Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Domestikation reduziert genetische Vielfalt des väterlichen Chromosoms

26.08.2011
Moderne Hauspferde besitzen variables Mitochondrienerbgut und konserviertes Y-Chromosom

Unsere heutigen Hauspferde unterscheiden sich wesentlich in den geschlechtsspezifischen Abschnitten ihres Erbgutes: Im Gegensatz zur Variabilität im mütterlich vererbten Mitochondrium ist die Vielfalt im männlichen vererbten Y-Chromosom bei Hauspferden weitgehend verloren gegangen.


Das einzige bis heute überlebende Wildpferd ist das Przewalski-Pferd. Es stammt ursprünlich aus Zentralasien und wurde in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts zuletzt in Freiheit beobachtet. Bis heute leben einige Tiere dieser Wildpferdeart unter menschlicher Obhut weiter. © Wikipedia BS Thurner

Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersuchten nun gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam das Y-Chromosom von acht fossilen Wildpferden aus der Eiszeit und einem 2.800 Jahre alten frühdomestizierten Pferd und verglichen sie mit dem Erbgut heutiger Pferde. Dabei fanden sie heraus, dass die wilden Vorfahren des Hauspferdes eine ansehnliche Y-Chromosom-Vielfalt zeigten.

Rind, Schaf und Hund haben eine interessante Gemeinsamkeit: Wie einige andere heute lebende Säuger zeigen sie eine geringe oder gar keine Variabilität in dem vom Vater vererbten Y-Chromosom im Vergleich zum restlichen Genom. Während das mitochondriale, mütterliche Erbgut bei ihnen sehr unterschiedlich sein kann, ist das Y-Chromosom ähnlich oder gar gleich. Das ist auch bei den heute lebenden Hauspferden der Fall.

Michael Hofreiter und Sebastian Lippold vom MPI für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihre internationalen Kollegen untersuchten wie dieser Rückgang in der genetischen Vielfalt des Y-Chromosoms zu erklären ist. Sie analysierten als Erste die Y-chromosomalen DNA-Sequenzen von 15.000 bis 47.000 Jahre alten Wildpferden und einem 2.800 Jahre alten bereits domestizierten Pferd. Diese verglichen sie mit DNA-Sequenzen von 52 Hauspferden und Przewalski-Pferden, den einzig bis heute überlebenden Wildpferden. Vorherige Studien, in denen nur die mitochondriale DNA, also das mütterliche Erbgut, erforscht wurde, konnten die Ursprünge des modernen Hauspferdes nicht klären.

Die Forscher zeigten nun, dass Wildpferde im Gegensatz zu ihren domestizierten Artgenossen verschiedene Versionen des Y-Chromosoms besaßen. Die Vermutung, dass die geringe Diversität des Y-Chromosom bereits bei Wildpferden vorhanden war, ist damit widerlegt. „Unsere Ergebnisse unterstützen daher die Annahme, dass die geringe genetische Vielfalt bei Hauspferden eine Konsequenz des Domestikationsprozesses ist“, sagt Lippold.

Bereits vor 5.500 Jahren wurden die ersten Pferde domestiziert. Die Überreste des frühdomestizierten Pferdes, das die Wissenschaftler analysierten, stammten aus einem Skythengrab. Dem antiken Nomadenvolk aus Zentralasien wurden Pferde als Grabbeigabe zugegeben. Die Forscher fanden heraus, dass das Y-Chromosom des 2.800 Jahre alten Skythenpferdes dem von modernen Pferden ähnlicher ist, als die Varianten des männlichen Erbguts, welche sie in Wildpferden fanden. Dies ist ein Hinweis darauf, dass mehrere tausend Jahre nach Beginn der Domestikation zumindest diese zwei Varianten existierten und somit eine höhere Diversität als in heutigen Hauspferden bestand.

Sebastian Lippold
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon: +49 341 3550-527
E-Mail: sebastian_lippold@eva.mpg.de
Originalveröffentlichung
Sebastian Lippold, Michael Knapp, Tatiana Kuznetsova, Jennifer A. Leonard, Norbert Benecke, Arne Ludwig, Morten Rasmussen, Alan Cooper, Jaco Weinstock, Eske Willerslev, Beth Shapiro & Michael Hofreiter
Discovery of lost diversity of paternal horse lineages using ancient DNA
Nature Communications, 23. August 2011

Sebastian Lippold | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/4403058/Domestikation_genetische_Vielfalt_Y-Chromosom

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress
23.02.2018 | Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)

nachricht Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren
23.02.2018 | Max-Planck-Institut für molekulare Genetik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics