Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Menschenaffen mit den unglaublichen Singkünsten

08.04.2014

Gibbons sind Menschenaffen wie Schimpansen und Gorillas. Dennoch sind sie kaum bekannt. Die neue Sonderausstellung «Gibbons – die singenden Menschenaffen» im Anthropologischen Museum der Universität Zürich stellt die Tiere, ihren beeindruckenden Gesang, ihre Kletterkünste vor und macht auf ihre prekäre Lage aufmerksam: Früher verehrt, sind heute beinahe alle Arten sind vom Aussterben bedroht. Die Ausstellung öffnet am 10. April ihre Pforten.

Lautes Heulen, ein kehliges Flöten, rhythmisches Stakkato, Melodien in aufsteigenden und fallenden Tonhöhen – ein Lied höchst exotischer Art singen die Gibbons im südostasiatischen Dschungel bei Tagesanbruch.


Ein Siamang-Paar beim Duettgesang.

Bild: Thomas Geissmann


Ein erwachsener Weisshandgibbon beim Schwinghangeln.

Bild: Thomas Geissmann

Die territorialen Morgengesänge dieser Menschenaffen gehören zu den spektakulärsten Rufen unter den Säugetieren und gelten als bestes Modell für die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Musik. Die Gibbons sind nämlich dem Homo sapiens nach den Schimpansen, Gorillas und Orang Utans verwandter als alle anderen Primaten.

Doch im Gegensatz zu ihren grossen Verwandten ist in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt über diese kleinen Menschenaffen, die sich in den Baumwipfeln des Urwalds tummeln. Die neue Sonderausstellung im Anthropologischen Museum der Universität Zürich ist den Gibbons gewidmet, die mit ihren 19 Arten rund 70 Prozent der Menschenaffen ausmachen, weltweit aber vom Aussterben bedroht sind.

«Die Ausstellung soll die faszinierenden Tiere vorstellen und die Besuchenden in die unbekannte Welt der Gibbons entführen», sagt Primatenforscher und Projektverantwortlicher Thomas Geissmann.

Effizientes Hangeln von Ast zu Ast

Auch abgesehen vom Gesang, mit dem sie sich im dichten Blätterwerk verständigen und in Duetten ihre Beziehung pflegen, sind die Gibbons in vieler Hinsicht einzigartig unter den Menschenaffen. So leben sie in kleinen Familiengruppen, bestehend aus einem erwachsenen Elternpaar sowie ein bis drei seiner Jungtiere. Diese monogame Gruppenstruktur kommt nur bei rund drei Prozent aller Säugetiere vor. Die Kleinfamilien bewohnen die Kronenregion der Urwaldbäume, wo sie sich hauptsächlich von Früchten und Blättern ernähren.

«Um diesen Lebensraum einzunehmen, haben die Gibbons ihre Fortbewegungen verglichen mit anderen Primaten hochgradig spezialisiert», erklärt Geissmann. Die rund fünf bis zwölf Kilo schweren Gibbons beherrschen das sogenannte Schwinghangeln perfekt: Es ist nicht nur energiesparend, sich mit den Armen von Ast zu Ast zu hangeln, sondern es erweitert ihren Bewegungsspielraum erheblich. «Während andere Affenarten sich zum Essen auf einen Ast setzen müssen, kann der Gibbon zusätzlich unter dem Ast hängend Früchte erreichen und verzehren», erklärt Geissmann. Der kleine Affe kann zudem auf den Ästen stehen und so aufrecht gehen wie kein anderer Menschenaffe.

Verehrt und trotzdem beinahe ausgerottet

Die Ausstellung beleuchtet auch die ambivalente Beziehung des Menschen zu diesen Tieren: Einerseits waren die Gibbons die ersten Menschenaffen, die eine wichtige Rolle in der menschlichen Kultur spielten und in China seit mehr als 2000 Jahren Eingang in Literatur und Malerei fanden. Sie wurden als Symbol für die Verbindung zwischen Mensch und Natur verehrt, da die Affen scheinbar menschliche Gestalt annehmen könnten. Gar vermutete man, dass Gibbons unsterblich seien, da sie durch ihren Gesang besonders viel «Qi» – nach daoistischer Philosophie also Lebensatem – erlangten.

Andererseits sind diese Menschenaffen vom Aussterben bedroht, weil der Mensch ihren Lebensraum zerstört, die Wälder abholzt und die Tiere jagt, um sie zu verzehren, als Haustiere zu verkaufen oder zu traditioneller «Medizin» zu verarbeiten. «Heute haben die Gibbons in China 99 Prozent ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes verloren», sagt Geissmann. Ältere Malereien und Gedichte der Verehrung ermöglichen heute die Rekonstruktion früherer Siedlungsgebiete in China. Ähnlich problematisch sieht die Situation in den anderen Ländern aus, in denen Gibbons vorkommen, zum Beispiel Bangladesch, Thailand, Kambodscha, Vietnam, Laos oder Indonesien. Gemäss Roter Liste der «World Conservation Union» sind weltweit 18 von 19 Gibbonarten bedroht, vier davon kritisch. Mit dieser Ausstellung hofft Thomas Geissmann, der die Tiere seit Jahren in Asien erforscht, auf die Gefährdung dieser Menschenaffen aufmerksam zu machen.

«Gibbons – die singenden Menschenaffen»
Neue Sonderausstellung im Anthropologischen Museum der Universität Zürich
www.aim.uzh.ch

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 12:00 – 18:00 Uhr, Eintritt frei

Museum der Anthropologie, Universität Zürich, Winterthurerstrasse 190, Standort Irchel, 8057 Zürich

Begleitheft zur Ausstellung:
Bestellbar unter museum@aim.uzh.ch; CHF 10

Führung: Anmeldung unter: http://www.aim.uzh.ch/Museum/fuehrungen.html

Weitere Informationen:

http://www.mediadesk.uzh.ch/index.html

Bettina Jakob | Universität Zürich

Weitere Berichte zu: Gefährdung Gesang Gibbons Gorillas Haustiere Heulen Homo Jungtiere Lebensraum Menschenaffen Orang Siamang

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der Buche in die Gene schauen - Vollständiges Genom der Rotbuche entschlüsselt
11.12.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

nachricht Mit den Augen der Biene: Zoologe der Uni Graz entwickelt Verfahren zur Verbesserung dunkler Bilder
11.12.2017 | Karl-Franzens-Universität Graz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Im Focus: Realer Versuch statt virtuellem Experiment: Erfolgreiche Prüfung von Nanodrähten

Mit neuartigen Experimenten enträtseln Forscher des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und der Technischen Universität Hamburg, warum winzige Metallstrukturen extrem fest sind

Ultraleichte und zugleich extrem feste Werkstoffe – poröse Nanomaterialien aus Metall versprechen hochinteressante Anwendungen unter anderem für künftige...

Im Focus: Geburtshelfer und Wegweiser für Photonen

Gezielt Photonen erzeugen und ihren Weg kontrollieren: Das sollte mit einem neuen Design gelingen, das Würzburger Physiker für optische Antennen erarbeitet haben.

Atome und Moleküle können dazu gebracht werden, Lichtteilchen (Photonen) auszusenden. Dieser Vorgang verläuft aber ohne äußeren Eingriff ineffizient und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Goldmedaille für die praktischen Ergebnisse der Forschungsarbeit bei Nutricard

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Nachwuchs knackt Nüsse - Azubis der Friedhelm Loh Group für Projekte prämiert

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Mit 3D-Zellkulturen gegen Krebsresistenzen

11.12.2017 | Medizin Gesundheit