Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Doppelwirkung von immunmodulierenden Medikamenten

14.05.2014

Arzneimittel gegen rheumatisch entzündliche Erkrankungen und Hautkrebs beeinflussen die Knochengesundheit

Entzündungshemmende Medikamente, die zur Behandlung von rheumatoider Arthritis eingesetzt werden, sowie Präparate, die die Immunreaktion steigern und zur Therapie von Melanomen (schwarzen Hautkrebs) verabreicht werden, schützen beziehungsweise schädigen das Knochengerüst.


Medikamente, die bei rheumatoider Arthritis eingesetzt werden, haben noch eine weitere, bisher unbekannte Wirkung.

Foto: Universitätsklinikum Erlangen

Die Aktivierung oder Hemmung eines körpereigenen Enzyms beeinflusst nicht nur Entzündungsreaktionen, sondern auch die Anzahl der knochenfressenden Zellen. Dies haben Wissenschaftler der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sowie des Universitätsklinikums Erlangen beobachtet. Ihre Ergebnisse haben sie im Fachjournal Science Translational Medicine veröffentlicht.*

Die meisten Vorgänge im menschlichen Körper werden von Enzymen kontrolliert. In experimentellen Untersuchungen und anhand der Datenauswertung von Patienten, die an rheumatoider Arthritis oder einem Melanom (schwarzem Hautkrebs ) erkrankt waren, fanden die Forscher heraus, dass die Aktivierung oder Hemmung des körpereigenen Enzyms IDO (Indolamin-2,3-Dioxygenase) nicht nur Entzündungsreaktionen stoppt bzw. steigert, sondern auch die Anzahl der knochenfressenden Zellen beeinflusst.

„IDO ist für das Immunsystem und den Knochen von entscheidender Bedeutung“, betont Prof. Dr. Aline Bozec, Medizinische Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie am Universitätsklinikum Erlangen und Leiterin der internationalen Arbeitsgruppe.

Im menschlichen Körper stellt IDO das wichtigste Enzym für den Abbau der Aminosäure Tryptophan in die Hormone Serotonin und Melatonin dar. Die Aminosäure kann nicht vom Körper selbst gebildet werden, sondern muss durch Nahrungsmittel, wie z.B. Schokolade, aufgenommen werden.

„Wir konnten zeigen, dass Medikamente, die das Enzym IDO anregen, knochenfressende Zellen im Körper hemmen und somit den Knochen schützen“, erklärt Prof. Dr. Bozec. Solche Arzneimittel werden aktuell gegen überschießende Immunreaktionen, wie bei Arthritis oder gegen Abstoßungsreaktionen nach Transplantationen, eingesetzt.

Die Präparate ahmen dabei das körpereigene Eiweiß CTLA-4 nach, regen das Enzym IDO an, wodurch die Anzahl der knochenfressenden Zellen, der sogenannten Osteoklasten, reduziert wird, und schützen so den Knochen. Dass durch die Aktivierung von IDO der Knochenabbau gemindert wird, war bisher unbekannt. Im gesunden Körper halten sich knochenbildende Osteoblasten die Waage mit knochenabbauenden Osteoklasten.

„Diese medikamentöse Regulierung des Immunsystems erweitert unser Wissen über die Wirkungsweisen von immununterdrückenden Medikamenten gegen entzündliche Knochen- und Gelenkerkrankungen und Osteoporose“, erklärt Prof. Dr. Georg Schett, Direktor der Medizinische Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie am Universitätsklinikum Erlangen.

Ins Visier der Forscher gelangte damit auch ein Krebsmedikament, welches zur Behandlung des schwarzen Hautkrebses eingesetzt wird. „Wir können beim metastasierten Melanom zum Teil verblüffende Behandlungserfolge mit Hemmern von CTLA-4 erreichen“, erklärt Prof. Dr. Lucie Heinzerling von der Hautklinik (Direktor: Prof. Dr. Gerold Schuler), die ebenfalls an der Studie beteiligt war.

Ziel dieser Medikamente ist es, die Immunantwort zu steigern. „Wir haben vermutet, dass IDO eine Rolle bei der Wirkung gegen Tumore in der Behandlung mit CTLA-4-Hemmern spielt. Sie reduzieren die Aktivität des Enzyms. Gleichzeitig wird die Anzahl der knochenabbauenden Zellen erhöht. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis und langfristig für die Behandlung unserer Patienten von großem Interesse“, hebt Prof. Dr. Heinzerling hervor.

Mit dieser Arbeit ist es Prof. Dr. Aline Bozec, die ihre Karriere an führenden Krebsforschungszentren in Wien und Madrid begann, gelungen, einen wesentlichen Kommunikationsweg zwischen Immunsystem, Tumor und Knochen im menschlichen Körper aufzudecken. Gleichzeitig sind die Ergebnisse ein Erfolg der stark translationalen Forschungsausrichtung der Medizinischen Fakultät der FAU.

* doi: 10.1126/scitranslmed.3007764

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Aline Bozec
Tel.: 09131/85-39109
aline.bozec@uk-erlangen.de

Blandina Mangelkramer | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut
20.10.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Aus der Moosfabrik
20.10.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise