Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Blümchensex – Kamillenzucht für die Arzneimittelproduktion

26.11.2013
Verglichen mit der Tier- und Menschenwelt geht es im Pflanzenreich bei der Fortpflanzung bunt zu.

Forschende der Vetmeduni Vienna beschäftigen sich seit Langem mit der Weiterentwicklung der Kamille als Arzneipflanze. Sie versuchen ohne gentechnische Maßnahmen länger blühende Kamillensorten zu identifizieren und den Anbau der Arzneipflanze so zu erleichtern. Ihre Methoden und Ergebnisse veröffentlichten sie kürzlich in den Fachmedien.


Gefärbte Kamillenpollen unter dem Mikroskop.
Bild: Bettina Fähnrich / Vetmeduni Vienna

Die Kamille ist eine Heilpflanze, die vor allem bei Magen- und Darmerkrankungen auch in der Veterinärmedizin eingesetzt wird. Agrarwissenschafterin Bettina Fähnrich vom Institut für Tierernährung und funktionelle Pflanzenstoffe hat sich auf die Genetik der Kamille (Matricaria recutita) spezialisiert. Die Forscherin ist auf der Suche nach Kamillensorten mit einem triploiden (dreifachen) Chromosomensatz anstelle des natürlichen diploiden (doppelten) Satzes.

Die triploide Form ermöglicht eine länger währende Blüte und verlängert deshalb den Erntezeitraum. Triploide Kamillen produzieren außerdem vorwiegend sterile Samen. Diese Eigenschaft bremst die Fortpflanzung ein. Es entwickeln sich also weniger fertile Samen, die im Folgejahr noch einmal keimen könnten. Das ist wichtig, denn diese neuen Pflanzen müssten in der nächsten Saison, wenn eine andere Frucht am Feld angebaut wird, als Unkraut entfernt werden.

Die Kamille ist genetisch gesehen konservativ

Viele Pflanzen verändern ihren Chromosomensatz im Laufe der Evolution auf natürliche Weise und passen sich so den äußeren Umständen an. Nicht so die Kamille. „Es ist sehr schwierig, an der Kamille zu forschen, da sie sehr konservativ ist. Das heißt, sie verändert sich genetisch nur sehr ungern und paart sich nur mit ihresgleichen. Andere Pflanzen sind da viel flexibler“, beschreibt Fähnrich. Beim Anbau anderer Zierpflanzen wie Tagetes oder Begonien, oder auch zur Gewinnung mancher Obstsorten ist die Erzeugung triploider Chromosomensätze mittlerweile üblich.

Bestimmter Chromosomensatz macht die Kamille zur attraktiven Anbaupflanze

Um solche triploiden Kamillen hervorzubringen, kann man sie gezielt züchten oder nach spontanen Triploiden in der Natur suchen. Da Chromosomensätze bei Pflanzen ja variabel sein können, hofften die Botaniker auf einen triploiden Fund. Leider war diese genetische Form nicht dabei. Bei bestimmten, genetisch veränderten (tetraploiden) Sorten, also solchen mit vierfachem Chromosomensatz, fanden die Forschenden häufige Abweichungen in der Chromosomenzahl. Die ursprünglich künstlich hergestellten tetraploiden Sorten scheinen ein instabileres Genom zu besitzen als die natürlichen Formen. Dennoch produzierten diese instabilen Sorten keine triploiden Formen.

Das Befruchtungsverhalten der Kamille genau untersucht

„Will man Pflanzen erfolgreich züchten, muss man zuerst wissen, wie sie es miteinander tun“, so Fähnrich. Deshalb untersuchte die Kamillengenetikerin über 300 verschiedene Kamillenpflanzen aus sechs Sorten auf ihre Befruchtungsfähigkeit hin. Sie kreuzte alle Sorten untereinander. In der nächsten Generation nahm die Fruchtbarkeit der Pollen ab. Dann bestimmten die Forscher noch, welche beiden Sorten gekreuzt die unfruchtbarsten Nachkommen produzieren. Genau diese Sorten sind dann erfolgversprechend für die Zucht. Sorten, die wenig Pollen produzieren, sozusagen steril sind, können gezielt für Kreuzungen verwendet werden. Diese werden dann von anderen Sorten gezielt befruchtet.

Generell gibt es Pflanzen, die sich nur selbst befruchten und wiederum Pflanzen, die nur Fremdbefruchtung zulassen. Manche Pflanzen machen beides. Den Grad der verschiedenen Befruchtungsarten zu bestimmen, ist ein Thema in Fähnrichs Forschung. Bei der Kamille sind beispielsweise Sorten gefragt, die sich nicht selbst befruchten. Dann können gezielte Kreuzungen durchgeführt werden.

Forschen für die Pflanzenheilkunde

Die Pflanzenheilkunde ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, auch in der Veterinärmedizin. Die Kamille wird sehr häufig in der Alternativmedizin eingesetzt, allerdings in Österreich selten angebaut. Momentan wird der Großteil der Kamille, die in Österreich verarbeitet wird, aus Südamerika, Ägypten und Osteuropa importiert. Fähnrich betreibt ihre Grundlagenforschung auch, um den Anbau der Kamille für österreichische und mitteleuropäische Betriebe wieder attraktiv zu machen.

Die Studie „Self-incompatibility and male sterility in six Matricaria recutita varieties” von B. Fähnrich, P. Nemaz und Ch. Franz wurde im Journal of Applied Botany and Food Quality veröffentlicht.

http://pub.jki.bund.de/index.php/JABFQ/article/view/2468

Die Arbeit “Ploidy Level and Reproductive Trait Analysis in Three Matricaria recutita Cultivars” von B. Fähnrich, C. Dobes und Ch. Franz wurde im Journal Cytologia publiziert.

http://bit.ly/17Oa3PG

Über die Veterinärmedizinische Universität Wien

Die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna) ist die einzige veterinärmedizinische, akademische Bildungs- und Forschungsstätte Österreichs und zugleich die älteste im deutschsprachigen Raum (gegründet 1765). Die Vetmeduni Vienna forscht an Themen, die für die Gesellschaft bedeutend sind. Ihr Augenmerk gilt der Tiergesundheit ebenso wie der präventiven Veterinärmedizin, dem öffentlichen Gesundheitswesen genauso wie der Lebensmittelsicherheit. Im Forschungsinteresse stehen die Schaffung wissenschaftlicher Grundlagen für das Wohlbefinden von Tieren, Themen der Tierhaltung, des Tierschutzes und der Tierethik.

Die Vetmeduni Vienna beschäftigt 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bildet zurzeit 2300 Studierende aus. Der Campus in Wien Floridsdorf verfügt über fünf Universitätskliniken und modernste Forschungsinfrastruktur. Zwei Forschungsinstitute am Wiener Wilhelminenberg sowie ein Lehr- und Forschungsgut in Niederösterreich gehören ebenfalls dazu. http://www.vetmeduni.ac.at

Wissenschaftlicher Kontakt:
Dr.nat.techn. Bettina Fähnrich
Institut für Tierernährung und funktionelle Pflanzenstoffe
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 20577-3104
bettina.faehnrich@vetmeduni.ac.at
Aussenderin:
Heike Hochhauser
Public Relations
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 25077-1151
heike.hochhauser@vetmeduni.ac.at

Heike Hochhauser | idw
Weitere Informationen:
http://www.vetmeduni.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zirkuläre RNA wird in Proteine übersetzt
24.03.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen
24.03.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise