Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Enzym, das Krebs wachsen lässt, steuert auch Immunsystem

29.01.2013
Vier Formen des Enzyms PI3K werden in für die Tumorabwehr wichtigen Zellen des Immunsystems hergestellt. Daher ist man bisher davon ausgegangen, dass diese Formen auch füreinander einspringen können.

Eva Maria Putz und Michaela Prchal-Murphy von der Vetmeduni Vienna und ihre Kollegen zeigen nun, dass dem nicht so ist. Das Hemmen von PI3K-Delta schränkt die körpereigene Abwehr von Krebszellen stark ein. Langzeitbehandlungen mit solchen Inhibitoren könnten sich fatal auswirken, warnen die Wissenschafter in ihrer Publikation, die jüngst bei PLoS ONE erschienen ist. Die Autoren erläutern die weitreichenden Konsequenzen ihrer Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Oncoimmunology.

Die meisten Gewebearten weisen mehr als eine der vier unterschiedlichen Formen des Enzyms PI3K (Phosphatityl-Inositol-3-Kinase) auf. Zwei dieser Formen, PI3K-Gamma und PI3K-Delta, sind fast ausschließlich in Blutzellen zu finden. Erste Hinweise deuteten darauf hin, dass PI3K-Delta die Produktion von Wachstumsproteinen, so genannter Zytokine, in T-Zellen steuert. Die genaue Bedeutung und Funktion dieser wichtigen Enzyme in zytotoxischen T-Zellen wurde bisher jedoch nicht untersucht. Zytotoxische T-Zellen sind Immunzellen, die Krebszellen und virusinfizierte Zellen erkennen und vernichten.

Aktuell wird ein neues Medikament gegen Blutkrebs klinisch getestet, das spezifisch das Enzym PI3K-Delta hemmt. Forscher erhofften sich eigentlich, dass damit bestimmte Blutkrebsarten erfolgreich behandelt werden können. Um schädliche Nebenwirkungen auszuschließen, ist es wichtig, auch die Folgen einer Langzeitbehandlung mit PI3K-Delta-Hemmern im Detail zu untersuchen. Hierfür liefert vor allem das Mausmodell unverzichtbare Daten, denn nur im Gesamtorganismus kann man die Summe therapeutischer und toxischer Effekte abschätzen.

Immunantwort wird stark reduziert

Im Rahmen einer seit langem bestehenden Zusammenarbeit mit Kollegen an der Medizinischen Universität Wien – im Besonderen der Pharmakologin Eva Zebedin-Brandl – sowie mit Partnern aus Deutschland und Japan, verglichen Eva Maria Putz und Michaela Prchal-Murphy von der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Vienna) die genauen Funktionen zytotoxischer T-Zellen von normalen Mäusen mit jenen von Mäusen, denen das Enzym PI3K-Delta fehlte. In-Vitro-Experimente zeigten deutliche Unterschiede: T-Zellen ohne PI3K-Delta sind nicht in der Lage, normal zu reagieren und eine Immunantwort auszulösen. Auch die Ausstattung der T-Zellen war mangelhaft, wichtige Enzyme, die die Zellen zum Abtöten von Tumoren brauchen, fehlten fast vollständig. In einer eleganten Reihe von Experimenten konnten Putz und Prchal-Murphy ihre Ergebnisse in einem Tumormodell in Mäusen verifizieren; PI3K-Delta-defiziente Mäuse waren nicht in der Lage, Tumore effizient abzustoßen.

Therapie in Entwicklung: Sicherheitsbedenken

Die Abhängigkeit der Immunantwort vom Enzym PI3K-Delta kam für die Wissenschaftler überraschend. Die Konsequenz sind bedrohliche unerwünschte Nebenwirkungen bei langanhaltender Gabe von PI3Kinase Blockern. Diese Folgen könnten auch erst Jahre nach der therapeutischen Anwendung z.B. im Sinne von Zweittumoren auftauchen. Putz und Prchal-Murphy schildern die möglichen Folgen ihrer Studie: „Wir wussten bisher, dass die Hemmung von PI3K-Delta das Wachstum von Leukämiezellen entscheidend verlangsamt. Dabei wird aber auch das Immunsystem bei seiner Arbeit stark behindert, was wiederum Nachteile für Krebspatienten in der Langzeitanwendung dieser Inhibitoren bringen könnte. Andererseits könnte die Hemmung von PI3K-Delta in T-Zellen von Vorteil für jene Patienten sein, die an Autoimmunerkrankungen leiden oder ein Organ transplantiert bekommen haben.“

Ohne Tierversuch nicht möglich

In Zeiten intensiver Diskussionen über Tierversuche belegt diese Studie deutlich den Wert von Tierversuchen für die Sicherheit von Patientinnen und Patienten. Der Bedarf an neuen Therapiekonzepten ist groß und auch das Bestreben der Firmen neue Wirkstoff so schnell wie möglich den Patienten verfügbar zu machen. Ausführliche präklinische Studien sind nötig, um Sicherheitsrisiken abzuschätzen. Das ist nur in der Komplexität eines Tiermodelles möglich, wie im Falle von PI3K-Delta gezeigt. Die Arbeit eröffnet ein potentielles neues Anwendungsfeld: PI3Kinase-Blocker könnten Patienten mit einer überschießenden T-Zell-Stimulierung und Immunantwort helfen, zum Beispiel bei bestimmten Autoimmunerkrankungen.

Der Artikel “PI3K-Delta Is Essential for Tumor Clearance Mediated by Cytotoxic T Lymphocytes” der Autoren Eva Maria Putz, Michaela Prchal-Murphy, Olivia Annabella Simma, Florian Forster, Xaver Koenig, Hannes Stockinger, Roland P. Piekorz, Michael Freissmuth, Mathias Müller, Veronika Sexl und Eva Zebedin-Brandl wurde in der renommierten Onlinezeitschrift “PLoS ONE” veröffentlicht (doi: 10.1371/journal.pone.0040852).

Der wissenschaftliche Artikel in PLoS ONE im Volltext online (Open Access):
http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0040852
Der Kommentar “PI3K-Delta - One man´s meat is another man´s poison“ der Autoren Michaela Prchal-Murphy, Eva Maria Putz, Michael Freissmuth, Veronika Sexl und Eva Zebedin-Brandl wurde in der renommierten Zeitschrift “OncoImmunology” veröffentlicht (OncoImmunology 2(1) 2013, pp.1–2).
Der Autorenkommentar in Oncoimmunology im Volltext online (Open Access):
http://www.landesbioscience.com/journals/oncoimmunology/article/22272/?show_full_text=true&

Die korrespondierende Autorin für beide Artikel ist Eva Zebedin-Brandl von der Medizinischen Universität Wien.

Rückfragehinweis
Univ.Prof. Dr. Veronika Sexl
Institut für Pharmakologie und Toxikologie
Veterinärmedizinische Universität Wien
T +43 1 25077-2910
veronika.sexl@vetmeduni.ac.at
http://www.vetmeduni.ac.at
Eva Zebedin-Brandl steht für die wissenschaftliche Korrespondenz zur Verfügung:
Dr. Eva Zebedin-Brandl
Institut für Pharmakologie
Medizinische Universität Wien
T +43 1 4277-64117
eva-maria.zebedin@meduniwien.ac.at
Aussender
Mag. Klaus Wassermann
Public Relations/Wissenschaftskommunikation
Veterinärmedizinische Universität Wien
T +43 1 25077-1153
M +43 664 60257-6587
klaus.wassermann@vetmeduni.ac.at

Klaus Wassermann | idw
Weitere Informationen:
http://www.vetmeduni.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen
09.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP

nachricht Wolkenbildung: Wie Feldspat als Gefrierkeim wirkt
09.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie