Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erdkröten: Häufiges Paaren hält die Spermien fit

04.12.2012
Immer mehr Männer leiden an mangelnder Fruchtbarkeit, besonders in den westlichen Ländern. Vermutet wird, dass Stress dafür verantwortlich ist. Es ist aber auch möglich, dass Männer Probleme mit der Fruchtbarkeit bekommen, weil sie zu selten Sex haben. So könnte die provozierende Schlussfolgerung aus einer neuen Studie mit Erdkröten lauten, die ein Forschungsteam der Vetmeduni Vienna soeben in der Onlinezeitschrift PLoS ONE veröffentlicht hat.

Fruchtbarkeitstest führen immer wieder zu dem Ergebnis, dass die Spermienqualität von Männern sinkt. Solche Probleme haben oft mit der Alterung von Spermien zu tun, die mit der Zeit an Beweglichkeit verlieren. Ursache für die Alterung von Spermien kann entweder die Alterung der Zellen sein, aus denen die Spermien durch einen speziellen, Meiose genannten Zellteilungsprozess entstehen (prä-meiotische Seneszenz), oder durch die Alterung der Spermien selbst (post-meiotische Seneszenz).

Eine Reihe von Studien konnte die Alterung von Spermien bei Insekten, einigen Haustieren und sogar beim Menschen nachweisen. Diese Studien wurden jedoch unter einigermaßen künstlichen Bedingungen durchgeführt, deshalb ist unklar, ob oder wie ihre Ergebnisse auf Wildtiere oder auch auf den Menschen übertragen werden können. Einen Beitrag, diese Einschränkung zu überwinden, liefern nun Attila Hettyey und Kollegen vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Vienna) in ihrer Zusammenarbeit mit Balázs Vági in Budapest (HU), wo Hettyey heute ebenfalls arbeitet.

Altern von Spermien gebremst

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschafter die Spermienqualität von Erdkröten. Diese Tiere sind besonders geeignet, weil sie bekanntermaßen all ihre Spermien schon vor dem Beginn der Laichsaison produzieren. Wenn die Forschenden männliche Erdkröten zum Start der Laichsaison künstlich wieder in den Winterschlaf schickten, nachdem sie bereits Spermien produziert hatten, bewegten sich deren Spermien nach dem erneuten Aufwachen deutlich stärker als die von Männchen, die unter naturähnlichen Bedingungen, aber über die gesamte Laichsaison ohne Kontakt zu Weibchen gehalten wurden. Das bedeutet, dass das Verlangsamen der normalen Stoffwechselprozesse auch das Altern der Spermien in den Hoden der Erdkrötenmännchen bremste. Diese Ergebnisse sind die ersten Daten zu post-meiotischer Spermienalterung innerhalb der Hoden eines wildlebenden Wirbeltiers überhaupt.

Je mehr Paarungen, desto „bessere“ Spermien

Und ein weiteres erstaunliches Ergebnis förderte die Studie zutage: Bei Krötenmännchen, die unter naturnahen Bedingungen gehalten wurden, war die Qualität der Spermien umso höher, je öfter diese sich gepaart hatten. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass äußere Bedingungen wie Temperatur oder die Anzahl der Paarungen die Alterungsprozesse bei den Spermien beeinflussen.

Trainingseffekt?

Spermien altern also bei unter naturnahen Bedingungen gehaltenen Erdkröten, wenn diese in den Hoden bloß gespeichert werden. Der Alterungsprozess kann bei den Krötenspermien verlangsamt werden, wenn die Männchen sich häufig paaren. Für Tiere, die laufend neue Spermien produzieren, wie es auch beim Menschen der Fall ist, könnte das bedeuten, dass häufigeres Ejakulieren zum einen der Entsorgung alter und weniger lebensfähiger Spermien dient, und zum anderen Schäden an den Spermazellen verringert, die beim Speichern in den Hoden entstehen.

Bisher unbekannt

Richard Wagner, der die Idee zur Studie hatte, spekuliert über die Bedeutung der Studienergebnisse: „Eine allgemeine post-meiotische Spermienseneszenz ist bei wildlebenden Tieren oder beim Menschen noch nicht bekannt. Falls sich herausstellt, dass dieses Phänomen weiter verbreitet ist, erwarten wir faszinierende neue Einsichten in das Fortpflanzungsverhalten.“ Attila Hettyey meint dazu: „Weibchen könnten Männchen mit schadhaften Spermien meiden wollen, während Männchen bestimmte Umgebungen aufsuchen könnten, die das Altern ihrer Spermien verzögern. Männchen könnten zudem trachten, die Phasen sexueller Ruhe abzukürzen, indem sie sich mit weniger attraktiven Weibchen paaren oder sich anderweitig ihrer alter Spermien entledigen.“

Der Artikel „Post-meiotic intra-testicular sperm senescence in a wild vertebrate” der Autoren Attila Hettyey, Balázs Vági, Dustin J. Penn, Herbert Hoi und Richard H. Wagner wurde soeben in der Online-Zeitschrift „PLoS ONE“ (doi:10.1371/journal.pone.0050820) veröffentlicht.

Der wissenschaftlichen Artikel im Volltext online (Open Access):
http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0050820
Rückfragehinweise
Dr. Richard Wagner (Englisch)
Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung
Veterinärmedizinischen Universität Wien
T +43 1 48909-15831
richard.wagner@vetmeduni.ac.at
Dr. Attila Hettyey (Deutsch)
Behavioural Ecology Group
Eötvös Loránd University, Budapest (HU)
T +36 1 3918652
hettyey.attila@agrar.mta.hu
Aussender
Mag. Klaus Wassermann
Public Relations/Wissenschaftskommunikation
Veterinärmedizinische Universität Wien
T +43 1 25077-1153
klaus.wassermann@vetmeduni.ac.at

Klaus Wassermann | idw
Weitere Informationen:
http://www.vetmeduni.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Feinste organische Partikel in der Atmosphäre sind häufiger glasartig als flüssige Öltröpfchen
21.04.2017 | Max-Planck-Institut für Chemie

nachricht Darmflora beeinflusst das Altern
21.04.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten