Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erlanger „Tissue-Engineering-Therapie“ soll jetzt ausgeweitet werden

24.10.2014

Mikrochirurgie ermöglichte erste Langzeitheilung mit künstlichem Gewebe

„Wir können Patienten jetzt mit der Erlanger Tissue-Engineering-Therapie eine echte und schonende Alternative zu den bisher üblichen Eigengewebeverpflanzungen, z. B. nach Knochenvereiterung, Unfall oder Tumortherapie, anbieten“, sagte Prof. Dr. Dr. h. c. Raymund E. Horch, Direktor der Plastisch- und Handchirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen, heute (24.10.2014) auf einer Pressekonferenz in Erlangen.


Prof. Dr. Dr. h. c. Raymund Horch, Plastisch- und Handchirurgische Klinik des Uni-Klinikums Erlangen, untersucht Patientin Carina fünf Jahre nach der erfolgreichen Tissue-Engineering-Therapie

Foto: Universitätsklinikum Erlangen

Die künstliche Gewebeanzüchtung (Tissue Engineering) im Patienten wurde am Uni-Klinikum Erlangen und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in rund zehnjähriger experimenteller Forschung im Labor und in der klinischen Praxis entwickelt und erstmals über mehrere Jahre an zwei Patientinnen erfolgreich erprobt.

„Uns sind weltweit die ersten erfolgreichen Langzeitanwendungen von Methoden des Tissue Engineering zur Knochenwiederherstellung in komplexen Krankheitssituationen gelungen“, sagte Prof. Horch. Zu den ersten beiden Patientinnen, die mit dem neuen Verfahren therapiert wurden, gehört die 24-jährige Studentin Carina aus Würzburg.

Vor rund fünf Jahren bekam sie aufgrund einer Entzündung eine schwere Knochenvereiterung. Die Ärzte entschieden sich, den Entzündungsherd operativ zu entfernen. Zurück blieb ein großer Gewebedefekt. Bislang werden derartige Schäden in den meisten Fällen mithilfe einer Eigengewebeverpflanzung behandelt: Dazu wird Gewebe an einem gesunden Körperabschnitt des Patienten entfernt und an der defekten Stelle wieder eingepflanzt.

Der Nachteil daran: „Dieses Verfahren bringt Sekundärschäden mit sich und führt zur Verformung einer eigentlich gesunden Partie am Körper des Patienten“, erklärte Prof. Horch. Zusätzlich können die Behandelten unter Umständen an der Spenderstelle an Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen leiden. Im Fall von Carina beschlossen die Ärzte, ein in solchen Fällen neues Verfahren anzuwenden: das Tissue Engineering.

Diese Methode war ein Jahr zuvor erstmals in Erlangen an einer 33-jährigen Nürnbergerin durchgeführt worden, für die es nach einer schweren Unterschenkelverletzung nach einem Motorradunfall und zahlreichen Operationen in verschiedenen Kliniken praktisch keine andere Heilungsmöglichkeit mehr gegeben hatte. Davor war das Verfahren jahrelang im Labor erfolgreich erprobt worden.

Seit Langem hatten Wissenschaftler weltweit nach einer neuen Methode gesucht, die es ermöglicht, Eigengewebe – wie Knorpel-, Muskel- oder Hautgewebe – heranzuzüchten, um es danach zu implantieren. Einigen Forschern gelangen zwar spektakuläre Erfolge bei der Verpflanzung von künstlichem Gewebe, leider waren diese aber nicht von langer Dauer.

„Das Problem war oft, dass das künstliche Gewebe nicht optimal durchblutet wurde und nach einigen Monaten abstarb“, erläuterte Prof. Horch. „Deshalb haben wir auch über sechs Jahre damit gewartet, bis wir den Erfolg unserer Methode jetzt öffentlich machen.“ Ausführlich vorgestellt wird die Erlanger Tissue-Engineering-Therapie in der Fachzeitschrift „Journal of Cellular and Molecular Medicine“ (Horch RE, Beier JP, Kneser U, Arkudas A. J Cell Mol Med. 2014 May 6).

Jahrelange interdisziplinäre Forschungsarbeiten waren notwendig

Die Erlanger Forschergruppe um Prof. Horch hatte ihr Tissue-Engineering-Verfahren zunächst jahrelang im Labor erforscht. Im Kleintiermodell der Ratte untersuchte das Team anhand einer sogenannten arteriovenösen Gefäßschleife (AV-Loop) die Gefäßneubildung unter anderem in Knochengerüsten. Dabei erwies sich eine selbst entwickelte 8 mm x 10 mm große perforierte Titankammer als äußerst hilfreich für die Gewebezüchtung. Sie war zusammen mit Materialwissenschaftlern der Technischen Fakultät der FAU Erlangen-Nürnberg konstruiert worden.

„Mithilfe der neuartigen Titankammer – in die ein AV-Loop gelegt wurde – konnten wir erstmals zeigen, dass Gefäße, die von außen durch die Poren der Titankammer in das Gewebe einsprießen, Anschluss an die neu gebildeten Gefäße aus dem AV-Loop erhalten und unsere Methode tatsächlich funktioniert“, erläuterte Prof. Horch. Für ihre Pionierleistungen auf dem Weg zur Schaffung von dreidimensional durchbluteten künstlichen Geweben wurden die plastischen Chirurgen um Prof. Horch bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt PD Dr. Justus P. Beier aktuell den diesjährigen Wissenschaftspreis der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC).

Interdisziplinäre translationale Forschung hat in Erlangen hohen Stellenwert

Wichtig für den Erlanger Forschungserfolg war nach Ansicht von Prof. Horch die außergewöhnlich gute und effiziente Vernetzung innerhalb der FAU Erlangen-Nürnberg und auch mit anderen Universitäten in Bayern. „Dank der Emerging Fields Initiative der FAU wurde gerade diese besondere interdisziplinäre Vernetzung an den verschiedenen Standorten mit dem Projekt TopBioMat vorangetrieben“, betonte Prof. Horch. So hätten zahlreiche Wissenschaftler der Technischen Fakultät der FAU (Prof. Dr. Aldo R. Boccaccini, Prof. Dr. Ben Fabry, Prof. Dr. Peter Greil, Prof. Dr. Carolin Körner und Prof. Dr. Robert F. Singer) bei der Entwicklung von Kammersystemen und Biomaterialien für die Gewebezüchtung mitgewirkt.

Die in Erlangen traditionell hochwertige Bildgebung bei der Darstellung der Durchblutungsveränderungen wurde gemeinsam mit Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Willi A. Kalender (Medizinische Physik) und PD Dr. Andreas Hess (Pharmakologie und Toxikologie) sowie Prof. Dr. Tobias Bäuerle (Radiologisches Institut) anhand spezieller neuer Methoden erarbeitet. Nach Ansicht von Prof. Horch sei die optimale Schnittstelle zwischen Forschung im Labor und Einführung eines Verfahrens in der Klinik (translationale Forschung) eine besondere Stärke des Standortes Erlangen. „Mit der Eröffnung des Translational Research Center (TRC) der Medizinischen Fakultät der FAU Erlangen-Nürnberg und des Universitätsklinikums Erlangen ergeben sich nun weitere spannende Möglichkeiten, um die Forschung mit direktem Nutzen für die Patienten voranzutreiben.“

Ansprechpartner für die Medien:
Prof. Dr. Dr. h. c. Raymund Horch
Tel.: 09131/85-33277
irma.goldberg@uk-erlangen.de

Blandina Mangelkramer | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.fau.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Sollbruchstellen im Rückgrat - Bioabbaubare Polymere durch chemische Gasphasenabscheidung
02.12.2016 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht "Fingerabdruck" diffuser Protonen entschlüsselt
02.12.2016 | Universität Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie