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Erstmals Effizienz der Stickstoffnutzung von Mikroorganismen gemessen

16.04.2014

Mikroorganismen sind die zentralen Spieler in den globalen Stoffkreisläufen. Sie zersetzen zum Beispiel Pflanzenstreu und Humusstoffe in Böden und setzen dabei die darin gespeicherten Nährstoffe wieder für das Pflanzenwachstum frei.

Wie das genau funktioniert, daran wird zwar schon seit mehr als hundert Jahren geforscht, aber geklärt ist das noch lange nicht. Erstmals konnte nun ein Team um Andreas Richter, Ökosystemforscher an der Universität Wien, die Stickstoffnutzungseffizienz von mikrobiellen Gemeinschaften messen. Aktuell erscheint dazu eine Publikation in der renommierten Zeitschrift "Nature Communications".


Stickstoffnutzung der Mikroorganismen

Copyright: Universität Wien

Mikroorganismen brauchen nämlich selbst für ihr Wachstum Stickstoff und geben den Stickstoff, den sie beim Abbau aus totem Pflanzenmaterial freisetzen, nur dann in die Natur ab, wenn sie selbst genug davon haben. Mikroorganismen nehmen also organisch gebundenen Stickstoff, z.B. als Aminosäuren, auf und verwenden einen Teil für ihr eigenes Wachstum, während sie den Überschuss an die Umwelt in Form von Ammonium abgeben.

Diese Verteilung des aufgenommenen Stickstoffs zwischen Wachstum und Abgabe an die Umwelt wird als mikrobielle Stickstoffnutzungseffizienz bezeichnet. "Diese Effizienz regelt, wie viel Stickstoff in den Böden gespeichert bleibt und wie viel freigesetzt wird und damit für weitere Prozesse in Ökosystemen zur Verfügung steht: etwa für das Wachstum von Pflanzen, aber auch für Verluste, etwa als Treibhausgas, Lachgas oder als Nitrat, das in das Grundwasser ausgewaschen werden kann", erklärt Andreas Richter, Ökosystemforscher und Vizedekan der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien. Die Stickstoffnutzungseffizienz stellt damit einen zentralen Zugang zum Verständnis der Regulation des globalen Stickstoffzyklus dar.

Neue Messmethode mit Hilfe Isotopenverhältnis-Massenspektrometrie

Umso verwunderlicher ist es, dass ForscherInnen die Stickstoffnutzungseffizienz bislang nicht messen, sondern lediglich modellieren konnten. "Wir haben es aber nun erstmals geschafft, auf Basis anspruchsvoller Isotopenmethoden eine direkte Messmethode zu entwickeln", berichtet der Ökologe Wolfgang Wanek und die Doktorandin Maria Mooshammer ergänzt: "Wir haben mit dieser neuen Methode untersucht, wie die mikrobielle Stickstoffnutzungseffizienz in verschiedenen Bodenhorizonten unterschiedlicher Ökosysteme – von der sibirischen Tundra über boreale Wälder bis hin zum alpinen Grassland sowie in Laubstreu – aussieht".

Gemeinsam haben die ForscherInnen vom Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung der Universität Wien die Stickstoffnutzungseffizienz in ein theoretisches Konzept eingebettet, mit dem es ihnen möglich war, einige der Kernhypothesen in der mikrobiellen Regulation des Stickstoffkreislaufes zu überprüfen. Zum Beispiel, dass Mikroorganismen auf stickstoffarmen Substraten – etwa Pflanzenstreu – Stickstoff effizienter nutzen, um so Stickstoffverluste zu minimieren, während sie in tieferen Bodenschichten, wo verhältnismäßig viel Stickstoff zur Verfügung steht, relativ viel mineralisieren. In diesem Fall wird also Stickstoff als Ammonium an die Umwelt abgegeben.

Bei Stickstoffarmut hohe Nutzung, bei Stickstoffüberschuss niedrige Nutzung

Erstmals konnte diese Hypothese bestätigt werden – Mikroorganismen zeigen in Situationen von Stickstoffarmut eine sehr hohe Nutzungseffizienz und verwenden rund 90 Prozent des aufgenommen Stickstoffs für ihr eigenes Wachstum. Bei Stickstoffüberschuss fällt die Nutzungseffizienz auf bis zu 15 Prozent, d.h. es werden 85 Prozent des aufgenommenen Stickstoffs wieder abgegeben.

"Wir konnten außerdem nachweisen, dass Mikroorganismen aktiv ihre Stickstoffnutzungseffizienz regulieren können, also sich an geänderte Nährstoffverfügbarkeiten anpassen – etwas, das bisher weitgehend ignoriert wurde. Unsere Arbeit widerlegt damit die gängige Lehrmeinung, dass Mikroorganismen im Wesentlichen ihre Kohlenstoffnutzung regulieren, ihre Stickstoffnutzung aber konstant halten", so Andreas Richter abschließend und weiter: "Diese Arbeit wird weitreichende Konsequenzen haben – nämlich für unser Verständnis, wie Mikroorganismen den Stickstoffkreislauf regulieren."

Publikation:
Adjustment of microbial nitrogen use efficiency to carbon:nitrogen imbalances regulates soil nitrogen cycling. M. Mooshammer, W. Wanek, A. Richter. Nature Communications. April 2014.
DOI: 10.1038/ncomms4694

Wissenschaftlicher Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Andreas Richter
Gruppe Terrestrische Ökosystemforschung,
Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung
Universität Wien
1090 Wien, Althanstraße 14
T +43-1-4277-766 60
M +43-664-602 77-766 60
andreas.richter@univie.ac.at
http://dmes.univie.ac.at/

SILVER (Einrichtung für Isotopenverhältnis-Massenspektrometrie)
Großgeräteeinrichtung für Isotopenforschung in den Lebenswissenschaften
http://nanosims.univie.ac.at/isotope-ratio-mass-spectrometry-silver/

Rückfragehinweis
Mag. Alexandra Frey
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
1010 Wien, Universitätsring 1
T +43-1-4277-175 33
M +43-664-602 77-175 33
alexandra.frey@univie.ac.at

Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 15 Fakultäten und vier Zentren arbeiten rund 9.700 MitarbeiterInnen, davon 6.900 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit auch die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 92.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 180 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. Die Universität Wien ist auch eine bedeutende Einrichtung für Weiterbildung in Österreich. 1365 gegründet, feiert die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Gründungsjubiläum. www.univie.ac.at

Michaela Wein | Universität Wien

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