Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Leben im Bambusrohr - Langzeitstudien zu in Bambus lebenden Bohrfliegen

01.07.2014

Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstituts in Frankfurt haben in einer Langzeitstudie die Ökologie in Bambus lebender Bohrfliegen untersucht. Sie entdeckten dabei erstaunliche Details zur Lebensweise der Tiere und konnten widerlegen, dass der Bambus durch die Bohrfliegen schwer geschädigt wird. Die Studie ist im Jahrbuch der „Entomological Society of America“ erschienen.

Bambus ist eine der am schnellsten wachsenden Pflanzen der Welt. Besonders in Asien ist er – nicht zuletzt wegen dieser Eigenschaft – ein beliebter Rohstoff. Doch nicht nur Menschen nutzen die stabilen Halme des Riesengrases: Er bietet auch Lebensraum für eine vielfältige Insektenfauna.


Während der Paarung frisst das Bohrfliegenweibchen an ihrem „Brautgeschenk“.

Senckenberg


Warten auf den richtigen Moment zur Eiablage: Die Bohrfliege Paraxarnuta anephelobasis auf dem Rücken des Rüsselkäferweibchens Cyrtotrachelus.

Senckenberg

Dr. Damir Kovac vom Senckenberg Forschungsinstitut untersucht diesen Lebensraum seit über 20 Jahren. Dabei interessiert er sich vor allem für Insekten, die in den Hohlräumen von Bambushalmen leben. „Mit Regenwasser gefüllte Hohlräume in Bambusrohren bilden einen ganz eigenen Lebensraum. Sie eignen sich besonders gut für allgemeine ökologische Fragestellungen, weil sie klein und von der Außenwelt gut abgegrenzt sind“, erklärt der Biologe. Mehrere hundert unterschiedliche Tierarten hat er in Südost-Asien bisher in diesen Pflanzengewässern entdeckt – viele davon waren bisher unbekannte Arten.

Die Ergebnisse seiner Feld- und Laborarbeiten zu einer der artenreichsten bambusbewohnenden Insektengruppen, die Bambus-Bohrfliegen, hat Kovac nun in einer zusammenfassenden Studie veröffentlicht. „Wir haben in einer aufwändigen Untersuchungsreihe die Lebensweise von über 40 Bohrfliegenarten aus der Familie der Tephritidae in den tropischen Regenwäldern Malaysias und Thailands untersucht“, erzählt er.

Bohrfliegen sind weltweit als Schädlinge von Obst und Gemüse bekannt. Viele bambusbewohnende Bohrfliegen schädigen die Pflanze, in der sie leben, indem sich die Larven durch das Bambusgewebe fressen. Die Weibchen sind aber nicht in der Lage, die harten, schützenden Hüllblätter der Bambusschösslinge mit ihrem Eilegebohrer zu durchdringen. Sie schieben daher ihre Eier unter die Hüllblätter. Die frisch geschlüpften Larven müssen sich dann unter dem Hüllblatt bis zum Bambusgewebe hindurchzwängen, von dem sie sich ernähren. Durch den Befall gehen die Spitzen der Bambusschösslinge ein und fallen ab. Der untere Teil des Halmes entwickelt sich jedoch weiter.

„Unsere Forschungen zeigen, dass die Bohrfliegenlarven keinen nennenswerten ökonomischen oder ökologischen Schaden in den Bambuswäldern anrichten“, erläutert Kovac.

Zwei Gattungen der Bambus-Bohrfliegen haben sich darauf spezialisiert, Eiablagelöcher von großen Rüsselkäferweibchen für ihre eigenen Eier mit zu nutzen. Sie sitzen stundenlang auf dem Rücken der großen Käfer und warten dort, bis die Käferweibchen mit ihrem harten Rüssel ein Loch in den Bambushalm gebohrt haben. Dann springen die Fliegen herunter und legen ihre eigenen Eier zu denen des Käfers.

Ungewöhnlich für diese Insektengruppe ist auch, dass die Larven einiger Bohrfliegen-Arten in den Hohlräumen der Bambushalme leben und sich dabei im Wasser aufhalten. Sie ernähren sich nicht vom Bambusgewebe selbst, sondern kratzen Nährstoffe von der Bambuswand ab. Die erwachsenen Fliegen dieser Arten haben ebenfalls bizarre Verhaltensweisen: „Wir konnten bei diesen Fliegen ein komplexes Balzverhalten beobachten“, berichtet der Frankfurter Biologe. „Die Männchen überreichen den Weibchen eine schaumartige Substanz als ‚Brautgeschenk‘. Während die Weibchen an der nahrhaften Masse fressen, nutzen die Männchen die Gelegenheit, um sich mit ihnen zu paaren.“

In Zukunft möchte Kovac die Evolution der über 150 bambusbewohnenden Bohrfliegen-Arten untersuchen, die den Lebensraum Bambus vermutlich in mehreren Entwicklungslinien unabhängig voneinander besiedelt haben.

Kontakt
Dr. Damir Kovac
Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt
Tel.: 069- 542-1252
Damir.Kovac@senckenberg.de

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
pressestelle@senckenberg.de

Publikation
Dohm, P., Kovac, D., Freidberg, J., Rull, J. & Aluja, M. (2014): Basic Biology and host use patterns of Tephritid flies (Phytalmiinae: Acanthonevrini, Dacinae: Gastrozomini) breeding in bamboo (Poaceae: Bambusoidea). Annals of the Entomological Society of America(2014),107(1):184.
DOI: 10.1603/AN13083

Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200 Jahren. Ausstellungen und Museen sind die Schaufenster der Naturforschung, durch die Senckenberg aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse mit den Menschen teilt und Einblicke in vergangene und gegenwärtige Veränderungen der Natur, ihrer Ursachen und Wirkungen, vermittelt. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de.

Weitere Informationen:

http://www.senckenberg.de/root/index.php?page_id=5206&year=0&kid=2&i... PM Ein Leben im Bambusrohr

Judith Jördens | Senckenberg

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Designerviren stacheln Immunabwehr gegen Krebszellen an
26.05.2017 | Universität Basel

nachricht Wachstumsmechanismus der Pilze entschlüsselt
26.05.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften