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Cleverer Propellertausch bei Meeresbakterien

22.06.2015

Flagellen bei Roseobacter über spezielle Plasmide vererbt

Bakterien der Roseobacter-Gruppe sind erfolgreiche Erstbesiedler von Oberflächen und gelten als Schlüsselorganismen des marinen Ökosystems. Sie verfügen über einen ungewöhnlich vielfältigen Stoffwechsel und effiziente Überlebensstrategien.


Anheftung mariner Bakterien aus der Roseobacter-Gruppe an Oberflächen wird häufig über Biofilm-Plasmide vermittelt. SEM-Bild von Phaeobacter inhibens und Dinoflagellat Prorocentrum minimum.

Provided by Manfred Rohde und Jörn Petersen

Die Meeresbakterien können wichtige genetische Eigenschaften wie die Fähigkeit zur Fotosynthese oder Biofilm-Bildung durch plasmidvermittelten Gen-Transfer über die Artgrenze hinweg austauschen.

Wissenschaftler am Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH konnten jetzt für den Roseobacter-Vertreter Marinovum algicola exemplarisch zeigen, dass sogar funktionelle Flagellen über sogenannte Chromide unabhängig vom Bakterienchromosom vererbt und ausgetauscht werden.

Der horizontale Transfer kompletter Gencluster erlaubt eine schnelle und flexible Anpassung an neue Lebensräume. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden gerade in der Zeitschrift Environmental Microbiology veröffentlicht und sind online verfügbar.

Meeresbakterien der Roseobacter-Gruppe sind von globaler Bedeutung für die Ökologie der Weltmeere. Ein vielfältiger Stoffwechsel und interessante Anpassungsstrategien machen die Bakterien zum wichtigen Forschungsgegenstand. Wissenschaftler des Leibniz-Instituts DSMZ untersuchen die Ursachen des ökologischen Erfolges dieser Bakteriengruppe seit 2010 in einem multidisziplinären Expertenteam im Transregio Sonderforschungsbereich (TRR51) „Roseobacter“.

„Marine Roseobacter gehören zu den ersten Besiedlern von Oberflächen, die sich erst kurze Zeit im Meer befinden“, sagt PD Dr. Jörn Petersen, Genetiker und Evolutionsbiologe an der DSMZ. „Die Bakterien sind durch ihre Flagellen beweglich, können sich somit anheften und bilden auf überflutetem Gestein, Holzstegen und den hochproduktiven Kelp-Wäldern Biofilme. Nachbarschaftliche Konkurrenz halten Roseobacter, wie etwa Phaeobacter inhibens, durch die Bildung eines Antibiotikums in Schach.“

Das Team um Dr. Jörn Petersen und Dr. Silke Pradella hat bereits in früheren Arbeiten gezeigt, dass Vertreter dieser Bakteriengruppe wichtige genetische Eigenschaften, wie z.B. die Fähigkeit zur Fotosynthese, untereinander austauschen können. Dieser horizontale Transfer über die Artgrenze hinweg erfolgt über Plasmide, ringförmige DNA-Moleküle mit einer Größe von bis zu 1 Million Basenpaaren, die sich unabhängig vom Bakterienchromosom vervielfältigen.

Die jüngsten Forschungsarbeiten an der DSMZ deuten nun auf eine weitere wichtige Anpassungsstrategie innerhalb der Roseobacter-Gruppe hin. Das Bakterium Marinovum algicola wurde im Jahr 2003 von einem einzelligen toxischen Dinoflagellaten aus dem Gelben Meer isoliert.
„Bei der Genomsequenzierung von Marinovum fiel uns seine ungewöhnliche genetische Organisation auf“, sagt Jörn Petersen. „Das gesamte Genom ist auf insgesamt zwölf genetische Einheiten - ein Chromosom, drei Plasmide und acht sogenannte „Chromide“ - aufgeteilt. Chromide enthalten wichtige Gene und sind im Gegensatz zu Plasmiden dem Bakterienchromosom auf genetischer Ebene sehr ähnlich.“

Oliver Frank, Doktorand im Team von Jörn Petersen, fand bei seinen Arbeiten heraus, dass die Gene für die Anheftung des Bakteriums an Oberflächen sowie ein komplettes Gencluster mit über vierzig Genen für die Ausbildung des bakteriellen Flagellums auf zwei solcher Chromide liegen. Nach dem gezielten Entfernen dieser extrachromosomalen Elemente konnten die sogenannten „Curing-Mutanten“ keine Biofilme mehr bilden, beziehungsweise waren durch den Flagellen-Verlust unbeweglich.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der bioinformatischen Analysen war, dass aufgrund der kompakten Anordnung der Flagellen-Gene in einem Cluster, welches für die Roseobacter-Gruppe typisch ist, auch so komplexe Strukturen wie funktionelle Flagellen mit Hilfe von Chromiden horizontal übertragen werden können.

„Früher ging man davon aus, dass Bakterien einfache, unstrukturierte Säcke mit Enzymen sind. Die zuverlässige Aufteilung von zwölf genetischen Einheiten bei der Zellteilung von Marinovum algicola erfordert allerdings eine regulatorische Komplexität, die mit der Mitose in Eukaryoten vergleichbar ist“, betont Petersen. “Wir vermuten darüber hinaus, dass die extrachromosomale Lokalisation des Flagellengenclusters für die charakteristische Ausbildung des Flagellums am Zellpol verantwortlich ist, da die Chromide dort nach der Zellteilung angeheftet werden. Diese Hypothese wollen wir in weiteren Forschungsarbeiten zellbiologisch überprüfen.“

Ausgehend von den neuen Erkenntnissen zur Beweglichkeit und Oberflächenanheftung untersucht die Arbeitsgruppe derzeit die Verbreitung und die globale Bedeutung von Biofilm-Plasmiden für die Roseobacter-Gruppe.

Originalpublikation:

Frank O, Göker M, Pradella S, Petersen J. (2015). Ocean's twelve: Flagellar and biofilm chromids in the multipartite genome of Marinovum algicola DG898 exemplify functional compartmentalization. Environmental Microbiology [Epub ahead of print]. doi: 10.1111/1462-2920.12947.

Hintergrundliteratur:

Petersen J, Brinkmann H, Bunk B, Michael V, Päuker O, Pradella S. (2012). Think pink: photosynthesis, plasmids and the Roseobacter clade. Environmental Microbiology 14: 2661-2672.

Petersen J, Frank O, Göker M, Pradella S. (2013). Extrachromosomal, extraordinary and essential - the plasmids of the Roseobacter clade. Applied Microbiology and Biotechnology 97: 2805-2815.

Frank O, Michael V, Päuker O, Boedeker C, Jogler C, Rohde M, Petersen J. (2015). Plasmid curing and the loss of grip--the 65-kb replicon of Phaeobacter inhibens DSM 17395 is required for biofilm formation, motility and the colonization of marine algae. Systematic and Applied Microbiology 38:120-127.

Hinweise für die Medien:
Sie finden diese Pressemitteilung auch auf unserer Internetseite www.dsmz.de unter dem Link https://www.dsmz.de/home/details/entry/cleverer-propellerta.html

Pressebild Bildunterschrift:
Die Anheftung mariner Bakterien aus der Roseobacter-Gruppe an Oberflächen wird häufig über Biofilm-Plasmide vermittelt. Das nachkolorierte elektronenmikroskopische SEM-Bild zeigt den Roseobacter-Vertreter Phaeobacter inhibens DSM 17395 und den Dinoflagellaten Prorocentrum minimum CCMP 1329. Provided by Manfred Rohde and Jörn Petersen.

Wissenschaftlicher Kontakt:
Dr. Jörn Petersen
Leiter Projekt A5 „Plasmide“ Transregio Sonderforschungsbreich (TRR51)
Telefon: +49-531-2616-209
Mail: joern.petersen@dsmz.de


Pressekontakt:
Susanne Thiele
Leiterin Presse und Kommunikation
Leibniz-Institut DSMZ–Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH
Inhoffenstraße 7 B
38124 Braunschweig
Deutschland / Germany
Tel. ++49531-2616-300
Fax ++49531-2616-418
press@dsmz.de

Über das Leibniz-Institut DSMZ
Das Leibniz-Institut DSMZ – Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH ist eine Einrichtung der Leibniz-Gemeinschaft und mit seinen umfangreichen wissenschaftlichen Services und einem breiten Spektrum an biologischen Materialien seit Jahrzehnten weltweiter Partner für Forschung und Industrie. Als einem der größten biologischen Ressourcenzentren seiner Art wurde der DSMZ die Übereinstimmung mit dem weltweit gültigen Qualitätsstandard ISO 9001:2008 bestätigt. Als Patenthinterlegungsstelle bietet die DSMZ die bundesweit einzigartige Möglichkeit, biologisches Material nach den Anforderungen des Budapester Vertrags aufzunehmen. Neben dem wissenschaftlichen Service bildet die sammlungsbezogene Forschung das zweite Standbein der DSMZ. Die Sammlung mit Sitz in Braunschweig existiert seit 42 Jahren und beherbergt mehr als 52.000 Kulturen und Biomaterialien. Die DSMZ ist die vielfältigste Sammlung weltweit: neben Pilzen, Hefen, Bakterien und Archaea werden dort auch menschliche und tierische Zellkulturen sowie Pflanzenviren und pflanzliche Zellkulturen erforscht und archiviert. www.dsmz.de

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Weitere Informationen:

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Susanne Thiele | idw - Informationsdienst Wissenschaft

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