Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Coole Hamster leben länger

16.09.2011
Ein bisschen Trägheit kann von Vorteil sein, zumindest wenn es darum geht das Altern zu verlangsamen. Wissenschafter der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Torpor (Kältestarre) und der Länge der Telomere, spezieller Abschnitte der Erbsubstanz, in einer Studie an Dsungarischen Zwerghamstern gefunden. Ihre Ergebnisse wurden in der aktuellen Ausgabe des Journales der Royal Society Biology Letters veröffentlicht.

Der dsungarische Zwerghamster (Phodopus sungorus), benannt nach seiner Herkunftsregion im nordwestlichen China, ist gut an die klimatischen Bedingungen seines Lebensraumes in der Steppe angepasst. Eine Möglichkeit, die Winterkälte zu überstehen, ist der Einsatz spontaner Torpor-Episoden, wobei die Stoffwechselrate kurzfristig verlangsamt und die Körpertemperatur gesenkt wird.

Dies ermöglicht es den Tieren, Ressourcen zu sparen. Christopher Turbill und seine Kolleginnen und Kollegen am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie (FIWI) der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben nun gezeigt, dass solche Torporzustände von Hamstern sich auch positiv auf die Länge ihrer Telomere auswirken.

Telomere sind wiederholte DNA-Abschnitte; sie schützen die Enden der Chromosomen gegen Abnutzung und Verschleiß. Frühere Studien, darunter auch einige am Menschen, haben einen Zusammenhang zwischen der Erhaltung der Telomere und der verbleibenden Lebenserwartung des Organismus festgestellt. Durch den Alterungsprozess werden Telomere mit der Zeit kürzer, ein Prozess, der durch oxidativen Stress weiter vorangetrieben wird, durch Reparaturprozesse aber auch gemildert und sogar umgekehrt werden kann. Verkürzte Telomere gefährden nachweislich den Fortpflanzungserfolg und verringern die Überlebenschancen.

Kühl erhält jung

Experten mutmaßten, dass der Einsatz von natürlicher Hypothermie (entweder durch Winterschlaf oder tägliche Torporepisoden) das Altern verlangsamen könnte. Die FIWI Forscher hatten erstmalig die Idee, Längenveränderungen der Telomere zu messen, um diese Hypothese zu testen. Die Wissenschafter erzeugten künstlich „Winterstimmung“ bei den Hamstern, indem sie im Labor die Dauer des Tageslichts verkürzten und zwei Hamstergruppen 180 Tage lang entweder warmen oder kalten Umgebungstemperaturen aussetzten. Aus der unter der Haut gemessenen Körpertemperatur wurde ein Index der Torportiefe, also des Ausmaßes der Absenkung der Temperatur bei den Hamstern ermittelt. Am Anfang und am Ende des Versuchs untersuchten die Forscher DNA-Proben von jedem Hamster und bestimmten die Veränderungen der Telomerlängen.

Zu Beginn des Experiments waren die Telomere bei beiden Hamstergruppen ungefähr gleich lang, doch am Ende des Untersuchungszeitraumes wiesen fast alle in der Kälte gehaltenen Hamster erhöhte Telomerlängen auf. Diese Hamster zeigten auch am häufigsten tiefen Torpor. Eine statistische Analyse ergab, dass die einflussreichsten Faktoren nicht die Nahrungsaufnahme (ein Index des Energiestoffwechsels, der eigentlich in der kälteexponierten Gruppe höher war), sondern die Körpermasse und die Häufigkeit und Tiefe von Torporepisoden waren.

Der Zusammenhang zwischen Torporhäufigkeit und Telomerlänge unterstützt die Hypothese der Autoren, dass Torpor mit einer langsameren Alterungsrate verbunden ist. Gründe dafür sind möglicherweise, dass der Zellmetabolismus durch Torpor verlangsamt und/oder die zelluläre Widerstandsfähigkeit erhöht wird.

Erstautor Christopher Turbill erklärt: „Es scheint, dass tägliche Torporepisoden nicht nur der Energieeinsparung im Winter dienen, sondern auch die physiologischen Prozesse der biologischen Alterung verlangsamen. So schaffen die kleinen Nagetiere es, die lange Wintersaison bis zur nächsten Fortpflanzungsgelegenheit im folgenden Frühjahr in einem relativ jugendlichen Zustand zu überbrücken. Das ist wichtig für diese kurzlebigen Tiere. Dieser Effekt könnte auch ein wichtiger Grund für die Entwicklung der natürlichen Hypothermiezustände, wie täglicher Torpor und Winterschlaf, sein.“

Die Studie “Daily torpor is associated with telomere length change over winter in Djungarian hamsters” von Christopher Turbill, Steve Smith, Caroline Deimel und Thomas Ruf wurde im Royal Society Journal “Biology Letters” veröffentlicht.

Rückfragehinweis:
Ao.Univ.Prof. Dr. Thomas Ruf
T +43 1 4890915-150
thomas.ruf@vetmeduni.ac.at

Beate Zöchmeister | idw
Weitere Informationen:
http://www.vetmeduni.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Sollbruchstellen im Rückgrat - Bioabbaubare Polymere durch chemische Gasphasenabscheidung
02.12.2016 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht "Fingerabdruck" diffuser Protonen entschlüsselt
02.12.2016 | Universität Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie