Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Dresdner Forscher identifizieren wesentlichen Akteur bei der Entstehung der Multiplen Sklerose

13.11.2014

Ein Team aus Neurologen und Immunologen der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus sowie Kollegen der Neuropathologie des Universitätsklinikums Göttingen hat eine Zelle identifiziert, die eine wichtige Bedeutung bei der Entstehung der Multiplen Sklerose (MS) haben könnte.

Bislang lag das Augenmerk der Wissenschaftler hauptsächlich auf den T-Zellen und ihren Wechselwirkungen. Jetzt ist es gelungen, in der Kausalkette einen Schritt zurück zu gehen. Sogenannte slan dendritische Zellen (slanDC) sind an der Aktivierung der T-Zellen im Gehirn beteiligt und tragen so zur MS-assoziierten Autoimmunreaktion bei.


Katja Thomas, Arbeitsgruppenleiterin am Neuroimmunologischen Labor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Dresden. Foto: Stephan Wiegand, Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus

Das Forscherteam konnte am Menschen nachweisen, dass die Anzahl der slanDC im Gewebe höher ist, je stärker die Entzündungen im Gehirn fortgeschritten sind. Wenn wir die einzelnen Akteure genau kennen, ist es möglich, wirksame MS Therapien anzubieten“, sagt Katja Thomas, Arbeitsgruppenleiterin am Neuroimmunologischen Labor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Dresden.

“Unsere Immunologen haben Antikörper gegen menschliche dendritische Zellen hergestellt. Als man dann die Antikörper aufgereinigt hat, war ein Antikörper dabei, der eine Zelle markierte, die man zuvor nicht kannte.“ Was so gefunden wurde, war eine dendritische Zelle mit besonderen Eigenschaften, um zum Beispiel in einem hohem Maße T- Zellen zu dirigieren.

In früheren Studien haben Dresdner Immunologen beschrieben, dass beim Menschen diese slan dendritischen Zellen ausgesprochen entzündungsfördernde Eigenschaften besitzen. So aktivieren slanDCs die Produktion großer Mengen an verschiedenen proinflammatorischen Zytokinen und fördern das Ausdifferenzieren von T-Zellen, die bei vielen entzündlichen Prozessen eine wesentliche Rolle spielen.

Es wurden Ansammlungen von slanDCs in betroffenen Geweben von Patienten mit rheumatoider Arthritis, Psoriasis und Lupus erythematosus nachgewiesen. Jedoch war und ist wenig über die Beteiligung der humanen dendritischen Zellen in der Pathogenese der Multiplen Sklerose bekannt. Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus hatten nun die Idee, slan dendritische Zellen hinsichtlich ihrer Rolle auch bei weiteren autoimmunen Erkrankungen zu überprüfen.

„Im Laienbereich kann man sich immer die Ähnlichkeit wesentlicher immunologischer Prozesse bei Schuppenflechte und MS nicht vorstellen, Gehirn und Haut, die sind doch nicht auf den ersten Blick ähnlich. Aber von der Immunologie her sind die Erkrankungen relativ vergleichbar. Deshalb lag es für uns nahe, dass wir da auch mal genauer nachsehen.“ – so Professor Tjalf Ziemssen, Inhaber der Professur für klinische Neurowissenschaften und Leiter des MS-Zentrums am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus.

Er untersucht mit seiner Kollegin Katja Thomas schon länger den Einfluss der dendritischen Zellen auf die Multiple Sklerose. „Während man früher vorwiegend die T-Zellen im Blick hatte, weiß man inzwischen, dass die dendritischen Zellen doch mehr Einfluss in der Pathogenese der MS haben, als man dies bisher angenommen hat.“

Die T-Zellen benötigen ein Signal, um aktiviert zu werden, beispielsweise durch dendritische Zellen wie slanDC. Jetzt sollte also der Fokus verstärkt auf diese, den T-Zellen „vorgeschalteten“ dendritischen Zellen, gelegt werden: Haben sie auch Einfluss im Rahmen der Multiplen Sklerose? Wandern sie in das zentrale Nervensystem? Genau das ist der Fall - je stärker die Hirnentzündung, umso intensiver werden diese Zellen dort angereichert. Zudem konnte das Team zeigen, dass bereits bekannte Therapien einen direkten Einfluss auf die dirigierenden und entzündungsfördernden Eigenschaften der slanDCs haben.

