ein monogames Männchen kann also durchaus zusätzliche Nachkommen haben, wenn es ihm gelingt, ein paar Eier bei anderen Weibchen zu ergattern. Ist das der Schlüssel zu den Geschlechtsunterschieden im Aussehen?

Eine Studie an Blaumeisen hat sich mit den Grundlagen dieser Frage beschäftigt. Emmi Schlicht und Bart Kempenaers vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen haben Daten aus sechs Jahren Forschungsarbeit herangezogen, um verschiedene Aspekte des Paarungssystems der Blaumeisen unter die Lupe zu nehmen. Es zeigte sich: Die sozialen Bindungen scheinen ausschlaggebend zu sein, während die außerpaarlichen Verbindungen zwar von Vorteil sind, keinesfalls aber der sexuellen Selektion zu großen Sprüngen verhelfen. „Blaumeisenmännchen bekommen die meisten Nachkommen zusammen mit dem Brutpartner; ein Gelege umfasst im Durchschnitt neun Eier.

Manche Männchen können sich sogar zwei Weibchen als soziale Partner sichern“, sagt Bart Kempenaers, Leiter der Studie. „Da können ein, zwei Nachkommen mit anderen, fremd verpaarten Weibchen nicht mithalten“. Die Merkmale der untersuchten Männchen sind vermutlich also darauf optimiert, im sozialen Bereich den Erfolg zu sichern und erst danach noch zusätzliche Nachkommen außerhalb der Paarbeziehung zu erobern.

Interessanterweise fanden die Wissenschaftler noch einen unerwarteten Effekt der außerpaarlichen Aktivitäten: Bei einer Geschwisteranalyse stellte sich heraus, dass es bis zu 24 Väter pro Jahr in der untersuchten Population gibt, die zu keiner der von den Forschern beobachteten Bruten in Nistkästen gehörten. Wenn diese unbekannten Männchen tatsächlich keine eigene Brut hatten, sind die Küken in fremden Nestern ihre einzigen Nachkommen. Für die unverpaarten Männchen sind also die Nachkommen, die durch Fremdgehen entstehen durchaus entscheidend.

„In diesem Fall trägt das außerpaarliche Paarungsverhalten dazu bei, die Unterschiede zwischen Männchen in ihrem Fortpflanzungserfolg zu verringern“, erläutert Emmi Schlicht, Erstautorin der Studie. “Das macht eine Auswahl der „Besten“ weniger effektiv und erschwert es der Evolution, besondere Merkmale bei Männchen zu selektieren, die ihren Paarungserfolg erhöhen“. Fremdgehen kann die sexuelle Selektion von Geschlechtsunterschieden also sogar verlangsamen. (ES/SSP)

Originalveröffentlichung:
Emmi Schlicht and Bart Kempenaers: Effects of social and extra-pair mating on sexual selection in blue tits (Cyanistes caeruleus). Evolution. Online veröffentlicht am 22.03.2013
Kontakt:
Emmi Schlicht
Max-Planck-Institut für Ornithologie (MPIO), Seewiesen
Abteilung Verhaltensökologie und Evolutionäre Genetik
schlicht@orn.mpg.de
Tel. 08157 932 349

Prof. Dr. Bart Kempenaers
MPIO Seewiesen, Abteilung Verhaltensökologie und Evolutionäre Genetik
b.kempenaers@orn.mpg.de
Tel. 08157 932 232

Dr. Sabine Spehn
MPIO Seewiesen, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
pr_seewiesen@orn.mpg.de
Tel. 08157 932 421

Dr. Sabine Spehn | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.orn.mpg.de
http://pubrel.orn.mpg.de/pindownload/login.do?pin=95JXD

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Treibjagd in der Petrischale
24.11.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

nachricht Dinner in the Dark – ein delikates Wechselspiel der Mikroorganismen
24.11.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Metamaterial mit Dreheffekt

Mit 3D-Druckern für den Mikrobereich ist es Forschern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gelungen ein Metamaterial aus würfelförmigen Bausteinen zu schaffen, das auf Druckkräfte mit einer Rotation antwortet. Üblicherweise gelingt dies nur mit Hilfe einer Übersetzung wie zum Beispiel einer Kurbelwelle. Das ausgeklügelte Design aus Streben und Ringstrukturen, sowie die zu Grunde liegende Mathematik stellen die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Science vor.

„Übt man Kraft von oben auf einen Materialblock aus, dann deformiert sich dieser in unterschiedlicher Weise. Er kann sich ausbuchten, zusammenstauchen oder...

Im Focus: Proton-Rekord: Magnetisches Moment mit höchster Genauigkeit gemessen

Hochpräzise Messung des g-Faktors elf Mal genauer als bisher – Ergebnisse zeigen große Übereinstimmung zwischen Protonen und Antiprotonen

Das magnetische Moment eines einzelnen Protons ist unvorstellbar klein, aber es kann dennoch gemessen werden. Vor über zehn Jahren wurde für diese Messung der...

Im Focus: New proton record: Researchers measure magnetic moment with greatest possible precision

High-precision measurement of the g-factor eleven times more precise than before / Results indicate a strong similarity between protons and antiprotons

The magnetic moment of an individual proton is inconceivably small, but can still be quantified. The basis for undertaking this measurement was laid over ten...

Im Focus: Reibungswärme treibt hydrothermale Aktivität auf Enceladus an

Computersimulation zeigt, wie der Eismond Wasser in einem porösen Gesteinskern aufheizt

Wärme aus der Reibung von Gestein, ausgelöst durch starke Gezeitenkräfte, könnte der „Motor“ für die hydrothermale Aktivität auf dem Saturnmond Enceladus sein....

Im Focus: Frictional Heat Powers Hydrothermal Activity on Enceladus

Computer simulation shows how the icy moon heats water in a porous rock core

Heat from the friction of rocks caused by tidal forces could be the “engine” for the hydrothermal activity on Saturn's moon Enceladus. This presupposes that...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mathematiker-Jahrestagung DMV + GDM: 5. bis 9. März 2018 an Uni Paderborn - Über 1.000 Teilnehmer

24.11.2017 | Veranstaltungen

Forschungsschwerpunkt „Smarte Systeme für Mensch und Maschine“ gegründet

24.11.2017 | Veranstaltungen

Schonender Hüftgelenkersatz bei jungen Patienten - Schlüssellochchirurgie und weniger Abrieb

24.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mathematiker-Jahrestagung DMV + GDM: 5. bis 9. März 2018 an Uni Paderborn - Über 1.000 Teilnehmer

24.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Maschinen über die eigene Handfläche steuern: Nachwuchspreis für Medieninformatik-Student

24.11.2017 | Förderungen Preise

Treibjagd in der Petrischale

24.11.2017 | Biowissenschaften Chemie