Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Evolution: Vangawürger sind Darwin‐Finken auf Speed

17.04.2012
Die Vielfalt der Vangawürger ist spektakulär. Die Singvögel decken mit ihren gerade einmal 22 Arten hinsichtlich ihrer Körpergröße das ganze Spektrum der 6.000 Arten von Sperlingsvögeln ab, zu denen sie gehören.
Während kleinere Arten mit ihren feinen Schnäbeln Insekten aufpicken, fängt der größte Vangawürger mit seinem riesigen Schnabel sogar Amphibien. Mit diesen Unterschieden schlagen sie die als Musterknaben der Evolution berühmten Darwin-Finken um Längen. Wie ein internationales Wissenschaftlerteam im Fachmagazin „PNAS“ schreibt, sind Vangawürger zudem die bisher einzige bekannte Vogelfamilie, in der die Artbildung nicht wie üblich in einem, sondern in zwei Schüben stattgefunden hat.

Vangawürger sind absolute Individualisten – jede der nur 22 Arten kleinen Vogelfamilie sieht anders aus, ist unterschiedlich groß und hat eine andere Schnabelform, die ihre jeweilige Ernährungsweise optimal unterstützt. Während der 13 cm kleine Kleibervanga mit seinem vergleichsweise kleinen Schnabel Insekten im Gebüsch hüpfend von Ästen und Blättern aufpickt, kratzt der 30 cm große Sichelvanga mit seinem langen gebogenen Schnabel unter der Baumrinde nach ihnen. Die am spektakulärsten gefärbte Art, der Helmvanga, fängt mit ihrem riesigen, blauen Schnabel sogar Eidechsen, Frösche oder Geckos. Die auf Madagaskar vorkommenden Singvögel sind damit um einiges vielfältiger als die besser bekannten Darwin-Finken. Wie sie das geschafft haben, rekonstruierten Wissenschaftler des Frankfurter Biodiversität und Klima Forschungszentrums, des Center for Macroecology, Evolution and Climate der Universität Kopenhagen sowie anderer deutscher, schwedischer und französischer Institute nun erstmals anhand eines detaillierten Stammbaums.

Auf Madagaskar heimisch
Vor 25 Millionen Jahren wanderte der Urahn der Vangawürger aus Afrika nach Madagaskar ein. Da viele potentielle Fressfeinde und Futterkonkurrenten damals noch nicht auf der Insel lebten, konnten die Vangawürger schnell zahlreiche offen stehende Nahrungsnischen füllen, neue Arten entwickeln und sich ausbreiten. „Die in der ersten Welle in vergleichsweise schneller Folge entstandenen Arten sind vor allem unterschiedlich groß und jagen Insekten in der Luft oder im Gebüsch“, erklärt die an der Studie beteiligte Dr. Susanne Fritz, Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK‐F). Sobald die offenen Nischen durch die daran angepassten Arten besetzt waren, ebbte die Rate, mit der weitere neue Arten entstanden, merklich ab. Das bekannteste Beispiel für solch eine Entwicklung auf Inseln sind die auf Galápagos heimischen Darwin-Finken. Bis jetzt zählten die Vangawürger aus Madagaskar ebenfalls zu den klassischen Beispielen.

Neue Ernährungsweise sorgte für zweiten Evolutionsschub
Doch die neuen Daten zeigen, dass der ersten Welle neuer Arten vor zehn bis fünf Millionen Jahren plötzlich eine zweite folgte – und das ist für Vögel höchst außergewöhnlich. „Unsere Computermodellierungen besagen, dass der unerwartete zweite Schub durch einen Anstieg der zur Verfügung stehenden Nischen verursacht wurde. Eine Möglichkeit dazu wäre die Eroberung neuer Lebensräume, aber die Vangawürger kommen nur auf Madagaskar vor. Wir konnten zeigen, dass die Erfindung einer bestimmten Schnabelform mit dem zweiten evolutionären Schub zusammenhängt“, so Dr. Fritz. Zu dieser Zeit entstand eine Gruppe der Vangawürger-Arten mit sehr langen, teilweise gebogenen Schnäbeln, wie beim Sichelwürger. Damit konnten die neu entstandenen Arten plötzlich auch unter der Baumrinde nach Insekten picken und so neue Nahrungsnischen erobern.
Erster Beleg einer schon länger bestehenden These
Die grundlegende Studie des internationalen Forscherteams zur Evolution der waldlebenden Vangawürger beweist damit erstmals, dass deren erstaunliche Vielfalt in einem zweistufigen Prozess entstanden ist. Vangawürger machen damit deutlich, wie wenig erforscht Madagaskar und seine ungewöhnliche Biodiversität noch sind und welch spannende Entdeckungen dort warten. Außerdem kann, wie die Studie zeigt, die Erfindung einer neuen Schnabelform und Ernährungsweise zu einem Artbildungsschub in einer Gruppe führen, deren Kapazität an Arten schon erreicht war. Dies wurde zuvor schon lange als möglich angenommen, aber bisher noch nie belegt. Doch die einzigartige Spezialisierung der Vangawürger könnte den bislang eher unbekannten Vögeln auch zum Verhängnis werden: Veränderte Landnutzung und Klimawandel lassen den Lebensraum, an den sie sich in den letzten 25 Millionen Jahren angepasst haben, schlagartig schrumpfen.

Studie:
Jønsson, K.A; Fabre, P.‐H.; Fritz, S.A. et al. (2012). Ecological and evolutionary determinants for the adaptive radiation of the Madagascan vangas. PNAS Early Edition. doi:10.1073/pnas.11158335109

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:

Dr. Susanne Fritz
LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK‐F)
Tel.: 069 7542 1803
E‐Mail:susanne.fritz@senckenberg.de

oder
Sabine Wendler
LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK‐F),Pressereferentin
Tel.: 069 7542 1838
E‐Mail: sabine.wendler@senckenberg.de
LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum, Frankfurt am Main
Mit dem Ziel, anhand eines breit angelegten Methodenspektrums die komplexen Wechselwirkungen von Biodiversität und Klima zu entschlüsseln, wird das Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK‐F) seit 2008 im Rahmen der hessischen Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich ökonomischer Exzellenz (LOEWE)gefördert. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und die Goethe Universität Frankfurt sowie weitere direkt eingebundene Partner kooperieren eng mit regionalen, nationalen und internationalen Institutionen aus Wissenschaft, Ressourcen‐ und Umweltmanagement, um Projektionen für die Zukunft zu entwickeln und wissenschaftlich gesicherte Empfehlungen für ein nachhaltiges Handeln zu geben.

Sabine Wendler | Senckenberg
Weitere Informationen:
http://www.senckenberg.de
http://www.bik‐f.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neue Materialchemie für Hochleistungsbatterien
19.09.2017 | Technische Universität Berlin

nachricht Zentraler Schalter der Immunabwehr gefunden
19.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Im Focus: Quantensensoren entschlüsseln magnetische Ordnung in neuartigem Halbleitermaterial

Physiker konnte erstmals eine spiralförmige magnetische Ordnung in einem multiferroischen Material abbilden. Diese gelten als vielversprechende Kandidaten für zukünftige Datenspeicher. Der Nachweis gelang den Forschern mit selbst entwickelten Quantensensoren, die elektromagnetische Felder im Nanometerbereich analysieren können und an der Universität Basel entwickelt wurden. Die Ergebnisse von Wissenschaftlern des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel sowie der Universität Montpellier und Forschern der Universität Paris-Saclay wurden in der Zeitschrift «Nature» veröffentlicht.

Multiferroika sind Materialien, die gleichzeitig auf elektrische wie auch auf magnetische Felder reagieren. Die beiden Eigenschaften kommen für gewöhnlich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

»Laser in Composites Symposium« in Aachen – von der Wissenschaft in die Anwendung

19.09.2017 | Veranstaltungen

Biowissenschaftler tauschen neue Erkenntnisse über molekulare Gen-Schalter aus

19.09.2017 | Veranstaltungen

Zwei Grad wärmer – und dann?

19.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

»Laser in Composites Symposium« in Aachen – von der Wissenschaft in die Anwendung

19.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Zentraler Schalter der Immunabwehr gefunden

19.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Materialchemie für Hochleistungsbatterien

19.09.2017 | Biowissenschaften Chemie