Eine Entdeckung, welche die MS-spezifische Therapie beeinflussen kann. Denn bei vielen Medikamenten konnte man bislang nicht im Detail erklären, warum sie einen Behandlungserfolg bringen. Manche Hinweise konnten gewonnen werden, deshalb geben sich Katja Thomas und Tjalf Ziemssen durchaus optimistisch, was neue Therapieansätze angeht:

„Wir gehen in die Steuerzentrale zurück. Wir versuchen in der Therapie nicht mehr unbedingt die Immunsuppression, sondern Ziel ist jetzt eine Modulation.“ Die beiden Wissenschaftler glauben, dass eine gezielte Therapie, die an den dendritischen Zellen ansetzt, besser steuerbar, aber gleichzeitig effektiv sein kann. Das Ganze wird sicherlich noch Zeit in Anspruch nehmen, aber der Ansatz - Therapien nicht generell auf das Immunsystem auszulegen, sondern nur auf bestimmte Untergruppen der Immunzellen, ist gegeben und kann in den nächsten Jahren zum Standard in der MS-Therapie werden.

Fazit: Die Ansammlung von slanDCs in hoch entzündlichen MS-Läsionen des Gehirns und ihre Anwesenheit im Liquor zeigen, dass slanDCs eine wichtige Rolle in der Immunpathogenese der Multiplen Sklerose spielen. Die Verringerung der im Blut zirkulierenden slanDCs und die Hemmung von entzündungsfördernden Eigenschaften durch Methylprednisolon und Interferon-beta können auf die therapeutische Wirksamkeit dieser Medikamente bei MS-Patienten hinweisen. Durch die bessere Kenntnis der Ursachen wollen die Wissenschaftler spezifizierte und gezieltere Therapien mit geringeren Nebenwirkungen entwickeln.

Das Multiple-Sklerose-Zentrum der Hochschulmedizin Dresden: Heute behandeln die Neurologen an dem 2007 gegründeten Multiple-Sklerose-Zentrum der Klinik und Poliklinik für Neurologie mehr als 1400 Patienten pro Jahr. Als eine der bundesweit größten und renommiertesten Einrichtungen dieser Art verknüpft das Zentrum die ambulante medizinische Versorgung der Patienten mit einem umfangreichen psychosozialen Beratungsangebot und einer regen Forschungstätigkeit. Dieser gelebte Dreiklang begründet seinen guten Ruf – unter Patienten ebenso wie unter Ärzten und Wissenschaftlern. Durch die enge Verknüpfung von Krankenversorgung und Forschung können schwerstbetroffenen Patienten die innovativsten Therapien angeboten werden.

Publikation:
Accumulation and therapeutic modulation of 6-sulfo LacNAc+ dendritic cells in multiple sclerosis - Katja Thomas, MD, Kristin Dietze, MD, Rebekka Wehner, PhD, Imke Metz, MD, Hayrettin Tumani, MD, Thorsten Schultheiß, MD, Claudia Günther, MD, Knut Schäkel, MD, Heinz Reichmann, MD, Wolfgang Brück, MD, Marc Schmitz, MD and Tjalf Ziemssen, MD: doi: 10.1212/NXI.0000000000000033, in Neurology: Neuroimmunology & Neuroinflammation, September 1, 2014 vol. 1 no. 3

Kontakt:
Technische Universität Dresden
Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus
Öffentlichkeitsarbeit und Marketing
Tel.: +49 0351 458 5486
E-Mail: oeffentlichkeitsarbeit.medizin@tu-dresden.de
Internet: http://tu-dresden.de/med/ 

Konrad Kästner | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Basis für neue medikamentöse Therapie bei Demenz
27.07.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Biochemiker entschlüsseln Zusammenspiel von Enzym-Domänen während der Katalyse
27.07.2017 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Physiker designen ultrascharfe Pulse

Quantenphysiker um Oriol Romero-Isart haben einen einfachen Aufbau entworfen, mit dem theoretisch beliebig stark fokussierte elektromagnetische Felder erzeugt werden können. Anwendung finden könnte das neue Verfahren zum Beispiel in der Mikroskopie oder für besonders empfindliche Sensoren.

Mikrowellen, Wärmestrahlung, Licht und Röntgenstrahlung sind Beispiele für elektromagnetische Wellen. Für viele Anwendungen ist es notwendig, diese Strahlung...

Im Focus: Physicists Design Ultrafocused Pulses

Physicists working with researcher Oriol Romero-Isart devised a new simple scheme to theoretically generate arbitrarily short and focused electromagnetic fields. This new tool could be used for precise sensing and in microscopy.

Microwaves, heat radiation, light and X-radiation are examples for electromagnetic waves. Many applications require to focus the electromagnetic fields to...

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Basis für neue medikamentöse Therapie bei Demenz

27.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Aus Potenzial Erfolge machen: 30 Rittaler schließen Nachqualifizierung erfolgreich ab

27.07.2017 | Unternehmensmeldung

Biochemiker entschlüsseln Zusammenspiel von Enzym-Domänen während der Katalyse

27.07.2017 | Biowissenschaften Chemie