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Durchbruch in der Krebsforschung: Immunantworten treiben Tumoren in dauerhaften Wachstumsarrest

10.10.2013
Gut 40 Jahre nachdem der ehemalige US-Präsident Richard Nixon den „War on cancer“ ausgerufen hatte, stellen neueste Forschungsergebnisse den klassischen Ansatz der Krebsbekämpfung, der exklusiv auf Zerstörung beruht, in Frage.

Dem Forscherteam um Professor Martin Röcken der Universitäts-Hautklinik Tübingen gelang es, mit Hilfe von Immunantworten Krebszellen so in einen Dauerschlaf zu versetzen, dass sie in ihrem Wachstum vollständig angehalten wurden.


Abbildung | Rot gefärbt sind ehemals bösartige Tumorzellen, Melanomzellen, die im Rahmen der natürlichen Immunkontrolle in den dauerhaften Wachstumsarrest, die Seneszenz übergegangen sind.

Braumüller H. et al., 2013, Nature 494: 361-365

Dieser Zustand des Wachstumsarrestes wird wissenschaftlich Seneszenz genannt und domestiziert den Krebs, ohne die Tumorzellen aktiv zerstören zu müssen. Dies ebnet so langfristig den Weg zu einer nebenwirkungsarmen Krebstherapie.

Hunderte von Milliarden wurden in den letzten Jahrzehnten in Programmorientierte Forschung (POF) investiert mit dem Ziel in kurzer Zeit den Krebs durch das Zerstören von Tumorzellen zu besiegen. „Zahlreiche sehr wichtige, teils geniale Erfolge verbesserten das Verständnis für die Entstehung und die Diagnostik von Krebs. Erstaunlicherweise stammen viele der wichtigsten Erfolge jedoch nicht aus der POF.

Die wichtigsten Ergebnisse sind die Folge einer kompetitiven Einzelförderung – wie sie die Wilhelm Sander-Stiftung gewährt“, zieht Professor Röcken Bilanz. Zwar habe die POF einige wichtige Aspekte vieler Krebserkrankungen zu Tage gebracht, doch der eigentliche durch die POF versprochene Sieg gegen den Krebs sei ausgeblieben. „Das POF-Ziel der einseitig auf Zerstörung ausgerichteten Strategie des ‚War on Cancer’ wird damit zunehmend in Frage gestellt“, so Professor Röcken.

Die Tübinger Wissenschaftler wiesen in ihrem Forschungsprojekt erstmalig nach, dass Immunantworten Tumoren und Tumorzellen in einen Dauerschlaf versetzen können. Dieser Arrest wird wissenschaftlich als Seneszenz bezeichnet. Er macht „Tumoren zu alt zum Wachsen“, wie es die Sunday Times betitelte. Dieser Dauerschlaf führt dazu, dass Tumoren ihre gefährliche Eigenschaft des unbegrenzten Wachsens verlieren. Mittels Immuntherapie lässt sich so das Entstehen von Tumoren verhindern, ohne Tumorzellen aktiv zu zerstören.

Zwei in der Krebstherapie und Infektionsimmunologie bestens bekannte Signalstoffe rückten dazu erneut ins Zentrum der Tumormedizin - die Interferone und der Tumor Nekrose Faktor. Immer wieder versuchten Forscher und Kliniker mit diesen Stoffen und anderen Techniken Tumorzellen oder deren zuführende Gefäße zu zerstören. So ging zunächst auch das Team der Universitäts-Hautklinik Tübingen vor. Überraschend fanden die Forscher anhand eines Modelltumors, der ähnlich wie Tumoren des Menschen wächst, heraus, dass bestimmte Kombinationen dieser beiden Botenstoffe die Tumorentwicklung stoppen, ohne den Tumor zu zerstören. Das gemeinsame Wirken der beiden Botenstoffe bringt auch menschliche Tumoren zu einem dauerhaften Wachstumsstillstand. Ein weiteres Ergebnis ist, dass sich der menschliche Körper ganz natürlich durch Seneszenz vor bösartigen Tumoren schützt. Denn Seneszenz ist in bösartigen Tumoren des Menschen nachweisbar, wenn diese sich im Rahmen einer natürlichen Immunantwort bereits zurückgebildet hatten (1).

Diese neue Erkenntnis bringt die Krebsforschung dem Ziel der lebensverlängernden, möglichst nebenwirkungsarmen Krebstherapie ein ganzes Stück näher. „Im Fokus steht, dem Körper wieder die Immunkontrolle über den Krebs zurückzugeben“, erklärt Professor Röcken abschließend.

Die Wilhelm Sander-Stiftung förderte dieses Forschungsprojekt mit insgesamt 525.000 Euro. Stiftungszweck ist die Förderung der medizinischen Forschung, insbesondere von Projekten im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden insgesamt über 190 Millionen Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

(1) siehe Braumüller H. et al., 2013, Nature 494: 361-365

Kontakt:
Prof. Dr. Martin Röcken, Universitäts-Hautklinik Tübingen
Tel: +49 (0)7071 29 84574, E-Mail: mrocken@med.uni-tuebingen.de

Mareen Dubinin | idw
Weitere Informationen:
http://www.wilhelm-sander-stiftung.de

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