Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erstmals nachgewiesen: Angeborene Herzfehler gibt es schon seit Jahrtausenden

04.07.2014

Neue Ergebnisse zu einem der weltweit größten und interessantesten Forschungsprojekte.

Bad Oeynhausener Herzspezialisten beenden die Spekulationen um die Todesursache der wohl ältesten Mumie auf dem europäischen Kontinent. Der komplexe Herzdefekt der Detmolder Kindermumie kommt heute noch vor. 


3-D-Modell des Mumienherzens in Originalgröße: Die kleine linke Herzkammer ist gut zu erkennen. Diagnose: Hypoplastisches Linksherzsyndrom (HLHS)

(Foto: Armin Kühn)

Wissenschaftler und Herzspezialisten des Herz- und Diabeteszentrums NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, lassen keinen Zweifel an ihrer Diagnose: Die berühmte, im Lippischen Landesmuseum Detmold beheimatete Kindermumie ist vor 6.500 Jahren an einem sehr seltenen angeborenen Herzfehler gestorben, dem sogenannten Hypoplastischen Linksherzsyndrom, kurz HLHS.

Unter Experten weltweit sorgt diese Diagnose für eine kleine Sensation: Denn das HLHS ist ein sehr seltener, besonders schwerwiegender und komplexer Herzdefekt, der heute in nur wenigen Spezialzentren behandelt werden kann. Die Bad Oeynhausener Computertomographie-Aufnahmen weisen zudem erstmals überhaupt nach, dass diese Fehlbildung bereits vor Tausenden von Jahren vorgekommen ist.

Im Rahmen des „Deutschen Mumien-Projekts“ („German Mummy Project“) wurde das Alter der Detmolder Kindermumie bereits vor fünf Jahren auf die Zeit 4.504 bis 4.457 vor Christus datiert, sie ist damit älter als Ötzi.

Die frühen Untersuchungen liessen die Todesursache des etwa acht bis zehn Monate alten Kindes, das aus Südamerika stammt, offen. Es bestand aufgrund der Voruntersuchungen die Vermutung auf einen Vorhofseptumdefekt des Herzens. Diese Todesursache war von den Bad Oeynhausener Spezialisten jedoch angezweifelt worden.

„Der Vorhof- oder auch Atriumseptumdefekt (ASD) ist eine der häufigsten angeborenen Fehlbildungen des Herzens. Aber er ist nicht lebensbedrohlich“, sagt Kinderkardiologe PD Dr. Nikolaus Haas, Oberarzt im Kinderherzzentrum und Zentrum für angeborene Herzfehler am Herz- und Diabeteszentrums NRW, Bad Oeynhausen. „Die Kinder mit diesem Herzfehler müssen zwar behandelt werden, sind jedoch im Alltag gut belastbar.“

In Zusammenarbeit mit dem Leiter des Lippischen Landesmuseums, Dr. Michael Zelle, wurden Untersuchungen mit einem hochauflösenden 128-Zeilen-Computertomographen organisiert, der sich im Institut für Radiologie, Nuklearmedizin und molekulare Bildgebung des HDZ NRW befindet. Institutsdirektor Prof. Dr. Wolfgang Burchert hat mit seinem Team die Computertomographie (Siemens mCT128) durchgeführt.

Die volumetrischen Bilder in sehr hoher Auflösung wurden dann mit einem neuen Verfahren speziell nachverarbeitet. Dies erfolgte in einer Kooperation mit dem Institut für Informatik der Universität Paderborn. Weiterhin konnte in dieser Kooperation ein dreidimensionales Modell des Herzens realisiert werden.

Diagnose mittels moderner Computertomographie

Die Bildgebungsspezialisten haben anschließend die Herzvolumenbestimmungen und die Identifikation der anatomischen Strukturen des angeborenen Herzfehlers gemeinsam mit PD Dr. Haas detailliert ausgewertet. „Wir können mit Sicherheit sagen, dass das Kind an einem Hypoplastischen Linksherz-Syndrom verstorben ist“, bestätigt Prof. Burchert.

Typisch an dieser Erkrankung ist die sehr kleine linke Herzkammer sowie die deutlich vergrößerte rechte Herzkammer. Begleitend findet sich häufiger auch ein Fehlen der Scheidewand zwischen dem rechten und linkenn Herz-Vorhof und eine stark erweiterte Lungenschlagader.

„Unbehandelt führt das Hypoplastische Linksherz-Syndrom bereits im frühen Säuglingsalter zum Tod“, ergänzt Kinderkardiologe Haas. „Es gibt nur sehr wenige Einzelfallberichte, die belegen, dass Kinder mit diesem Herzfehler ohne Behandlung älter als ein Jahr geworden sind.

Heute können bei frühzeitiger Diagnostik die meisten Patienten mit drei Operationen so behandelt werden, dass ein weitgehend normales Leben möglich ist. Die Überlebensrate für alle drei komplizierten Operationen beträgt über 70 Prozent. In seltenen Fällen oder bei einem später auftretenden Herzversagen muss auch eine Herztransplantation in Betracht gezogen werden.

Dr. Michael Zelle hat das Angebot des Herz- und Diabeteszentrums NRW, Bad Oeynhausen, dankbar angenommen, sich mit der Untersuchung der Kindermumie an dem bereits 2007 vom Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum ins Leben gerufene „German-Mummy-Project“ zu beteiligen, das weltweite Beachtung erfährt.

“Archäologisch-historische Forschung zeichnet sich heute durch interdisziplinäre Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Disziplinen aus. Auf diese Weise gewinnen wir wichtige Informationen zur Lebenswelt und Lebensweise der Menschen vergangener Kulturen“, so Zelle.

Weitere Informationen:

http://www.hdz-nrw.de

Anna Reiss | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher finden neue Ansätze gegen Wirkstoffresistenzen in der Tumortherapie
15.12.2017 | Universität Leipzig

nachricht Moos verdoppelte mehrmals sein Genom
15.12.2017 | Philipps-Universität Marburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik