Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Käfer macht die Fliege

28.07.2015

Große Gen-Suchaktion am Reismehlkäfer eröffnet neue Forschungsfelder für die Genetik

Die bislang größte Suchaktion nach der Rolle von Genen in einem Käfer eröffnet neue Forschungsfelder für die Genetik. Wissenschaftler der Universitäten Göttingen, Erlangen und Köln haben mehr als 5.300 Gene des Reismehlkäfers Tribolium castaneum analysiert.


Genetisches Studienobjekt: der Reismehlkäfer Tribolium castaneum.

Neben grundlegenden Erkenntnissen über die Entwicklung des Käfers entdeckten sie dabei auch bislang unbekannte Gene, die beispielsweise eine Rolle in der Medizin, Insektenforschung oder bei der Produktion von Bio-Diesel spielen könnten. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht.

Bislang konnten Forscher nur beim „Haustier“ der Genetiker, der Fruchtfliege Drosophila melanogaster, systematisch nach der Rolle von Insekten-Genen suchen. „Viele Vorgänge, die man an der Fliege nicht untersuchen kann, wurden in der Genetik deshalb ignoriert“, erläutert der Leiter der Studie, Prof. Dr. Gregor Bucher vom Göttinger Zentrum für Molekulare Biowissenschaften (GZMB) der Universität.

„Aber im Reich der Insekten gibt es viele faszinierende Prozesse, die in der Fliege nicht vorkommen. Mit unserem Projekt iBeetle legen wir die Grundlage, um einige davon endlich auch genetisch untersuchen zu können. Damit verbreitern wir die Basis der genetischen Forschung.“

Dabei fanden die Wissenschaftler beispielsweise heraus, dass die frühe Entwicklung zwischen Käfer und Fliege offenbar unterschiedlicher ist als bisher bekannt: Schalteten sie bestimmte Käfer-Gene aus, war das Vorderende des Käfers durch ein zweites spiegelbildlich angeordnetes Hinterende ersetzt. Bei der Fliege sind die entsprechenden Gene für ganz andere Dinge verantwortlich.

„Seit Jahren suchen wir nach diesen Genen“, so der zweite Leiter des Projekts, Prof. Dr. Martin Klingler von der Universität Erlangen. „Wir hätten nicht gedacht, dass die Evolution bei der Verwendung von Genen so flexibel ist.“

Die Forscher entdeckten auch mehrere bislang unbekannte Gene, die für die medizinische Anwendung interessant sein könnten und nun genauer untersucht werden können. Die sogenannten Integrine beispielsweise sorgen für die Klebrigkeit von Zellen und sind beim Menschen von Hautkrankheiten bis Krebs an einer Reihe von Krankheiten beteiligt. Interessant sind auch die Stinkdrüsen des Käfers, die die Fliege nicht hat. „Wir kennen jetzt über 50 Gene, die die genetische Grundlage dieser Drüsen bildet“, so der Göttinger Biologe Prof. Dr. Ernst Wimmer.

„Wir wollen nun herausfinden, wie ein Insekt ein Gift produzieren kann, ohne sich selbst zu vergiften. Dabei haben wir überraschenderweise ein Enzym entdeckt, das die Produktion von Bio-Diesel verbessern könnte.“ Weitere neue Erkenntnisse gewannen sie zur Verpuppung des Mehlkäfers, die wie in den meisten anderen Insekten abläuft, in der Fliege allerdings äußerst untypisch.

Von den insgesamt 16.000 Genen des Reismehlkäfers untersuchten die Forscher mehr als 5.300. Weitere 4.000 Gene werden derzeit analysiert. Um die Gene auszuschalten, verwendeten die Wissenschaftler die sogenannte RNA-Interferenztechnik, deren Entdeckung 2006 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin geehrt wurde.

Originalveröffentlichung: Christian Schmitt-Engel et al. The iBeetle large-scale RNAi screen reveals gene functions for insect development and physiology. Nature Communications 2015. Doi: 10.1038/ncomms8822.


Hinweis an die Redaktionen:
Das Projekt ist Teil einer wichtigen aktuellen Entwicklung in der Genetik: Die Rolle von Genen wird nicht mehr nur an den „Haustieren“ der Genetiker wie beispielsweise der Fruchtfliege untersucht, sondern auch an weiteren Tieren. Hintergrundinformationen dazu sind im Internet unter http://ibeetle.uni-goettingen.de/hintergrund.html zu finden.

Kontaktadresse:
Prof. Dr. Gregor Bucher
Georg-August-Universität Göttingen
Fakultät für Biologie und Psychologie – Abteilung Entwicklungsbiologie
Justus-von-Liebig-Weg 11, 37077 Göttingen, Telefon (0551) 39-5426 oder 0163 / 145 4342
E-Mail: gbucher1@uni-goettingen.de
Internet: wwwuser.gwdg.de/~gbucher1/index.html

Weitere Informationen:

http://ibeetle.uni-goettingen.de/hintergrund.html
http://www.uni-goettingen.de/de/3240.html?cid=5223

Thomas Richter | Georg-August-Universität Göttingen
Weitere Informationen:
http://www.uni-goettingen.de/de/3240.html?cid=5223

Weitere Berichte zu: Fliege Fruchtfliege Fruchtfliege Drosophila Genetik Käfer

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wie Viren ihren Lebenszyklus mit begrenzten Mitteln effektiv sicherstellen
20.02.2017 | Universität zu Lübeck

nachricht Zellstoffwechsel begünstigt Tumorwachstum
20.02.2017 | Veterinärmedizinische Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Im Focus: Sensoren mit Adlerblick

Stuttgarter Forscher stellen extrem leistungsfähiges Linsensystem her

Adleraugen sind extrem scharf und sehen sowohl nach vorne, als auch zur Seite gut – Eigenschaften, die man auch beim autonomen Fahren gerne hätte. Physiker der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Welt der keramischen Werkstoffe - 4. März 2017

20.02.2017 | Veranstaltungen

Schwerstverletzungen verstehen und heilen

20.02.2017 | Veranstaltungen

ANIM in Wien mit 1.330 Teilnehmern gestartet

17.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innovative Antikörper für die Tumortherapie

20.02.2017 | Medizin Gesundheit

Multikristalline Siliciumsolarzelle mit 21,9 % Wirkungsgrad – Weltrekord zurück am Fraunhofer ISE

20.02.2017 | Energie und Elektrotechnik

Wie Viren ihren Lebenszyklus mit begrenzten Mitteln effektiv sicherstellen

20.02.2017 | Biowissenschaften Chemie