Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bonobos bleiben länger jung

13.12.2013
Im Gegensatz zu Menschen und Schimpansen sinken die Schilddrüsenhormone bei Bonobos erst im späten Erwachsenenalter ab

Schimpansen und Bonobos entwickeln sich trotz ähnlicher Startbedingungen bei der Geburt ganz unterschiedlich. Ursache dafür könnten Unterschiede im Hormonspiegel sein. Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Royal Zoological Society of Antwerp in Belgien haben die Schilddrüsenhormone im Urin von im Zoo lebenden Tieren analysiert.


Bonobo-Baby mit seiner Mutter: Höhere Konzentrationen von Schilddrüsenhormonen im Erwachsenenalter beeinflussen Sozialverhalten und geistige Fähigkeiten dieser Schimpansen-Art.

© MPI f. evolutionäre Anthropologie/ C. Ziegler


Im Gegensatz zu den Bonobos gehen die Schilddrüsenhormone bei Schimpansen in der Pubertät wieder zurück.

© MPI f. evolutionäre Anthropologie/ S. Metzger

Demnach bleiben die Hormone, die bei uns Menschen nur in der Kindheit und Jugend hohe Werte aufweisen und nach der Pubertät absinken, bei Bonobos bis weit ins Erwachsenenalter hinein auf dem hohen Jugendniveau. Bei Schimpansen hingegen nehmen sie nach der Geburt stetig ab. Der spätere Abfall der Schilddrüsenhormone bei Bonobos hat möglicherweise Auswirkungen auf das Verhalten der Tiere und ist darüber hinaus ein Indiz für die verzögerte Entwicklung ihrer geistigen Fähigkeiten.

Die Schilddrüsenhormone Triiodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) beeinflussen die Entwicklung von Menschen und Tieren. Bereits vor der Geburt sind sie an Entwicklungsabläufen beteiligt und spielen eine wichtige Rolle bei der Gehirnentwicklung, dem Körperwachstum und der Fortpflanzung. Umso erstaunlicher ist es, dass über die Bedeutung der Schilddrüsenhormone in der Entwicklung unseren nächsten Verwandten bisher so wenig bekannt ist.

Unterscheiden sich Bonobos und Schimpansen bei der Geburt kaum in ihrem Verhalten, zeigen sich im Erwachsenenalter auffallende Unterschiede. So sind männliche Bonobos weniger aggressiv, pflegen freundschaftliche Beziehungen zu Weibchen und sind zeitlebens auf die Unterstützung durch ihre Mütter angewiesen. Männliche Schimpansen hingegen nutzen eine Mischung aus Kooperation und aggressivem Verhalten, um in der Gruppe „ihren Mann zu stehen“. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Sozialsysteme der beiden Schwesternarten.

Während einige Forscher die Unterschiede im Verhalten auf die Dominanzverhältnisse zwischen Frauen und Männern in der Gruppe zurückführen, sehen andere sie in einem verlangsamten Prozess des Erwachsenwerdens der Bonobos. Eine Forschungsgruppe des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Royal Zoological Society of Antwerp hat deshalb die hormonellen Veränderungen von rund 200 in Zoos lebenden Bonobos und Schimpansen im Alter zwischen einem und 56 Jahren untersucht.

Die Analyse der Urinproben ergab, dass bei Schimpansen die Schilddrüsenhormone einen ähnlichen Verlauf aufweisen wie beim Menschen: hohe Werte in der Jugend und ein Abfall während der Pubertät. Nicht aber bei den Bonobos: Bei diesen zeigten die Messwerte des Schilddrüsenhormons T3 bis weit in das Erwachsenenalter jugendliche Werte. Im Gegensatz zu Mensch und Schimpansen behalten Bonobos also die jugendlichen Hormonspiegel bis ins hohe Erwachsenenalter bei. Anders als Schimpansen übertreffen männliche Bonobos ihre Weibchen sogar noch in der Konzentration der Schilddrüsenwerte. „Unsere Studie ergab, dass männliche Bonobos, die für ihr gering ausgeprägtes aggressives Verhalten bekannt sind, höhere Schilddrüsenhormonwerte hatten als Weibchen“, sagt Verena Behringer vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Hohe Schilddrüsenhormonwerte reduzieren möglicherweise die Aggression bei männlichen Affen.“ Möglicherweise bevorzugen die Bonobo-Weibchen mit Schilddrüsenhormon „gedopte“ Männchen als Paarpartner.

Darüber hinaus deuten psychologische Studien darauf hin, dass die kognitive Entwicklung bei Bonobos im Vergleich zu Schimpansen verzögert ist. Von Schimpansen ist bekannt, dass im Alter von zehn Jahren sowohl das Wachstum des Gehirnvolumens als auch das Knochenwachstum abgeschlossen ist. Der spätere Abfall der Schilddrüsenhormone im Urin der Bonobos könnte also darauf hindeuten, dass sich ihre geistigen Fähigkeiten später entwickeln.

„Jetzt gilt es herauszufinden, welche biologische Bedeutung die erhöhten Schilddrüsenhormone bei den Bonobos im Detail haben“, sagt Verena Behringer. „Da der Schilddrüsenhormonabfall des Menschen zwischen dem von Bonobos und Schimpansen liegt, ist noch offen, welche der beiden Arten den ursprünglicheren Schilddrüsenrhythmus präsentiert. Mit anderen Worten, ob der Schimpanse frühreif oder der Bonobo ein Spätzünder ist.“

Ansprechpartner

Dr. Verena Behringer
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon: +49 341 3550-245
E-Mail: verena_behringer@eva.mpg.de
Sandra Jacob
Pressebeauftragte
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon: +49 3 419952-122
E-Mail: jacob@eva.mpg.de
Originalpublikation
Verena Behringer, Tobias Deschner, Róisín Murtagh, Jeroen M.G. Stevens, Gottfried Hohmann

Age-related changes in Thyroid hormone levels of bonobos and chimpanzees indicate heterochrony in development

Journal of Human Evolution, DOI: 10.1016/j.jhevol.2013.09.008

Dr. Verena Behringer | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/7661948/bonobos_schilddruesenhormone

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Auf der Suche nach Universal-Grippeimpfstoffen – Neuraminidase unterschätzt?
21.06.2018 | Paul-Ehrlich-Institut - Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel

nachricht Organische Kristalle mit Twist und Selbstreparatur
21.06.2018 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der “Stein von Rosetta” für aktive Galaxienkerne entschlüsselt

21.06.2018 | Physik Astronomie

Schneller und sicherer Fliegen

21.06.2018 | Informationstechnologie

Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

21.06.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics