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Einstein rettet Schrödingers Katze

16.06.2015

Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie feiert heuer ihren 100. Geburtstag. Selbst heute noch fasziniert sie PhysikerInnen und Laien zugleich. Eine internationales Team um Časlav Brukner von der Universität Wien, Igor Pikovski von der University of Harvard und WissenschafterInnen von der University of Queensland haben nun entdeckt, dass die Relativitätstheorie auch ein ganz anderes, ungewöhnliches Phänomen erklären kann: den Übergang von der Quantenmechanik zu unserer alltäglichen, klassischen Welt. Die Forschungsergebnisse erscheinen im Journal "Nature Physics".

Im Jahr 1915 wurde unser Verständnis der Gravitation durch Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie revolutioniert. Einstein fand heraus, dass Gravitation durch die Krümmung von Raum und Zeit verursacht wird. In seiner Theorie ist der Zeitfluss nicht einfach konstant, sondern wird durch Masse beeinflusst.


Illustration eines Moleküls im Beisein von Zeitdilatation aufgrund eines Schwerfeldes. Das Molekül ist in einer räumlichen Quantensuperposition, aber die Zeitdilatation zerstört diesen Quanteneffekt.

Copyright: Igor Pikovski, Harvard-Smithsonian Center for Astrophysic

Dieser Effekt, der auch "Zeitdilatation" genannt wird, bewirkt, dass sich die Zeit in der Nähe von massiven Objekten verlangsamt. Zeitdilatation zeigt sich sogar auf der Erde: Menschen, die im Erdgeschoss arbeiten, altern langsamer als ihre Kollegen im ersten Stock, und zwar um etwa 10 Nanosekunden pro Jahr.

Dieser Effekt ist winzig klein, wurde jedoch mit präzisen Atomuhren bestätigt. Jetzt entdeckte ein internationales ForscherInnenteam der Universität Wien, der Harvard University und der University of Queensland, dass Einsteins Verlangsamung der Zeit auch ein ganz anderes Phänomen erklären kann: den Übergang zwischen Quantenmechanik zu unserer klassischen, alltäglichen Welt.

Wie die Gravitation die Quantenmechanik beeinflusst

Quantenmechanik ist neben der Relativitätstheorie die zweite große Entdeckung der Physik des 20. Jahrhunderts. Sie beschreibt, wie sich die kleinsten Bausteine der Natur verhalten und sagt ungewöhnliche Phänomene voraus. Wenn man diese auf große Skalen überträgt, scheinen sie paradox, wie das Beispiel von Schrödingers Katze aufzeigt:

Die Quantenphysik sagt vorher, dass die Katze nicht lebendig und auch nicht tot ist, sondern sich in einer sogenannten Quantensuperposition von beiden Zuständen befindet, vereinfacht ausgedrückt ist sie beides gleichzeitig. Solche Phänomene konnten jedoch bis jetzt nur bei winzigen Teilchen beobachtet werden und nie bei größeren und komplexeren Objekten wie einer Katze. Deswegen sind Physiker überzeugt, dass Quantenphänomene bei größeren Objekten unterdrückt werden, üblicherweise durch Wechselwirkungen mit anderen Teilchen.

Das Forschungsteam geleitet von Časlav Brukner von der Universität Wien und dem Institut für Quantenoptik und Quanteninformation fand nun heraus, dass Einsteins Zeitdilatation auch beim Übergang zur klassischen Physik eine Rolle spielt. Die ForscherInnen berechneten, dass – sobald sich die kleinsten Teilchen zu größeren Objekten wie z.B. zu Molekülen und schließlich zu Staubteilchen oder Mikroorganismen zusammenfügen – die Zeitdilatation aufgrund der Erde deren Quanteneigenschaften unterdrücken kann.

Die kleinen Teilchen bewegen sich immer ein kleines bisschen, sie "zittern". Und dieses "Zittern" wird durch die Zeitdilatation beeinflusst: Nahe dem Erdboden wird es langsamer, in größeren Höhen wird es schneller. Die ForscherInnen zeigten, dass dieser Effekt die Quantensuperpositionen zerstört und sich größere Objekte daher nicht mehr quantenmechanisch verhalten können.

Auf dem Weg zu neuartigen Quantenexperimenten

"Es ist recht überraschend, dass die Gravitation eine Rolle für die Quantenphysik spielen kann", so Igor Pikovski, Erstautor der Publikation und derzeit am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics tätig: "Gravitation wird üblicherweise auf astronomischen Skalen studiert, aber sie scheint selbst auch für die winzigsten Bausteine der Natur wichtig zu sein".

Časlav Brukner fügt hinzu: "Auf kosmologischen Skalen ist die Gravitation viel stärker, und es ist immer noch eine offene Frage, ob die Resultate auch dort eine Rolle spielen." Die Berechnungen der ForscherInnen zeigen, wie größere Teilchen ihre Quanteneigenschaften aufgrund ihrer eigenen Zusammensetzung verlieren können, wenn man die Zeitdilatation berücksichtigt.

Dieser Effekt sollte in naher Zukunft auch experimentell messbar sein und damit zu einem besseren Verständnis der faszinierenden Wechselwirkung zwischen den zwei großen Theorien des 20. Jahrhunderts beitragen: der Quantenmechanik und der Allgemeinen Relativitätstheorie.

Publikation in "Nature Physics":
"Universal decoherence due to gravitational time dilation". I. Pikovski, M. Zych, F. Costa, Č. Brukner. Nature Physics (2015)
DOI: 10.1038/nphys3366

Wissenschaftliche Kontakte
Univ.-Prof. Mag. Dr. Časlav Brukner
Institut für Quantenoptik und Quanteninformation Wien
Universität Wien
1090 Wien, Boltzmanngasse 5
T +43-1-4277-725 82
caslav.brukner@univie.ac.at
http://www.quantumfoundations.org

Dr. Igor Pikovski
Institute for Theoretical Atomic, Molecular and Optical Physics (ITAMP)
Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics
60 Garden St, MS-14; Cambridge, MA 02138, USA
T +1 (857) 313 – 9537
igor.pikovski@cfa.harvard.edu
http://www.cfa.harvard.edu/~igor.pikovski

Rückfragehinweis
Stephan Brodicky
Pressebüro der Universität Wien
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Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 19 Fakultäten und Zentren arbeiten rund 9.700 MitarbeiterInnen, davon 6.900 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 92.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 180 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. http://univie.ac.at

1365 gegründet, feiert die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Gründungsjubiläum mit einem vielfältigen Jahresprogramm – unterstützt von zahlreichen Sponsoren und Kooperationspartnern. Die Universität Wien bedankt sich dafür bei ihren Kooperationspartnern, insbesondere bei: Österreichische Post AG, Raiffeisen NÖ-Wien, Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, Stadt Wien, Industriellenvereinigung, Erste Bank, Vienna Insurance Group, voestalpine, ÖBB-Holding AG, Bundesimmobiliengesellschaft, Mondi. Medienpartner sind: ORF, Die Presse, Der Standard.

Stephan Brodicky | Universität Wien

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